Rühhoff sonnte sich im Glanze seines neuen Ruhms. Bedächtig, aber dennoch schwungvoll, setzte er seinen Namen auf die glänzenden Autogrammkarten, welche ihm der Chefredakteur genehmigt hatte und die nach einem entsprechenden Hinweis in TEXT («Jetzt gratis: Rühhoff-Autogrammkarten! Nur 5 Euro das Stück!») wie warme Kuddeln in einer Metzgerei weggingen.
Zugegeben: Etwas nervös war Rühhoff schon. Was würde geschehen? Würde der unheimliche Triebtäter und Massenmörder der plumpen Fährte folgen, die ihn ans Messer liefern sollte? Oder würde doch Rühhoff, vielleicht mit durchgeschnittener Kehle, ein einziges Mal Schlagzeilen machen, die der Wirklichkeit entsprachen?
Rühhoff verdrängte diesen Gedanken. Er war vorbereitet. Soll nur kommen, der Killer. Ich geb's ihm.
Unter seinem Schreibtisch nämlich hockte Igor, der ehemalige KGB-Agent, den der Chefredakteur als Rühhoffs persönliche Leibwache angeheuert hatte, und draußen im Vorzimmer belästigten zwei weitere Bodyguards, Helmut aus Quakenbrück, ehemals BND, und Joe aus Texas, dort bei der CIA, die sehr verwirrte Sekretärin Eleonore Russ-Welt. Alle drei waren mit neuester Waffentechnik ausgerüstet und hatten Augen sowie Ohren überall, besonders im Ausschnitt der Sekretärin.
Rühhoff schrieb weiter und legte seine Füße bequem auf den Rücken Igors, der leise zu stöhnen begann, als Russe jedoch der geborene Befehlsempfänger und Leibeigene war und die erniedrigenden Qualen stoisch ertrug. Im Hintergrund summte leise das Radio, dessen einschläfernde Musik jetzt von einer sonoren Nachrichtenstimme unterbrochen wurde. Rühhoff hielt inne bei der Verlesung seines Namens und lauschte dieser Stimme.
«Hamburg. Wie soeben gemeldet, wird der unvergleichliche Dichter, Sänger und Extremgurkenfischer Detlef Peter Rühhoff sich nun doch um das Amt des Bundespräsidenten bewerben. Seine Erfolgsaussichten liegen nach Schätzungen von kundigen Insidern bei ca. 99,9 %. In einem ersten Interview kündigte Rühhoff an, als neuer Bundespräsident – Zitat – «alle politischen Parteien verbieten zu wollen und sämtliche Berufspolitiker ehrlicher Arbeit zuzuführen, zum Beispiel Scheiße schippen, Blumen gießen, Literaturkritiken schreiben oder den Mount Everest flachklopfen.» Zitatende. Der neue Bundespräsident wird bekanntlich nächsten Monat mittels Televoting live vom Fernsehsender RTL gewählt und erhält neben einem Schallplattenvertrag und einem üppigen Gehalt auch noch 5000 Euro in bar.»
Rühhoff seufzte und schaltete den Apparat aus. Die Absätze seiner Schuhe gruben sich immer weiter in Igors Rücken, was ein sehr beruhigendes und gleichmäßiges Heulen des Russen fabrizierte, von dem Rühhoff schläfrig wurde.
Er beruhigte sich langsam. Wahrscheinlich war eh alles vergebens. Der Killer hatte einen Plan, nach dem bei jedem seiner teuflischen Anschläge ein Opfer mehr zu beklagen sein würde. Erst einer, dann zwei, dann drei, dann vier – schön, Letzteres war misslungen. Doch stand nicht zu befürchten, die Bestie würde nun wieder von vorne anfangen. Oder doch? Rühhoff drückte seinen rechten Fuß vollends in Igors Rückansicht, und dieser konnte nun nicht mehr an sich halten und schrie wie ein Russe, dem man einen Absatz in den Rücken pflöckt.
Der Journalist widmete sich abermals der Veredelung seiner Autogrammkarten. Eine geschundene Stimme unter seinem Schreibtisch, die nur die von Igor sein konnte, störte ihn in seiner Konzentration.
«Meister, mach Fernsehen an, es kommen Fußball!»
Rühhoff lächelte menschlich. Die Begeisterung der slawischen Völker für Sport und Spiel war irgendwie rührend, hatten sie doch selbst gerade in Mannschaftssportarten noch selten einem mit allen seinen Tugenden ausgestatteten deutschen Team die Kante geben können. Gewiss - und hier verdüsterte sich Rühhoffs Gesicht bedenklich - stand es um den deutschen Fußball nicht zum Besten. Kein Mensch wollte mehr mit uns spielen, seit der verheerenden Niederlage gegen die Malediven, bei der jener berserkernde Torhüter vierzehn von fünfzehn Bällen nicht gehalten hatte und den fünfzehnten auch nur deshalb, weil sich der Torhüterkopf zufällig zwischen Ball und Netz befand.
Philosophisch sinnierend lehnte sich Rühhoff zurück, wobei er zugleich sehr mechanisch nach der Fernbedienung griff und den Apparat einschaltete. Lag Deutschland wirklich so darnieder? Gab es sie nicht mehr, die deutschen Tugenden wie Fleiß, Anstand, Blutgrätsche und Schiedsrichterbeleidigung? Wurden wir etwa von den falschen Politikern regiert? Oder besaßen wir schlicht das falsche Volk? Lag es an der Globalisierung oder, wie der Teamchef zu sagen pflegte, einfach daran, dass wir «kein Glück mehr» hatten?
Betrübt mit dem Kopfe wackelnd schaute Rühhoff nun zum Apparat hin, wo soeben die deutsche Elf auf den Platz wankte. Es waren in der Tat merkwürdige Charaktere, die vorsichtig einen Fuß auf den Rasen setzten, um zu schauen, ob er nicht doch nass war und das Spiel folglich ausfallen musste. Friedbert Meltzig, der Mittelstürmer des deutschen Meisters, saß zu allem Überfluss verletzt auf der Tribüne, nachdem ihn ein Ball am Hinterkopf erwischt und den Intelligenzquotienten des Stars schlagartig um 300 Prozent erhöht hatte. Mit 87 lag Meltzigs IQ nun entschieden über der Grenze, die der Teamchef gerade noch so eben tolerierte. «Dumm kickt gut», pflegte der weise Mann zu sagen, und da war etwas dran.
Die Stimme des Reporters wirkte so schläfrig wie Rühhoff selbst.
«Die neue Viererkette wird sich hinter dem neuen Vierermittelfeld postieren, um dem Torhüter zuzurufen, wenn ein Ball kommt, damit der Torhüter seine Handschuhe ausziehen kann, um sie sich beim Fausten nicht schmutzig zu machen. Ich sehe gerade, dass vier Minister unseres Bundeskabinetts auf der Ehrentribüne Platz genommen haben. Direkt neben dem berühmten Golden Gate Quartett sowie vier Hauptdarstellern der Daily Soap ‚Lauf los, kleine Mopsi!'».
Rühhoff horchte auf. Oder hatte er sich verhört? Viererkette...Vierermittelfeld...vier Minister...

Er blickte wie erstarrt auf den Monitor, wo sich beide Mannschaften - die deutsche und ihre Gäste aus Andorra - schon aufgestellt hatten, um den Nationalhymnen zu lauschen, die von den vier berüchtigtsten Kammersängern intoniert werden sollten. In den Gesichtern der deutschen Spieler hatten Angst und Schrecken vernichtende Arbeit geleistet. Gegen den Fußballriesen Andorra war man nur krasser Außenseiter, und der Teamchef hatte die mutige Losung «Bloß nicht zweistellig, sonst streikt die Anzeigetafel!» ausgegeben.
Die Andorraner, sämtlich über 50 und nach mehreren Bandscheibenschäden arbeitsunfähig verrentet, hatten Anstoß. Gemächlich trieben sie den Ball in Richtung des deutschen Tores, in dem der auch «das Tier» genannte Keeper lauthals seine Viererkette dirigierte.
Diese wiederum war schwer am Grübeln. Ganz offensichtlich bedeutete der Angriff der «andorranischen Armada» (der Teamchef) Gefahr. Es konnte einem etwa der Ball an den nackten Unterschenkel springen und unschöne Abdrücke hinterlassen, im schlimmsten Falle sogar das, was der mit allen Wassern gewaschene Teamchef «einen Pferdekuss» zu nennen pflegte. Akkurat dafür jedoch wurde die Viererkette nicht bezahlt. Und so nahm es nicht Wunder, dass, während die Andorraner keuchend den Ball immer tiefer in den deutschen Strafraum schoben, die gesamte Viererkette sich umdrehte und dem Torhüter zurief, er solle schon mal die Handschuhe ausziehen, gleich sei ein Ball zu erwarten.
Doch zu spät. Noch bevor der Torwart die wunderbaren Handschuhe (ein Geschenk seiner Schwiegermutter) von den Fingern streifen konnte, hatte der andorranische Ballführer, ein asthmatischer Ex-Speditionskaufmann namens Rodrigo Gonzales, vehement gegen den Ball getreten, der nun in Richtung «Tier» kullerte.
Das «Tier» war überrascht. Mit den Händen konnte es den langsam näherkommenden Ball nicht mehr aufnehmen, ohne irreparablen Schaden an den Handschuhen heraufzubeschwören. Mit dem Fuß ließ sich der Ball ebenfalls nur schlecht abwehren. Die schönen neuen Schuhe des «Tieres» glänzten frisch geputzt, und ganz bestimmt war der Ball so schmutzig wie die Gedanken des Teamchefs, der nicht selten daran dachte, zum Frauenfußball zu konvertieren, um dort, wie er sich erhoffte, «die ganzen geilen Schlampen nackt unter der Dusche zu sehen».
Der Ball kam näher und näher. Dem Publikum stockte der Atem. Die Viererkette hatte sich auf den Rasen gesetzt und beobachtete gespannt, wie der Torhüter reagieren würde. Dieser tat etwas Sensationelles: Als der Ball in Reichweite gekommen war, ging «das Tier» in die Knie, weil es sich erhoffte, der Ball möge an der Hose abprallen, um die es nicht schade war. Leider hatte der Ball andere Pläne. Er mogelte sich am Knie «des Tieres» vorbei und rollte in aller Seelenruhe über die Torlinie. Es war exakt eine Minute gespielt, und es stand 1 : 0 für «die Pyrenäenteufel» (der Teamchef). Schöne Aussichten.
Sogleich begann das Tier den nächstbesten aus der Viererkette bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen. Es handelte sich dabei um Erich Olm vom VfR Großrammelsbach, der nur zufällig in die Mannschaft gekommen war, weil seine Freundin die Karten fürs Kino verschlampt und Olm demzufolge nichts Besseres vorhatte, als «das Ehrenkleid für das Vaterland» (der Teamchef) überzustreifen.
Die wenigen Zuschauer (65, um genau zu sein, darunter 39 Ehrengäste mit Freikarten und die zwangsrekrutierte 5c des «Daniel-Küblböck-Gymnasiums») stöhnten leise auf. Auch Rühhoff stöhnte. Gleich würde der Killer zuschlagen und entweder die Viererkette, das Vierermittelfeld, die vier Minister, die Sänger oder die Jungschauspieler auf teuflische Art und Weise vom Leben zum Tode befördern. Ganz in Gedanken drückte Rühhoff auf die Fernbedienung. Die Visage einer blondgestrichenen Schönheit erschien und lispelte «Herzlich willkommen beim Halbfinale von ‚Deutschland pfeift auf den Superstar'. Unsere vier Kandidaten...»
Mehr hörte Rühhoff nicht mehr. Natürlich! Wäre ER der Killer, er wüsste, wo er die Sense ansetzen würde. Der Journalist sprang auf (dabei traf er Igor so unglücklich am Hinterkopf, dass dieser frontal auf den Teppichboden knallte) und stürzte ins Vorzimmer. «Alle mitkommen! Sofort! Finger weg von Frau Russ-Welt! Es gilt, einen Massenmord zu verhindern!»

Zitat des Tages
This day in crime history:
1881: Fjodor M. Dostojewski, der russische Autor von Krimis wie »Schuld und Sühne« oder »Die Gebrüder Karamasow« stirbt 59jährig in St. Petersburg.
1923 geboren: Heinz Drache, deutscher Schauspieler (»Das Halstuch«, »Der Hexer«, »Tatort«). Gestorben 3.4.2002.
1943 kommt Alfred Hitchcocks Film »Im Schatten des Zweifels« in die US-Kinos. In der Hauptrolle spielt Joseph Cotton den charmanten Onkel, der dann doch nicht ganz so nett ist wie gedacht.
1943 geboren: Joe Pesci, US-amerikanischer Schauspieler (»Raging Bull«, »Lethal Weapon«). Oscar 1990 für seine Rolle in »Goodfellas«





