Chartskritik

Chartskritik 25.11.2002

Hätte nicht gedacht, dass es noch schlimmer kommen könnte als Nelly. Ging aber dann doch. Der Steuer-Song auf Nummer 1. Da geht mir doch das Messer in der Tasche auf. Für ein Land, in dem trotz vier Millionen Arbeitsloser niemand auf die Straße geht, leider nur konsequent. Da kann sich Herr Schröder – trotz des scheinheiligen Gejammeres seiner Frau – doch nur ins Fäustchen lachen. Mehr Widerstand als eine Lachnummer in den Charts hat er nicht zu erwarten, und das wird er zu interpretieren wissen. By the way, noch ein Wort zu seiner Frau: von einer ehemaligen BILD-Journalistin verbitte ich mir jegliche Belehrung über die Verantwortung der Medien!

Bin aber noch nicht fertig. Zu Ihnen, Elmar „Krisengewinnler“ Brandt: zu einem wirklich kritischen Text hat´s wohl nicht gereicht. Oder wär bei weniger Populismus zuwenig Geld in die Kasse geflossen? Der Steuer-Song ist Comedy im schlechtesten Sinne. Die CDU freut sich, und der SPD tut´s nicht weh. Aber mir.

Und noch jemand hat an diesem Wochenende gelitten. Stellt Euch vor, Ihr wärt ein kleines Popsternchen und habt ´ne neue Single. Da ist es doch super, wenn der Clip in den Viva-Charts läuft. Aber dann lest Ihr Euren Namen im eingeblendeten Insert, und da haben die tatsächlich Vor- und Nachnamen vertauscht! Zum Beispiel Hannah Audrey statt Audrey Hannah. Warum ich das erwähne? Weil die Frau Saarländerin ist und mal Moderatorin beim hiesigen Jugendradio war. Über den Rest schweig ich lieber still. Dünn, blond, Billig-Pop.

Super dagegen Ms. Dynamite mit „Dy-na-mi-tee“. Klingt zwar ´n bisschen wie Destiny´s Child, aber sei´s drum: smooth, schwebend und unendlich lässig. Wow. Außerdem war Moby noch mal zu sehen mit „In this world“ (Platz 81). Bei dem Video muss ich immer ein bisschen weinen, weil mich diese winzigen Marsmenschen mit ihren kleinen „Hallo“-Schildchen so anrühren. Kommen mit besten Absichten und werden fast überfahren! Schnüff.

Ansonsten nervt fast alles, was derzeit in den Charts mit Gitarren rockt. Am schlimmsten sind Nickelback („Too bad“), die ihren Stadionrock mit Betroffenheitsfressen garnieren, als würden sie gerade ans Kreuz genagelt. Gavin Rossdale klingt sogar noch mainstreamiger (ja, das geht), hatte aber immerhin vor´m Videodreh noch einen Termin bei seiner Stylistin. Die einzigen, die momentan was anderes als Drei-Akkorde-Rock mit ihren Gitarren hinkriegen, sind Coldplay.

Und ich hab einen neuen Lieblingssong, ich geb´s ja zu. Es ist die aktuelle Nummer 17, kommt von Shaggy und heisst „Hey sexy Lady“. Bin halt auch nur ´n Mensch.

(kp)

  1. Die Gerd Show
    Der Steuer-Song
  2. Nelly feat. Kelly Rowland
    Dilemma
  3. Ozzy Osbourne
    Dreamer
  4. Las Ketchup
    The Ketchup Song (Asereje)
  5. Jeanette
    Rock My Life
  6. Christina Aguilera
    Dirrty
  7. Ronan Keating feat. Jeanette
    We´ve got tonight
  8. Groove Coverage
    God is a girl
  9. Sarah Connor
    Skin on skin
  10. B3
    Tonight and forever