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"In einem kleinen schäbigen Hotel. Morgen geht es weiter, ich weiss nicht wohin. Du dürftest dich nach meinem ersten Brief gefragt haben, wie ich es an der Seite dieses Mannes aushalten konnte. Ich habe tatsächlich nichts gesagt, ihn nicht zur Rede gestellt. Wenn er zu mir gekommen ist, nachts, war es eine lästige Störung meines Schlafes, die Teilnahme daran, wie er seinen Samen abschlug. Geschah nicht mehr oft. Mein Haar ist grau geworden, er hat es beiläufig festgestellt und mir geraten, es färben zu lassen. Aber ihn störe es nicht. Ich täte es für mich. Warum habe ich geschwiegen. Kein Fragezeichen. Ich habe geschwiegen. Irgendwann merkte ich, daß mein Mann nervös wurde. Er vermisste die Fotos. Hatte er mich in Verdacht? Unsicher, lauernd. Ich ließ mir nichts anmerken. In der Schule habe ich es vermieden, an all das zu denken. Nur nicht mehr die Mädchen in der großen Pause betrachten, wenn sie giggelnd zusammenstehen und sich hinter vorgehaltener Hand ihre Geheimnisse preisgeben. Ich dachte an dich. Habe ich dir schon gesagt, daß ich mir immer vorgestellt habe, wie du wohl geworden wärst, hätte sich Judith nicht umgebracht, hätten wir dir nicht Unrecht getan? Ein guter Schüler warst du ja nicht gerade. Und Lehrer? Doch, ich bin sicher, du wärst Lehrer geworden. Kein besonders fähiger. Zu stur. Zu moralisch. Du sollst die Schüler auf das Leben vorbereiten, und das heisst: Mach sie zu Duckmäusern, damit sie in Ruhe ihre Jahre ableben können. So gesehen habe ich wundervolle Lehrer gehabt.

Wir hätten geheiratet. Und das war mein Anker, verstehst du? Dass du genau so geworden wärst wie diese Sau, deren Namen ich trage. Ein fähiger Pädagoge, ein fürsorglicher Ehemann. Das beruhigte mich. Ich dachte: Schön, es wäre mit ihm nicht anders geworden als mit dem=da. Kann sein, ER läge jetzt neben dir, erschöpft vom Begatten, und als er dich nahm, hat er kleine Mädchen auf der schmierigen Leinwand seiner Vorstellung agieren lassen. Ich habe mich mit der Hoffnung getröstet, daß du NICHT so geworden bist, weil man dir keine Chance gegeben hat, so zu werden. Ich habe dich beneidet. - Dummes, larmoyantes Geschwätz. Ich erfuhr aus der Zeitung vom Tod der Frau Siebenlist, und ich erfuhr von den fünf Schlafzimmern. Las deinen Namen unter den Artikeln und sagte mir: Das ist brutale Ironie. Er schreibt über etwas und ahnt nicht, wie sehr es mit seinem Schicksal zusammenhängt. Darum die beiden Fotos. Du solltest wenigstens wissen, daß mehr hinter den Dingen steckte. Aber du durftest nicht wissen, was genau.

So. Ich mache Schluss für heute. Kann von Glück sagen, wenn mir kein Ungeziefer in meinem Bett seine Aufwartung macht. Trete noch einmal ans Fenster und schaue hinaus. Die nächste Fahrkarte habe ich in der Tasche. Wohin? Zu einem anderen Bahnhof, eine nächste Fahrkarte kaufen. Ich melde mich noch einmal. Machs gut."

*

Ich bin ein manischer Sammler von Tatsachen, Gesine. Sperr mich in ein Archiv, und du siehst mich niemals wieder. In Wollheims Wohnung jedoch, am 23. Juni, trieb mich nichts zu letzten Erkenntnis, nichts spornte mich an, auch noch das geringste aller Mysterien zu entschlüsseln. Ich fragte nicht, wieviel den Freiern ihr Vergnügen wert gewesen war. Und ich fragte nicht nach den Mädchen. Ist das nicht merkwürdig? In dieser ganzen Geschichte spielen die wirklichen Opfer keine Rolle.

"Warum haben Sie die Siebenlist die Treppe runtergestoßen?"

Wollheim stöhnte. "Warum. Sie hatte den letzten Kunden in dieser Nacht heraus gelassen. Und - und das Mädchen. Eins von denen, die es freiwillig machten, eine Streunerin. Frau Siebenlist kam hoch und klingelte. Sie riss mich aus dem Schlaf. Ich muss fort, Herr Wollheim. Ich halts nicht mehr aus, ich geh fort und ich brauche Geld. - Wozu? Wozu brauchte sie Geld? Sie hatte Geld! Eine ältere Frau! Und fortgehen! Nicht mehr aushalten! Alles erlogen, um mich zu quälen. Ich habe gesagt: Kommen Sie rein, wir wollen darüber reden. - Und wieder diese verfluchte Handbewegung, mit der sie einen wegwischen konnte, einem die Worte ausradieren. - Geld, Herr Wollheim. Eine halbe Million! Verkaufen Sie das hier! - Dreht sich um und geht. Lacht, schäbig, perfide. Wahrscheinlich wollte sie mir eine schlaflose Nacht bereiten, gehörte alles zu ihrem Wahn, Macht ausüben zu können, willkürlich Leben zu zerstören. Am nächsten Morgen wäre Sie gekommen - Na, Herr Wollheim, gut geschlafen? War nur ein Scherz! Hahaha! - Sie ging die Treppe zu Ihrer Wohnung runter. Ich bin ihr nach. Die Tür steht offen, sie will rein. Ich halte sie an der Schulter fest, sie weicht zur Seite, tritt auf eine Stufe, schreit mich an - Was wollen Sie, Herr Wollheim! - und da hab ich ihre Schulter fest in meine Hand genommen, habe gedrückt und sie von mir gestoßen. -"

Er schaute auf den Bildschirm, durch den Bildschirm, irgendwo hin.

Ich erhob mich, ging zum Schrank mit den Getränken, nahm die Flasche Cognac und zwei Gläser aus dem Seitenfach. Stellte die Gläser auf den Tisch, schenkte uns ein.

"Trinken Sie. Zur Feier des Tages."

Er verstand zunächst nicht. Es dauerte eine Weile, bis er das Glas nahm und austrank. Ich schenkte nach.

"Zur Feier des Tages? Dass sie mich überführt haben, mich der Polizei ausliefern und einen schönen Artikel schreiben können?"

"Zur Feier des Tages. Passen Sie auf: Sie sind ein alter Mann, und mir ist nicht daran gelegen, Sie ins Gefängnis zu bringen. Sie sind ein alter Mann - und sollten sich zurückziehen. Haben Sie Ersparnisse? Lebensversicherung?"

"Ich arbeite nur noch -"

"- zum Spaß. Ja, ja. Sie ziehen sich zurück. Weit weg. Vorher überschreiben Sie mir das Haus, gegen Zahlung einer mäßigen Leibrente. Ich werde Ihr Geschäft weiterführen, und ich denke, das macht wett, was Sie mir angetan haben."

"Ihnen angetan?"

Ich erzählte es ihm.

"Denken Sie nicht auch, es wäre angemessen, mir ein ruhiges Leben zu ermöglichen, wenn ich Ihnen im Gegenzug ein ebensolches anbiete? Ich will Ihnen nicht drohen. Dass Sie jederzeit entlarvt werden können, wird Ihnen selbst klar sein. Die Mädchen, die Freier: irgend jemand wird reden."

Die Norweger hatten den Ausgleich erzielt. Wollheim lächelte gequält, resigniert.

"Bis wann muss die Angelegenheit abgewickelt sein?"

Ich starrte auf den Bildschirm. Die Brasilianer, aufgeschreckt, schockiert, teilnahmslos.

"12. Juli. Machen Sie die Papiere fertig. Wir treffen uns bei mir. Sollte etwas notariell beglaubigt werden müssen, holen wir das schnellstmöglich nach. Wir telefonieren."

"Wird auch so gehen." versprach der Alte.

Er brachte mich hinaus. Letzter Blick zum Spiel: Ein Norweger namens Flo dringt in den Strafraum der Brasilianer ein, um einen Elfmeter zu provozieren. Er wird es immer und immer wieder versuchen. Vor der Tür. Ich gehe grußlos.

"Wollen wir uns nicht die Hand geben?"

Umdrehen. Das nächste, von dem ich weiss, sind braune Halbschuhe und gelbe Socken.

 

Andre Flo Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Diana Weber Herr Weber Herr Wollheim
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