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"Verzeih mir meine Schrift, aber ich schreibe im fahrenden Zug, das Papier auf den Knien und nur eine dünne Zeitschrift als Unterlage. Ist nicht der erste Versuch (und der letzte wohl auch nicht)! Zweimal schon habe ich angesetzt und bin jedesmal vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. Die Vergangenheit zu beschwören, das gerät meistens larmoyant. Ich bin Literaturwissenschaftlerin und muss es wissen! Also keine Retrospektive, keine Analyse des Seelenheils- und unheils der Frau Weber! Was ich tun kann und muss, ist, dir genau zu berichten, wie sich unsere Tragödie entwickelt hat, während wir nicht auf der Bühne standen. Alles weiss ich natürlich nicht.

Im Frühsommer vorigen Jahres wars. Ich vermisste meinen Garagenschlüssel, hatte es eilig und suchte nach dem meines Mannes. Hanns-Lothar hatte Besuch, ich wollte nicht stören. Seine Schlüssel steckten gewöhnlich in der Hausjacke, und die hing über einem Stuhl im Fotolabor. Das Fotolabor war SEIN Ort, sein Refugium, für mich tabu. Ich ging ganz schnell rein und wollte ganz schnell raus. Den Schlüssel fand ich in der Tasche, wunderbar. Auf dem Tisch lag ein Stapel frisch entwickelter Fotos, und er konnte fotografieren, glaub mir. Ich wollte nur mal drübergucken. Du kannst dir denken, was ich entdeckte. Sie lagen ganz unten: drei Aufnahmen von Egbert, eine, die sein Profil zeigte, zwei mit ordinärer Vergrößerung des bestimmten Körperteils. Ich war - schockiert. Wahrscheinlich hätte ich das sofort wieder vergessen und mich höchstens darüber gewundert, wie kindisch Männer sein können, wenn sie getrunken haben. Aber auf dem Originalfoto erkannte man nicht nur Egbert. Am rechten Rand, abgeschnitten, das Gesicht eines Mädchens, ihr nacktes Bein. Gerade mal 13 oder 14, würde ich schätzen. Ich habe die Bilder an mich genommen. So wie ich einem Schüler pornografischen Schmutz weggenommen hätte. War kein Schüler. War mein Mann. Ich sagte nichts. Ich konnte nichts sagen.

Freitags traf sich Hanns-Lothar regelmäßig mit Freunden "Gedankenaustausch". Zehn Jahre lang hab ichs geglaubt. An diesem Freitag nach der Entdeckung bin ich ihm nachgefahren. Zuerst ist er tatsächlich in ein Lokal. Durch das Fenster konnte ich Prinz und Dorsten erkennen. Sie saßen eine halbe Stunde beieinander, tranken etwas, redeten, lachten. Ich dachte: Geschieht dir recht, du dumme Kuh. Fahr wieder heim. Und dann haben sie gezahlt und sind gegangen. Es war kurz vor sechs. Sie gingen zu Fuß, Richtung Gymnasium. Was wollten die dort? Vor Wollheims Geschäft blieben sie einen Moment stehen. Sahen ins Schaufenster, betraten den Laden. Ich wartete auf der anderen Straßenseite hinter einem geparkten Lieferwagen. Fünf Minuten später kamen drei junge Mädchen, und eins sah aus wie die Kleine auf dem Foto. Gut. Schlimm. Mein Mann betrügt mich, er hat Sex mit Kindern. Ich werde mich scheiden lassen. Aber als ich heimfuhr - du kannst dir sicher vorstellen, wie - habe ich mich an etwas erinnert. Eine völlige Banalität, eigentlich. Zwei Wochen vor Judiths Selbstmord sind wir morgens zur Schule gegangen. Spät dran waren wir, auf mich wartete in der ersten Stunde eine Mathearbeit. Mir fiel ein, daß ich noch ein Heft brauchte für Gemeinschaftskunde. Der alte Vorell war da sehr pinkelig, wie du dich vielleicht noch entsinnen kannst. Heft voll - neues raus! Die Zeit war knapp. Judith, sagte ich, da hast du zwei Mark, kauf mir ein Din A4 Heft, rautiert und behalte den Rest. Gib mir das Heft in der großen Pause. Sie antwortete: Nein. Ziemlich ruhig. Ich: Jetzt sei nicht so eklig, mein Gott, du wirst immer unausstehlicher! Sie blieb stehen, schrie es mir ins Gesicht: Nein, nein, nein! Ich geh da nicht mehr rein! - Es war ein kleiner Tobsuchtsanfall. Sie rang nach Luft. Sie heulte und schrie: Neinneinnein! Und ich? - Ich törichtes Mädchen? Ich hielts für die lästigen Begleiterscheinungen der Pubertät! Mein Gott! Aber als ich nach Hause fuhr, fünfundzwanzig Jahre später, und ich hatte gerade meinen Mann in ein Schulmädchenbordell gehen sehen - durch den Laden des Wollheim! - da wusste ich, warum sie so außer sich geraten war. Dass Sie in Ihrem Tagebuch nicht dich gemeint hat, sondern IHN. Oder einen seiner Kunden. Und mir dämmerte: Wenn du damals gefragt hättest, was los ist - Sie geschüttelt hättest - SAG MIR, WAS MIT DIR LOS IST! - dann, wer weiss, wäre alles anders gekommen.

Was sind wir für unausgegorene Geschöpfe! Wurde ich zornig? Habe ich Wollheim zur Rede gestellt? Meinen Mann? Egbert? Die Polizei informiert? Nichts davon. Ich wurde apathisch. Kam heim, ging ins Haus, schaltete den Fernseher an, schaute einen Krimi. Hanns-Lothar kam gegen elf. Er küsste mich auf die Stirn. Wir zogen uns um und gingen zu Bett. Wir lagen nebeneinander, wir schliefen ein und wachten auf und schliefen ein und wachten auf."

 

Walter Dorsten Egbert Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Prinz Diana Weber Herr Weber Herr Wollheim
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