Chartskritik

Chartskritik 9.12.2002

Es gibt so Phänomene, die kapiert man nicht. Da dümpelt ein Super-Song – nämlich „Dy-na-mi-tee“ von Ms. Dynamite – am unteren Ende der Charts rum und kommt einfach nicht viel höher als Platz 81. Dafür ist ein total doofes Teil wie Khias „My neck, my back“ auf Platz 37. Wie geht das? Ich kann doch nicht einen solch exklusiven Geschmack haben, dass nur mir Ms. Dynamite gefällt! Mensch Leute, das ist momentan einer der besten Songs, die überhaupt in den Top 100 sind. Der gehört mindestens unter die ersten zehn!!!

Ansonsten unübersehbar: das Fest der Liebe naht. Was heisst: ein paar Weihnachtsleichen sind zurück aus der Versenkung. Melanie Thornton zum Beispiel, deren Cola-Song nur geringfügig aufgemotzt wurde. Und Wham! sind auf Platz 71 mit „Last Christmas“. Schreckliches Video, in dem so eine Gruppe gutgelaunter Yuppies Urlaub in einer Skihütte macht. Sieht furchtbar propper und heile-Welt-mäßig aus, und man ahnt, dass nur Psychopathen so Weihnachten feiern können. Ich glaube, es war dieses Video, das Ang Lee zum „Eissturm“ inspiriert hat.

Außerdem ist die Kelly Family wieder da mit „Ms. Speechless“. Für mich ja auch ´ne Weihnachtsband, weil ich die immer noch mit „An angel“ verbinde. Da gab´s allerdings ein netteres Video. In dem neuen ist Angelo Kelly fast nackt zu sehen, und das ist mehr als meine Augen vertragen. Sie sind freiwillig blind geworden.

Das zweithässlichste Video der Woche ist das von Dance Nation („Words“, ausnahmsweise kein 80er-Remake). Da springen ein paar Leute vor einer Blue Box rum, für die wahrscheinlich ein Praktikant die Hintergründe ausgesucht hat. Aus dem Label-eigenen Archiv, das die Größe eines Schuhkartons hat... Im Nebenjob schreibt dieser Praktikant übrigens die Inserts bei Viva. Diesmal war der Dreher bei Rosenstolz drin, deren Lied „Es tut immer noch weh“ heisst. Und nicht „Es tut noch immer weh“.

A propos wehtun. Es sind zwei neue 80er-Cover in den Charts. Und es sind nicht die besten 80er-Songs, die hier fröhliche Urständ feiern. Oder mochtet Ihr früher „Nothing´s gonna change my love (for you)“? Der Sänger trug mit Vorliebe vanillefarbene Hosen, weiße Socken mit Slippers und einen schwarzen Ledernblouson. Wahrscheinlich hat ihm seine Mutter die Klamotten morgens rausgelegt. Ich meine, er hieß Glenn Madeiros. Es geht aber noch eins drunter: die neue Version ist von Oli P.

Das andere Cover ist wieder typische Mark ´Oh-Scheiße. Und zwar vom Meister selbst. Diesmal hat sich Mark ´Oh einen zu Recht vergessenen 80er-Song vorgenommen und ihn vergewaltigt. Sofern das bei dem Titel noch möglich war: „When the children cry“, weiland von White Lion. Hab ich auch noch irgendwo auf Kassette. Bei Mark ´Oh: – Überraschung! – mit billigen Synthies und gepitchten Stimmen. In dem Video spielt übrigens ein kleines Mädchen mit. Mit langen, unnatürlich gelockten Haaren, wie sie nur unter den Händen genauso unnatürlich aussehender Stylistinnen wachsen. Ich kann mich irren, aber ich habe den Eindruck, dass dasselbe Mädchen noch in den Videos von Groove Coverage und Ozzy Osbourne mitspielt. Das rechnet sich für die richtig, da muss man nämlich nur noch die Klamotten wechseln, Frisur und Make up können bleiben. Die Stylistin guckt allerdings in die Röhre und hat das ganze auch schon der Gewerkschaft gemeldet.

Kleiner Tip zum Schluß: wer was richtig Schräges sucht, sollte auf Platz 55 gucken. Da gibt´s den „Hexen-Rap“ von – Bibi Blocksberg! Und ich merke, dass die früher völlig an mir vorbei ging. Ich wollte nämlich „Bloxberg“ schreiben. Bei der Hexe Schrumpeldei bin ich textsicherer.

(Katja Preissner)

  1. Die Gerd Show
    Der Steuer-Song
  2. Panjabi MC
    Mundian to Bach Ke
  3. Nelly feat. Kelly Rowland
    Dilemma
  4. Stefan Raab feat. Shaggy
    Gebt das Hanf frei
  5. Las Ketchup
    The Ketchup Song (Asereje)
  6. Ozzy Osbourne
    Dreamer
  7. Jeanette
    Rock My Life
  8. Groove Coverage
    God is a girl
  9. Groove Coverage
    God is a girl
  10. Sarah Connor
    Skin on skin