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"Ich hoffe, es geht Ihnen gut."

Bin eingenickt und habe ihn nicht kommen hören. In Paris dürften sie jetzt die ersten Bälle übers Feld schlagen. Gegen acht hat Petra angerufen, aufgekratzt: "Er hat die Hosen runtergelassen! Kapierst du? Die Hosen runter! Und davor seine Rede, Mensch! Unglaublich, ohoh! Wir werden morgen Rekordquote haben, die Tagesschau hat sich gemeldet, alle, alle, die Privaten, alle, international - oh, ich dreh durch! Woher wusstest du das nur!"

Auf meine Antwort ist sie nicht sonderlich erpicht.

"Du, ich muss aufhören. Wir schneiden gerade! Hörst du im Hintergrund die Telefone? So geht das seit ner Stunde! Tschüs!"

"Guten Abend, Herr Wollheim." grüße ich ihn, der sich einen Stuhl geholt hat und an meinem Bett sitzt, die speckige Aktentasche auf dem Schoß.

"Es tut mir leid." sagt er. "Ich fühle mich ein wenig mitschuldig an ihrem Unfall. Sie sind richtig erschrocken, als ich die Hand ausgestreckt habe. Dachten Sie etwa..."

"Vergessen, Herr Wollheim, vergessen. Lassen Sie mir dieses kleine Geheimnis als Stoff zur Interpretation, wenn ich hinter der Theke sitze und auf Kundschaft für meine Superbleistiftauswahl warte." (Und meine Wohnung? Hat er sie durchsucht? Oder hat den pingeligen Meinsell mein Gewohnheitschaos auf abwegige Gedanken gebracht? Nicht mehr nachzuvollziehen, alles aufgeräumt.) "Haben Sie alles dabei?"

Er klopft auf die Aktentasche. "Hier drin. Wie telefonisch besprochen. Wegen der Leibrente müssen wir halt doch einen Notar bemühen. Ich denke, wir beide, der Notar und ich, können morgen vorbeikommen. Nur die Unterschrift. Über alles andere ist ja Einigkeit erzielt worden. Recht so?"

"Recht so."

"Ich gehe nach Kanada."

"Ach?"

"Ja. Meine Schwester lebt dort."

"Schön für sie. Legen Sie alles aufs Nachtschränkchen und gehen Sie bitte. Ich bin müde."

*

"Hallo. Letzter Brief. Wieder im Zug, rattatata, rattatata. Ich schulde dir noch einen kurzen Bericht über die Ereignisse an jenem Morgen, als ich dich verließ. Du hast geschlafen, ich wollte dich nicht - ach, Blödsinn. Ich war froh, daß du schliefst. Hanns-Lothar war schon wach. Er saß beim Frühstück, er sagte nichts. Ich sah ihn vor seinem Kaffee, seinem Marmeladebrötchen. Konnte sich nur mühsam beherrschen, dieses "Wo warst du?" zu fragen. Und als ich ihn so betrachtete, dieses Häufchen schlecht im Zaum gehaltener Emotionen, diesen wundervollen, gewissenlosen Pädagogen, da ist mir selbst alles abhanden gekommen, was ich mir in Jahrzehnten an Selbstbeherrschung habe aneignen müssen. Ich begann ein lustiges Lied zu pfeifen. Habe mich zu ihm an den Tisch gesetzt, mir Kaffee eingeschenkt. Ganz rotes Gesicht bekam er. Wollte etwas sagen, ich kam ihm zuvor: 'Ich habe dich heute nacht betrogen. Aber keine Angst: nicht mit einem Dreizehnjährigen.'

Er ist aufgesprungen. Er geriet in jene Erregung, von der ich glaube, daß sie auch in den Schlafzimmern der Frau Siebenlist gewütet haben muss, diese Unbeherrschtheit, der es gelingt, flugs ein ganzes Gebirge aus Bildung und Kultur und Moral zu zerbröseln. 'Du hast die Fotos genommen!' - 'Und dir nachspioniert!' Er kam auf mich zu. Ich bin auch aufgesprungen und ins Wohnzimmer gelaufen, er hinterher. Ich griff eine Buchstütze, ein Stück schweren Marmor. Hob das Gewicht - 'Bleib stehen' Er kam näher. Ich rannte ins Schlafzimmer, sprang aufs Bett, hatte die Buchstütze gehoben, warnte 'Bleib stehen! Verschwinde' Lass mich!' - keine Chance. Er kam näher. Und dann schlug ich zu. - Ersparst du mir weitere Einzelheiten? Danke. Glaub mir oder glaub mir nicht: Seit ich zugeschlagen habe, bin ich ruhig geworden, fast fröhlich. Jetzt treibt es mich fort, so leicht bin ich. Wieder werde ich gleich irgendwo ankommen und kurz bleiben und von irgendwo wegfahren. Geld habe ich reichlich. Es wird nicht ewig halten, aber werde ich ewig mich so treiben lassen können? Wohl nicht. Ich mache mir keine Gedanken darüber. Leb wohl. Der Zug bremst schon ab."

*

Das Spiel ist aus. Keine hupenden Autos? Keine explodierenden Feuerwerkskörper? Niemand, der die Nationalhymne, erste Strophe grölt? Phantastisch. Eine laue Nacht, die uns gemahnt, der Sommer habe noch gar nicht richtig begonnen oder sei schon vorbei.

"Von wegen 'Amnäsie'!" tadelt Gesine, aber nein: "Na gut, hättest du mir gleich von der Nacht des 23. erzählt, wäre die Geschichte nur halb so spannend geworden. Trotzdem möchte ich dich daran erinnern, daß du mir noch die Geschichte vom rollenden Auto schuldig bist!"

"Richtig; das unglückliche Ende meines treuen Golf. Gleich vorweg: Ich kann nur mutmaßen. Am nächstliegenden wäre zweifellos die Prinz / Dorsten / Weber - Konnektion. Weber dürfte nach meinen ersten Maxmarkt-Andeutungen der Bezug zu seiner Frau klar geworden sein. Er kannte die Geschichte von Diana und mir, er verdächtigte seine Frau, die Fotos entwendet zu haben. Nehme ich an. Frage: Woher wussten Prinz und Konsorten von meinem ja kurzfristig anberaumten Besuch in Schievers Haus? Wurde ich beschattet? Unwahrscheinlich. Steckt Schiever mit den Herrschaften unter einer Decke? Nicht auszuschließen, aber ich glaube es nicht. Fazit: die faktisch befriedigendste Variante des Tathergangs, doch weder in allen wesentlichen Punkten schlüssig noch zu beweisen.

Zweite Möglichkeit: ein Dumme-Jungen-Streich. Son Halbwüchsiger spielt an der Handbremse, der Wagen rollt abwärts. Den Jungen plagt das Gewissen, er beichtet alles seinen Eltern, die den Schaden anonym regulieren. Wieviel so was kostet, kann man rauskriegen. Dritte Möglichkeit: Wirklich ein Unfall; meine Schuld."

"Und die Bremsschläuche?" wirft Gesine ein.

Ich seufze. "Da sei der Einfachheit halber auf natürlichen Verschleiss getippt. So etwas ist Profisache, und einen echten Killer zu engagieren, traue ich selbst Prinz nicht zu, obwohl dem noch am ehesten. Zumal ja dann, wenn er tatsächlich dafür verantwortlich wäre, ein anderer die gelöste Handbremse auf dem Konto haben müsste. Nein, eins steht fest: Wer immer die Handbremse gelöst hat, hat mir das Leben gerettet."

Wir schauen uns unschlüssig an.

"Ich kenne dich ja noch nicht so gut." sagt Gesine ganz langsam - und dieses "noch" hallt in mir wie tausend Kirchenglocken zur Christmette - "Aber so gut kenne ich dich schon, daß du noch eine vierte Möglichkeit in deinem Köpfchen aufbewahrst. Raus damit!"

"Stimmt." Dramatische Pause. - "Diana wars!"

"Oh!" Gesine ist überrascht.

"Eine Panikreaktion. Vergiss nicht, was sie durchgemacht hat! Ich vergleiche das am besten mit einem erloschenen Vulkan. Vor fünfundzwanzig Jahren ist er ausgebrochen, dann hat er Ruhe gegeben. Sein Krater war zugeschüttet, mit einem Felsbrocken verstopft, meinetwegen, und auf der Lava gedieh ganz allmählich ein kleines grünes Idyll. Heirat, Beruf, Freunde - und dann: Es brodelt wieder. Nein, es brodelt und drängt hinaus. Diana erkennt, was damals wirklich geschah. Bloß - wie verhält sie sich? Zeigt sie die Bagage an? Stellt ihren Mann zur Rede? Reicht die Scheidung ein? Nichts. Der Krater bleibt verstopft. Nur ein kleines Loch hat sich Diana gestattet, um die unerträglichsten Gefühle herauszulassen. Sie schickt mir die Fotos. Doch je mehr ich nachforsche, desto größer wird die Gefahr, daß der Felsblock nicht mehr standhält. Sie fürchtet sich vor dem, was kommt. Sie fährt mir nach. - Das ist der schwächste Punkt in meiner Kette, ich weiss. - Sie gerät in Panik. Sie will nicht mit mir reden - also schickt sie mir eine Warnung - und löst die Bremse."

"Hm, hm, hm."

"Nicht überzeugt? Ganz ehrlich: Ich bin es auch nicht. Aber diesen Vulkan hat es gegeben, und wie nicht anders zu erwarten, ist der Druck zu stark geworden, hat den Felsen einfach weggeschleudert."

"Der Kegel ist explodiert. Sie erschlägt ihren Mann und verschwindet."

"Genau. Außerdem: Die Vorstellung, daß Diana mir das Leben gerettet hat, gefällt mir von allen am besten."

Sie lächelt.

Ich lege den Brief zu den anderen auf die Bettdecke.

"Damit wären wir durch, Gesine. Morgen kommt der Notar, in ein paar Wochen werde ich Betreiber eines Schreibwarengeschäfts. Die Computerecke schmeisse ich als erstes raus. Zu hektisches Publikum. Ich nehme Frau Siebenlists Wohnung, nach gründlicher Renovierung. Oben drüber das vermiete ich an Studenten. Oder soll ich ganz böse sein und Asylbewerber nehmen? Und ist die Siebenlist-Wohnung für mich nicht eigentlich viel zu groß? Wo ich nur EIN Schlafzimmer brauche?"

Sie reibt meine Nasenspitze mit ihrem Zeigefinger.

"Ich brauche dringend neue Bleistifte." flüstert sie.

E N D E

 

Walter Dorsten Egbert Der große Unbekannte Karl-Olaf Horst Gesine Krund Prinz Diana Weber Herr Weber Herr Wollheim
Walter Dorsten
Egbert
Der große Unbekannte
Karl-Olaf Horst
Gesine Krund
Prinz
Heidemarie Siebenlist
Diana Weber
Herr Weber
Herr Wollheim

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