Chartskritik

Chartskritik 29.9.2003

Mh, wo fang ich denn heut mal an? Also gut, bei den Damen. Was ist das denn für ein Fummel, Evanescence-Sängerin Amy, bitteschön, den sie da tragen? Irgendwas Weinrotes mit ganz vielen Ledergürteln, bis unter die Achseln. Bei Dee Snider ausgeliehen? Bei Osbournes ausm Kleiderschrank geklaut? Ach bitte, der ganze Leder- und Schlaufenscheißdreck bei den Metal-Bands war doch in den 80ern schon peinlich. Aber ansonsten: „Going under“ (Platz 20) ist natürlich super!

Shania Twain, Sie haben gerade vier Country-Awards bekommen, wie uns Mola berichtet? Ja, singen Sie denn außer ihrem aseptischen Mainstream-Pop auch noch Country, oder nimmt man das in Nashville nicht so genau? Und tragen Sie da die gleichen öden Klamotten wie in Ihren langweiligen Videos? Mieder überm Abendkleid bei „Thank you Baby“ (Platz 25). Willkommen im Stadl.

An Stacie Orrico kommt man ja kaum vorbei, wenn man den Fernseher anmacht. In 80% der Fälle läuft auf MTV ihr „Stuck“ (Platz 17). Ich hab meistens schnell weggezappt, nachdem die Mickey Maus-Figur auf dem Nachttisch zu sehen war, weil der Anfang vom Lied ziemlich doof ist, aber jetzt hab ich gesehen, doch, es lohnt sich. Ist zwar nur ne Latina-Britney, aber das Lied ist wirklich kurzweiliger Teenie-Pop. Nur: hört doch mal auf, in solchen Videos mit Lippenstiften was auf Spiegel zu schreiben. Gut, hab ich früher auch gemacht, und wahrscheinlich finden die kleinen Orrico-Fans das toll, aber eigentlich ist es öd.

Aber das Grauenvollste, was ich in dieser Woche gesehen hab, war Judith Lefeber. Die, die bei den Superstars freiwillig raus ist. Neulich hab ich noch ein Interview von ihr gelesen. Da hat sie erzählt, dass sie ja ´ne richtige Gesangsausbildung hat und genau hört, wer keine hat. So wie Sarah Connor, die nicht profimäßig atmet oder so. Ja nur, Mädel, dann geh doch zur Oper. Oder zu „Cats“. Im Pop ist eine interessante Stimme immer noch wichtiger als eine gute... Es sei denn, man will mit 18 schon klingen wie 40. Und wer hat diese Schlaftablette von Song geschrieben („I will follow you“, Platz 18)? Und das Video produziert? In dem noch nichtmal alles lippensynchron gesungen wird. Aber bestimmt toll geatmet.

Es gibt aber auch schöne Sachen in den Top Hundert. Wir sind Helden auf Platz 73 („Aurelie“). Müsste natürlich in den Top Ten sein, ist einfach ein entzückendes Liedchen, und rockt auch noch. Dann Xavier Naidoo mit Rza auf Platz 12 („Ich kenne nichts“). Ist bisher etwas an mir vorbeigegangen, aber tatsächlich doch mal ein Naidoo-Lied, wo ich nicht sag Kotzwürg, sondern: Wow! Sind wirklich wunderschöne Harmonien, hat was Mystisches. Allerdings: aufpassen, Jungs! Wenn man so an der Hammondorgel sitzt, oder was das da ist, und so gebückt ins Mikro sitzt, kann die Atmung echt in die Binsen gehen...

Tja, jede Generation muss mit ihrer Version von „Spirit in the sky“ aufwachsen. Bei mir waren´s Doctor and the Medics, bei meinen Eltern noch Norman Greenbaum. Nur, die heutigen Kinder müssen auch noch mit Gareth Gates aufwachsen, und das ist besonders tragisch (Platz 15). Na, immerhin hat sich noch The Kumars und jede Menge Bollywood mit ins Video genommen, und das lenkt ein bisschen von ihm ab. Gottseidank.

Das Schlimmste in den deutschen Charts ist zur Zeit aber immer noch DJ Ötzi und der „Burger Dance“ (Platz 16). Wenn mein Kind in dem Video mitspielen würde, tät ich´s auf der Stelle zur Adoption freigeben, ich schwör´s. Wo sind wir nur gelandet? Oder kann man das mal wieder getrost auf die Nachbarn abschieben und fragen, wo sind nur die Ösis gelandet? Ich weiß nicht, so einfach darf man´s sich wohl nicht machen. Denn WIR haben´s gekauft. Oder: unsere Kinder. Die müsste man fünf Tage lang in einer Endlosschleife mit „Ganz unten“ als Hörbuch malträtieren, als Gegengift.

Ach, etliche Coverversionen sind noch in den Charts. Westbam demontiert „Like ice in the sunshine” (irgendwo in den 70ern) – hat ein bisschen gedauert, bis ich erkannt hab. Sehr cool! Das Video sieht aus, als hätte es Alexander Kluge inszeniert, mit Schriftbändern, sehr düster, in Schwarzweiß und so. Aber solang ich Alexander Kluge nicht sehen und hören muss, ist mir das egal.

Die Rolling Stones haben „Sympathy for the devil“ noch mal rausgebracht (Platz 22). Jetzt neu, mit 95 % mehr Bongos! Es klingt, als würde das gesamte Michael Flatley-Ballett nebenan proben, und der Typ mit dem Pullunder sieht aus wie Thomas Bug aus der Superstars-Jury. Mies, der ganze Song. Wegen der Bongos.

Und auf Platz 14 stehen Blank & Jones feat. Robert Smith: „A forest“. Hier hab ich eigentlich nix zu meckern. Blank & Jones sind wie immer gut, das Video ist ähnlich düster wie das von Westbam, und es groovt ganz heftig, wie immer bei Blank & Jones. Aber das Original war trotzdem besser. Im doppelten Sinn: Robert Smith sieht mittlerweile aus wie Boy George, der auf Robert Smith geschminkt ist.

Schließen will ich heute mit der Einsicht, dass meine Augen einfach zu alt sind für all diese wilden Crossover-Bands. Die sehen für mich alle gleich aus: Linkin Park (Platz 21), Limb Bizkit (Platz 13) und Evanescence (s.o.). Okay, das merk ich noch, da ist ´ne Frau dabei. Und Nickelback ist im Zweifelsfall der Typ mit der Pudelfrisur. Aber der Rest? Nein, keine Chance. Aber irgendwie beruhigend, dass ich seit der letzten Chartskritik nicht überraschend jünger geworden bin!

(Katja Preissner)

Die Top 10

  1. Die Ärzte:
    Unrockbar
  2. Lumidee:
    Never leave you (Uuh Oooh)
  3. Buddy vs DJ The Wave:
    Ab in den Süden
  4. Martin Kesici:
    Angel of Berlin
  5. Dido:
    White flag, nette ballade, groovy,
  6. Black Eyed Peas:
    Where is the love
  7. One-T & Cool-T:
    The magic key
  8. The Rasmus:
    In the shadows
  9. Mustafa Sandal feat. Gülcan:
    Aya Benzer 2003
  10. Scooter:
    Maria (I like it loud)