Die Nachricht vom entsetzlichen Zutodekommen des Dietmar Dielen scheuchte die Langeweile aus den tristen Tagen des zur Neige gehenden Jahres. Ganz Deutschland trauerte um den »König der Herzen« (SPIEGEL) und verfiel in kollektives Wehklagen, so dass selbst die Presse des befreundeten Auslands pikiert die Augenbrauen nach oben zog (»The Germans have turned into soft eggs« titelte der OBSERVER, und die NEW YORK TIMES stellte bestürzt fest: »Dietmar Dielen, Germany's answer to Bruce Springsteen, has become the most popular man since Adolf Hitler and Josef Neckermann.«).
Nur am Rande sei erwähnt, dass bereits unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Dielenschen Heimgangs ca. 5000 Frauen und Männer jeglichen Alters und jeglicher sexuellen Präferenz behaupteten, den auf so mysteriöse Weise verschwundenen Penis des Toten zu Lebzeiten als durchaus agiles Körperteil kennengelernt zu haben. Ganz schweigen wollen wir von der TEXT-Zeitung, die in immer neuen Schlagzeilen ihre Form von Pietät bewies (»Dielen – Tod beim Kindersex?« – »Biss Schlagerstar Michaela Dietmars Eier in Sextase ab?« – »Wo ist Dietmars Schwanz? Merkwürdige Versteigerung bei Sotheby's«).
Nein, auch gänzlich der Leichenfledderei unverdächtige Zeitgenossen profitierten vom Ableben des großen Künstlers, und Krawuttkes Liste der Verdächtigen wuchs in ungeahnte Dimensionen. So nannte zum Beispiel Hubert Lind, durch eine Laune des Zufalls zum Finanzminister der Republik aufgestiegen, Dietmar Dielen »ein leuchtendes Beispiel für alle Benachteiligten, und sind wir nun sicher, dass die Anpassung der Arbeitslosenhilfe an das Sozialhilfeniveau richtig war und ganz im Sinne des Verstorbenen.«
Das ZDF gedachte in der Sendung »André Rieu spielt die schönsten Walzer von Dietmar Dielen«, ein absoluter Straßenfeger, den große Werbepausen unterbrachen, in denen nicht nur wie gehabt für den LIFTA Treppenlift die Trommel gerührt wurde, sondern, aus gutem Grund, auch für KOTZEX, das Brechmittel für die Frau in den Wechseljahren.
Zu einer üblen Mode wurde es geradezu, von dem Vornamen Dietmar zu profitieren. So erregte der Fall des Dietmar R. großes Aufsehen, welcher mit dem Hinweis, er heiße Dietmar und sei daher mit Dielen weitläufig verwandt gewesen, mehrere Dutzend Damen zu intimen Handlungen überredete und nach genossener Liebesnacht mit den Ersparnissen der Düpierten auf Nimmerwiedersehen verschwand.
»Die Deutschen«, konstatierte der Philosoph Petrus Hoenisch, »die Deutschen zeigen endlich ihr wahres Gesicht als die Dummbeutel der Weltgeschichte, die Warmduscher in den Tropen der Globalisierung, die Arschgeigen im großen Orchester der Zeit.« Für diese Feststellung erhielt Hoenisch im Jahre 2004 den Goethepreis der Stadt Frankfurt.
Es dauerte zwei Tage, bis Stefania Dielen, nunmehrige Witwe, sich vom Schock der Leichenfindung erholt hatte und in der Lage war, Commissario Krawuttke zu einem ersten informellen Gespräch zu empfangen. Die Vorhänge im Schlafzimmer ihrer Hamburger Zweitvilla, wohin sie sich verkrochen hatte, waren zugezogen und füllten den Raum mit intimem Dämmerlicht. Krawuttke fühlte sich komisch. Da lag eine trauernde, betörend schöne Witwe auf französischem Bett, ein kaum etwas verhüllendes Negligé verhüllte kaum etwas von den Köstlichkeiten des Orients und Okzidents, welche in Stefania zu leibhaftiger Sinnenlust geronnen waren.
»Setzen Sie sich doch«, gestattete Stefania dem Kommissar eine erste Annäherung und wies auf die Kante des zart nach Rosen duftenden Bettes. Schwer sackte der Körper des Beamten in die Weichheit der Matratze, durch seine Gedanken mäanderte die Erinnerung an feuchte Jungenträume, da er sich als Eindringling in einen arabischen Harem sah, den er natürlich sexuell dermaßen aufmischte, dass es schließlich dem Scheich zu bunt und den Damen zu anstrengend wurde....usw., usf .... die Phantasien eines unschuldigen Knaben halt, der noch immer glaubte, die Brüste einer Frau wären irgendwie an ihren Oberarmen befestigt.
Rasch überzeugte sich Krawuttke, dass zumindest bei Frau Stefania davon keine Rede sein konnte. Die Halbkugeln des hormonellen Garten Eden wölbten sich halterlos unter dem wie gesagt kaum etwas verhüllenden Negligé, eine Meisterleistung, wie es selbst die Hexenmeister plastischer Chirurgie nicht besser hinbekommen hätten. Durch das Platznehmen des Commissario und die dadurch entstandene Matratzenschräge war der Körper Frau Stefanias in Bewegung geraten und gegen Krawuttkes linken Oberschenkel gerollt. Hatte sich der Beamte zunächst nur etwas mulmig gefühlt, so fühlte er sich nun verdammt mulmig.
Krawuttke war dafür berüchtigt, bei Verhören stets die falschen Fragen zu stellen, und alle wunderten sich, dass er zumeist die richtigen Antworten erhielt. Nach einer geziemenden Beileidsbezeugung, die von Frau Stefania mit dem Vergießen einer Träne quittiert wurde, begann der Commissario mit seinem schwierigen Geschäft.
»Haben Sie eine Ahnung, wer Ihrem Mann die Eier abgesägt haben könnte?«
Frau Stefania stöhnte laut auf, und fast hätte Krawuttke seine Frage bereut.
»Ich meine...«, korrigierte er sich »...wer könnte ihm denn die Männlichkeit amputiert haben?«
»Es...«, begann Frau Stefania tränenreich »...es ist einfach nicht vorstellbar, dass ein Mensch so grausam sein kann. Dietmar hatte viele Feinde. Neider, Sie wissen. Aber das...«
Sie richtete sich auf und zog ein spitzengeklöppeltes Taschentuch unter dem Kopfkissen hervor. Die Träger ihres Negligés waren verrutscht, die linke Brust Frau Stefanias ihrem zarten Nest entschlüpft und rieb sich an Krawuttkes Oberschenkel.
»Aber wissen Sie...«, fuhr die Witwe, nachdem sie sich geschnäuzt und ihr Negligé gerichtet hatte, fort, »mit dem Penis hat Dietmar ja schon immer so seine Probleme gehabt.«
Krawuttke horchte auf. »Ach, wirklich? Wie meinen Sie das?«
Frau Stefanias Kopf sank zurück ins Kissen. »Na, die Geschichte mit dem gebrochenen Penis zum Beispiel. Sicher haben Sie in den Zeitungen davon gelesen.«
Natürlich hatte Krawuttke nicht. Er las lediglich die TAZ, wo ihn eine solche Nachricht überrascht hätte.
»Äh...«, stotterte er »ich weiß nicht so ganz...«
»Nun«, half ihm Frau Stefania auf die Sprünge »Vor einigen Jahren hat Dietmar einen Penisbruch erlitten.«
»Beim Geschlechtsverkehr mit Ihnen?«, entfuhr es dem Commissario.
»Nein, nein.« Jetzt lächelte Frau Stefania beinahe. »Das war lange vor meiner Zeit. Und auch nicht beim Bum...beim Akt, meine ich. Dietmar hat sich den Penis in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt am Stuttgarter Hauptbahnhof gebrochen.«
Dem Commissario wurde es ob solcher Abgründe ganz blümerant. Nun hieß es diplomatisch sein.
»Soll das heißen... Ihr Dietmar war auch noch schwul?«
Frau Stefania lachte. »Ganz gewiss nicht.«
»Aber...wenn ein Penis bricht...ich versuche es mir jedenfalls vorzustellen...ich meine, dann muss er doch erigiert sein, oder? Und in einer Bedürfnisanstalt, noch dazu am Stuttgarter Hauptbahnhof...«
Die Schöne richtete sich wieder auf und wies auf ein Glas auf dem Nachtschränkchen.
»Könnten Sie mir einen Whiskey einschenken? Er steht drüben auf der Anrichte. Und nehmen Sie sich doch auch eine Erfrischung.«
Krawuttke tat wie geheißen, schenkte der Frau Stefania tüchtig ein und genehmigte sich selbst einen Campari Soda.
»Es war ganz harmlos, eigentlich«, erzählte Frau Stefania weiter, nachdem sie ihren Whiskey auf ex getrunken hatte. »Schon seit seiner Jugend litt Dietmar an einer krankhaften Penisversteifung. Deshalb war er auch vom Sportunterricht befreit und musste nicht zum Bund. Ein ganz einmaliger Fall, haben die Ärzte gesagt, und das Ganze als den »Dielenschen Dauerständer« in die Fachterminologie übernommen.«
»Hm«, grübelte Krawuttke. »Davon habe ich in der Tat noch nie etwas gehört. Und wie kam es zu dem Bruch?«
»Nun ja, Dietmar stand wie gesagt im Pissoir, als ihm plötzlich jemand – wie sich herausstellte ein alter Bekannter – mächtig auf die Schultern klopfte. Dabei krachte Dietmars Penis gegen das Pissbecken und – schon war's passiert.«
»Ein merkwürdiges Schicksal«, würdigte der Beamte. »Und es bestand keine Aussicht auf Heilung?«
»Doch.« Frau Stefania lächelte. »Aus purem Zufall ist Dietmar drauf gekommen. Er wollte ja, wie Sie vielleicht wissen, französischer Buchhalter werden. Die doppelte Buchführung war sein Steckenpferd, für die Künste hat er sich damals überhaupt nicht interessiert. Ja... Und eines Tages – ich glaube, es war am Tag seiner Entjungferung – steht Dietmar unter der Dusche und trällert ein Liedchen vor lauter Glück. Und ob Sie es glauben oder nicht: Sofort sackt sein Penis in sich zusammen. Und dabei blieb es dann. Wann immer Dietmar sang, verschwand sein Gebrechen.«
Krawuttke musste zugeben, etwas dermaßen Bizarres selten gehört zu haben, und er hatte schon jede Menge bizarrer Dinge im Laufe seiner fünfunddreißigjährigen Amtszeit gehört. Wohl war es auch nicht alltäglich, auf dem Bett einer wunderschönen Frau, die erst vor kurzem Witwe geworden war, zu sitzen, ihre Brust am Oberschenkel zu spüren, sich über Dauerständer zu unterhalten und selbst in der permanenten Gefahr zu schweben, sich einen einzuhandeln. Nein, es war nicht immer einfach, im öffentlichen Dienst zu arbeiten.
Aber konnte man der Frau Stefania alles glauben? Musste man nicht auch die vage Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sie selbst am Tode ihres Mannes beteiligt gewesen war? Krawuttke kratzte sich unwohl am Kopf.
»Verzeihen Sie, verehrte gnädige Frau, aber ich muss das jetzt fragen... Haben nicht SIE selbst einen Killer engagiert, um Ihren Mann zu beseitigen? Oder haben Sie ihm am Ende selbst ein Messer zwischen die Rippen gerammt und die Eier bezwecks Irreführung der Behörden abgesägt, damit wir es für einen gemeinen Ritualmord halten?«
Abrupt richtete sich Frau Stefania auf. Ihr Negligé, dessen Träger sich bisher als ziemlich unzuverlässig erwiesen hatten, drehte völlig durch und rutschte auf den Bauch seiner Trägerin, sodass die beiden Brüste völlig frei lagen, kaum eine Handlänge vom Commissario entfernt, der sich nun wünschte, diese Frage nicht gestellt zu haben resp. der sich angesichts der Folgen seiner Fragestellung zu dieser aufs Heftigste beglückwünschte.
»Wie können Sie so etwas auch nur denken!«, zischte Frau Stefania, um im nächsten Augenblick in sich zusammenzufallen und in größeres Weinen auszubrechen.
»Aber...«, begann Krawuttke..., doch da fühlte er schon die Hand Frau Stefanias auf seinem Schoß und hörte ihre betörenden Worte: »Aber Sie müssen das natürlich fragen, mein lieber Commissario, ich weiß. Es ist Ihre Beamtenpflicht. Entschuldigen Sie meine...Erregung«.
In diesem Augenblick entschuldigte Krawuttke alles. Seine sämtlichen Sinne taumelten durch ein bislang unbekanntes Universum, vorbei an Planeten vollständiger Lust und Sonnen glühenden Verlangens. Natürlich – am Ende würde das Erwachen stehen. Vielleicht konnte der Commissario den Tag in den Armen seiner Geliebten Sandra de Castello beschließen, wo nur unzulängliche Erfüllung der Stefania'schen Versprechungen auf ihn wartete. Wahrscheinlich jedoch, wenn Sandra in Sachen Broterwerb sich am Autostrich die Beine in den Bauch stehen würde, käme nur wieder die Onanie in Frage. Das waren betrübliche Aussichten.

Zitat des Tages
This day in crime history:
1881: Fjodor M. Dostojewski, der russische Autor von Krimis wie »Schuld und Sühne« oder »Die Gebrüder Karamasow« stirbt 59jährig in St. Petersburg.
1923 geboren: Heinz Drache, deutscher Schauspieler (»Das Halstuch«, »Der Hexer«, »Tatort«). Gestorben 3.4.2002.
1943 kommt Alfred Hitchcocks Film »Im Schatten des Zweifels« in die US-Kinos. In der Hauptrolle spielt Joseph Cotton den charmanten Onkel, der dann doch nicht ganz so nett ist wie gedacht.
1943 geboren: Joe Pesci, US-amerikanischer Schauspieler (»Raging Bull«, »Lethal Weapon«). Oscar 1990 für seine Rolle in »Goodfellas«





