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Nein, ich bin nicht aufgesprungen und habe ihm in die Fresse geschlagen. Wollheim hörte sich an was ich sagte, eine Stimme im Radio in einem Hörspiel eventuell, man könnte irgendwann gelangweilt abschalten und der stummen Schlacht auf dem Bildschirm das letzte bisschen Aufmerksamkeit des Tages schenken. Aber ich ließ mich nicht abschalten. Wollheim dachte nach. Er könnte den Ausfluss seiner Tränen beschleunigen, Sturzbäche durch die Canyons seines Gesichtes schicken. Leugnen? Es gab nichts zu leugnen. Abschwächen. Er rieb sich die Augen.

"Ich wollte das nicht."

Die Standardantwort. Man hätte schreien mögen vor lauter Enttäuschung über soviel Phantasielosigkeit. Sie sind doch einer, der pausenlos nachdenkt, Herr Wollheim! Warum fällt Ihnen nichts besseres ein? Sie sind ein tolles Exempel für meine These, daß es auf das WIE ankommt. Dachte ich, sagte ich nicht. Ließ ihn reden.

"Sie hat eine Bravo gestohlen, ich habe sie dabei ertappt. Unterm Pulli versteckt, wollte sie nicht hergeben, und ich dürfe sie nicht anfassen, das hätte sie in der Bravo gelesen, das sei sexuelle Belästigung. Sie reizte mich. Hielt die Hände vor der Brust verschränkt. Ich griff ihr unter den Pulli, um das Heft hervor zu ziehen. Spürte ihre Haut. Da wars vorbei. Sie können das nicht verstehen, natürlich nicht. Ich verstehs am allerwenigsten."

"Ich kann Ihnen nichts beweisen, Wollheim. Aber ich vermute mal, auf die Masche mit den ertappten Sünderinnen haben Sie dann zurückgegriffen, um Frau Siebenlists Bordell zu bestücken."

Er schlug wieder die Hände vors Gesicht.

"Glauben Sie mir: Das mit der kleinen Judith war eine einmalige Verfehlung."

Verfehlung? Warum sprachen diese Burschen immer von "Verfehlung"?

"Als ich erfuhr, was passiert war - ihr Selbstmord - - - Sie können sich nicht vorstellen, wie es in mir aussah."

Ich wünschte, er würde die Schnauze halten. Ich verfluchte die Rudimente der christlich-abendländischen Erziehung, die ich trotz wackersten Bemühens nicht aus mir heraus kriege. Selbstmitleid. "Verfehlung". Hatte sich Judith umgebracht, weil ihr ein alter Lüstling unter den Pulli gegriffen hatte? Was geschah weiter? Hat Wollheim den Laden abgeschlossen, sich an dem Mädchen vergangen? Ihr gedroht, sie erpresst, zu sich bestellt, als er alleine war? Auch andere Männer drübersteigen lassen? Seine Frau wusste, warum sie ihren Mann in ein Schreibwarengeschäft verbannt hatte. Umsonst. Ein schwerer Fehler.

"Ich bin nicht Ihr Richter, Wollheim. Erzählen Sie weiter. Wie haben Sie die Mädchen gefügig gemacht?"

"Wie sie schon sagten. Viele klauen mal was, weil das Taschengeld nicht reicht. Man sieht es ihnen an, wenn sie ins Geschäft kommen. Erfahrung, Menschenkenntnis. Mit dem Erziehungsheim wird gedroht, mit einem aufgestockten Taschengeld gelockt. Ja, so fing es an. Aber glauben Sie mir: Später kamen viele Mädchen freiwillig. Sie wollten Geld verdienen. Das rechtfertigt natürlich nichts."

Zehn Jahre lang betreten kleine Mädchen das Geschäft, passieren die Verbindungstür zum Treppenhaus, steigen hinauf zur Wohnung der Frau Siebenlist, werden eingelassen und in ein Zimmer geführt. Dort wartet vielleicht schon der Freier, dem es auf gleiche Weise gelungen ist, das Bordell unauffällig zu betreten. Wer achtet schon auf Kunden? Wer stoppt die Zeit, die sie in einem Geschäft verbringen? Sie warten auf das Mädchen und spielen, bis es kommt, mit dem Teddybären. Oder die Mädchen warten auf die Männer und knuddeln vorher das weiche Spielzeug. Zum Kotzen, zum Kotzen, zum Kotzen.

 

Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Herr Wollheim
Der große Unbekannte
Karl-Olaf Horst
Heidemarie Siebenlist
Herr Wollheim

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