Ruf doch mal an!

Ein Schiff wird kommen "Vorbei", dachte Andrej, als das Schiff internationales Gewässer erreichte, "aus und vorbei. Und dabei, vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, damals im Sommer '95, wenn ich nur..."

Ja, wenn! Schlagsahne hatte gefehlt und Kiwis. Wie hätte er die Scheißtorte fertig kriegen sollen? Die Torte sollte die Gastgeberin milde stimmen. Immerhin näherte sich die Party dem dritten Tag. Die Wohnung war voller leerer und halbleerer Bierflaschen. Die überwiegende Mehrzahl der Gäste schlief jetzt, schlief sich frisch für die neue Nacht. Wanda und Sven standen engumschlungen auf dem Balkon und schauten rechts am Haus entlang hinüber zur Bucht. Die Türme Danzigs glänzten in der Abendsonne.

"Ich geh runter und kauf was, soll ich einem was mitbringen?", rief Andrej ins Wohnzimmer. "Warte, wir wollen sowieso raus, Sven muß zu Hause anrufen, also Kiwis und Sahne, ja?" Und schon war das junge Glück im Fahrstuhl.

Im Fernsehen kamen Nachrichten. Irgendein deutscher Außenminister legte einen Kranz nieder. "Zehn Minuten hin, zehn Minuten zurück, sagen wir mal eine halbe Stunde... Dann nochmal zwanzig Minuten und die Torte ist fertig. Um elf kommt Magda vom Flughafen, frühestens! Bis dahin ist die Wohnung halbwegs in Schuß. Zum Baden reichts auch." Andrej ließ Wasser in die Wanne ein, legte eine alte Boy-George-Schnulze auf und machte sich mit dem Wischmop über den Küchenboden her.

Dann kam einer und sagte, dem Schweizer ginge es schlecht. Er hatte aufs Sofa gekotzt und war ohne Besinnung. Irgendetwas stimmte nicht und man einigte sich darauf, den Notarzt zu rufen. Wanda und Sven waren nach immerhin vierzig Minuten noch nicht zurück. Also beschloß Andrej, schnell rüber zum Non-Stop- Shop zu laufen. Von da aus konnte man anrufen, und den beiden Turteltäubchen würde er unterwegs Beine machen mit der Sahne...

Der Shop war zu und von Wanda und Sven keine Spur. Der nächste offene Laden war ein paar Straßen weiter. Wenn Andrej Magdas Käfer nahm, konnte er in zwölf Minuten zurück sein, inklusive Kiwis und Anrufen. Die Autoschlüssel klimperten in der Tasche.

Auf der Schnellstraße war einiges los. Der Verkehr floß jetzt in die andere Richtung. "Ebbe", dachte Andrej und freute sich über seinen schönen Einfall. Dann erinnerte er sich daran, daß er das Badewasser nicht abgedreht hatte. Im gleichen Augenblick rumpelte er gegen den weißen Kleinbus, der vor ihm angehalten hatte. Der Fahrer machte Probleme, obwohl der Wagen nichts hatte, wollte Geld und drohte, mit dem Autofunk die Polizei zu rufen. "Magda bringt mich um", dachte Andrej noch, als neben ihm der Schnellbus zum Hafen hielt. Sein Unfallkontrahent war mit dem Funk beschäftigt...

Jahre später, als Polen mit feierlichem Brimborium den Beginn des neuen Jahrtausends und den Eintritt in die EG feierte, ankerte Andrejs Frachter im Gdingener Hafen. Die Mannschaft hatte frei und so ging es mit dem Taxi erst einmal zum Danziger Hauptbahnhof, dann zu Fuß in die mit trinkenden und feiernden Menschen verstopften Straßen der Altstadt.

In einem Bierzelt am Grünen Tor traf Andrej dann Wandas Schweden von damals. Man begoß das Wiedersehen und Sven erzählte, wie der Schweizer schließlich doch wieder zu sich gekommen wäre. Er hätte gebadet und dann weitergetrunken. Die Torte hatten sie übrigens mit Pfirsischen gemacht, der Shop war zu gewesen, aber egal... Auf jeden Fall, als der Käfer wieder aufgetaucht war, mit der Beule vorne, war schon klar, daß Andrej irgendeinen Mist gebaut hatte und erstmal untergetaucht war. "Aber, Andrej, du hättest dich melden sollen. Magda hat sich solche Sorgen gemacht, sie hätte dir alles verziehen", fügte Sven mit vorwurfsvoller Stimme hinzu. Vor zwei Jahren hatte Wanda dann das Fliegen an den Nagel gehängt und einen Südafrikaner geheiratet. Sie lebte jetzt in Kapstadt. Vor einem Monat noch war eine Karte von ihr gekommen.

Ein paar Tage später war Andrej unterwegs nach Venezuela. "Vielleicht hätte ich sie doch anrufen sollen", dachte er, während er an der Microwelle vorbei aus dem Küchenfenster starrte. In grauer Dämmerung verschwammen Land und Meer.

Ein Ferngespräch kostet weniger als sie denken!


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