Welch herrlicher Tag war just erwacht! Der Asphalt glitzerte glatt, ein scharfer Wind brachte taubeneierdicken Hagel, Blitze durchzuckten das noch schlaftrunkene Firmament und an den Bäumen der Allee, welche der Commissario mit energischen Schritten durchmaß, funkelte pissgelb frischer Urin junger Hunde. Es war eine Lust zu leben und alles würde gut werden.
Denn heute war Heiligabend. Seit seiner Degradierung arbeitete Krawuttke im Dezernat IV, «Wirtschaftskriminalität» und beackerte dort das Sachgebiet «Ostdeutsche Klinkenputzer, die Saharabewohnern Staubsauger andrehen, ohne auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen hinzuweisen».
Krawuttke hatte wenig zu tun. Und weil dem so war, hatte man ihn dazu verdonnert, auch an Sonn- und Feiertagen an seinem Arbeitsplatz anwesend zu sein. Sei's drum. Die meiste Zeit schwebte der Beamte eh über den profanen Händeln irdischen Daseins, lungerte auf Wolke 7 herum, wo seine behaarten Hände die Brüste Stefanias liebkosten oder seine künstlichen Zähne in einen köstlichen Mannaburger bissen. Und direkt nach Feierabend ging es flinken Schritts zur Dielen'schen Villa, wo dieser Traum von einer Frau bereits auf ihn wartete, ihn noch im Flur gierig entkleidete, unter die Dusche bugsierte, deren heiße Schauer man gemeinsam genoss, dann ging es - beide noch nass - ohne Umwege ins Schlafzimmer und dort ––-
Gut zwei Jahrzehnte lang hatte Krawuttke in Sachen Sex nichts anderes gekannt als die Sonderangebote der Professionellen Sandra de Castello. Immer dasselbe alte Lied. Als ginge man jeden Freitag in den MEDIA MARKT und würde sich die gleiche uralte CD von Phil Collins kaufen. Was für ein Unterschied zu heute! Heute war es ihm, als stünde er jeden Tag im MEDIA MARKT, um eine immer neue CD von Chris de Burgh zu erwerben, den er für das Ende aller Dinge des Rock hielt.
Und heute war Heiligabend. Stefania würde nackt am Fenster stehen, Krawuttke wäre draußen in den Büschen, um IHN zu erwarten: den Killer. Die Bestie, von der ganz Deutschland sprach. Die schreckliche Urlaubsvertretung des Sensenmannes.
Keine Frage: Noch ehe der Schweifstern untergegangen sein würde, hätte es Krawuttke unter die 100 beliebtesten Deutschen gebracht, wäre ein Heros, nach dem man seine Söhne zu benennen hatte: Bronislaw Neidhardt Krawuttke. Dieser Name in riesengroßen Leuchtlettern, so dass man ihn auch aus dem Weltall würde sehen können. Das war die Zukunft. Sie war rosig.
Natürlich hatte Krawuttke in den seltenen lichten Stunden des Selbstzweifelns überlegt, ob Stefanias Hingabe tatsächlich ehrlich war oder nichts anderes als Teil eines abgrundtief schlechten Planes. Gab sie sich ihm nur hin, weil sie selbst in die Verbrechen verstrickt war? Kaum anzunehmen, denn ihre Zuneigung zu Krawuttke war entbrannt, NACHDEM diesem der Fall entzogen worden war und er folgerichtig keine Gefahr für Leib, Leben und Freiheit der Witwe mehr darstellen konnte.
Und der geheimnisvolle Anrufer? Wirklich der Serienmörder? Oder doch nur ein besonders gerissener Spanner? Vieles sprach gegen Letzteres, vor allem aber Krawuttkes Nase sagte ihm, hier habe der Mörder einen verhängnisvollen Fehler gemacht, der Mörder und nur der Mörder.
Nein, hinweg ihr Zweifel! Ihm stand ein wunderbarer Tag bevor: zunächst die tägliche Ration Stefania'scher Sinnlichkeit, sodann die Festnahme des Killers nebst ersten Belobigungen und schließlich, wenn er, des Tages Trubel entflohen, zu Hause in seinem Sessel sitzen und etwas fernsehen würde: eine spannende Aufzeichnung des ersten Wettkampftages der Olympischen Spiele der ekligsten Sportarten. Eröffnungszeremonie und die Entscheidung im Synchronkotzen der Damen.
In seinem Büro angekommen, entnahm Krawuttke seiner Aktentasche einen schmalen Gedichtband. Auch auf seine kulturellen Interessen hatte die Liebe erstaunliche Auswirkungen, denn niemals zuvor war Krawuttke auch nur in die Nähe eines Bändchens gereimter Poesie gekommen. Jetzt genoss er es, vor dem Frühstück, welches er in einer an diesem besonderen Tag menschenleeren Kantine einnehmen würde, ein Stückchen Hölderlin zu lesen:
Feucht sind meine Gedanken.Rat mal, um wen sie sich ranken.
Immer nur um mich.
Selten mal um dich.
Wenn ich deiner gedenke,
dir ein Gedankchen schenke,
weine ich fürchterlich.
Weine nur um mich.
Ja, so ist halt das Leben.
Immer dann wenn wir schweben
Landen wir irgendwie.
Auf dem Arsch aber nie.
Toller Bursche, dieser Karlheinz Hölderlin, dachte Krawuttke anerkennend. Dreht zwar arglosen Tuaregs Staubsauger an, aber eine Schreibe hat der Knabe.
Endlich war Feierabend. Das Polizeipräsidium lag, nur noch spärlich beleuchtet, hinter ihm, die Straßen waren beinahe menschenleer, denn schon hockte das gierige Gemensch unter Christbäumen und wartete auf die Bescherung. Krawuttke eilte zu Stefania.
Sie liebten sich auf der Ablage der Garderobe. Krawuttkes linkes Bein steckte im Schirmständer, Stefanias Haar, gegen den Spiegel gedrückt, warf elektrische Funken, in ihrem Hintern rote Rillen des Abdrucks einer Echtholzmaserung, unter der es Dielen auch in der Diele nicht gemacht hatte. Sehr nobel.
Drei Minuten später lagen sie rauchend auf den kalten, von der Hitze der Körper rauchenden Fliesen und taten es ihnen nach. Krawuttke nahm einen tiefen Zug und sprach:
«Ich geh dann ma' gleich nach draußen in die Büsche. Du gehst ins Schlafzimmer, ziehst die Vorhänge auf und stellst dich nackt ans Fenster.»
Stefania nickte. Ihr sei nicht wohl dabei, hauchte sie, aber ein Blick in Krawuttkes entschlossenes Gesicht ließ sie verstummen.
«Kann nichts passieren. Ich schnapp mir den Kerl, bevor er dir das Bärchen abgeguckt hat.»
Stefania nickte abermals, doch wohler war ihr nicht.

Krawuttke hockte in den Büschen und sah hoch zum erleuchteten Schlafzimmerfenster, hinter dem Stefanias nackter makelloser Leib ruhelos auf und ab ging. Aus der Nachbarvilla kam, obwohl sie gut 100 Meter von der Dielen'schen entfernt lag, der saisonübliche Sound: das missklingend gesungene Weihnachtslied einer verzogenen, zirka dreiköpfigen Kinderschar. Es war eiskalt, und der Commissario registrierte zu seinem großen Verdruss das Eingefrieren empfindlichster Körperteile.
Es wurde ein langes Warten, und Krawuttke begann seine Geliebte, die weiterhin am Fenster promenierte, ob ihrer Geduld zu bewundern. Oder war es nur Phantasielosigkeit? Wurde ihr das Langweilige nicht langweilig, weil sie zeit Ihres Lebens nur Dinge getan hatte, die dem Auf und Ab in einem Schlafzimmer gleichkamen? Man durfte –––
Ein Rascheln im Nachbarbusch unterbrach die Krawuttke'schen Reflexionen. Er hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Es raschelte wieder. Vorsichtig drehte er den Kopf dem Geräusch zu. Ein Schatten? Wenn ja, dann nicht der eines Tieres, es sei denn der eines kongolesischen Berggorillas.
Krawuttke spürte, wie sein Herz laut zu pochen anhob. Im Nachbarbusch raschelte es weiter, aber das war nicht mehr das dominierende Geräusch. Jemand keuchte, und dieses Keuchen vermochte Krawuttke eindeutig zu interpretieren, glich es doch dem, das auch er zu produzieren verstand, wenn wieder einmal die Triebe überhand nahmen und gerade keine Frau...
Dieses Schwein!, dachte Krawuttke und bewegte vorsichtig den linken Fuß aus dem Busch. Zog seinen massigen Körper nach. Lautlos beinahe. Dann den rechten Fuß. Den linken, den rechten, den linken... So näherte er sich dem Nachbarbusch und seinem ruchlosen Insassen. Überraschungsangriff. Krawuttke stürzte sich auf den Schatten, der schrie und stürzte, die beiden Commissariozentner im Kreuz, zu Boden, klammerte seine Rechte um Krawuttkes schwitzenden Hals, hatte aber seinerseits die beiden Pranken des Commissarios an seiner entblößten Männlichkeit, und Krawuttke wusste keinen Grund, nicht herzhaft zuzudrücken.
Der Unbekannte schrie ein letztes Mal. Dann erschlaffte sein Körper. Er war in Ohnmacht gefallen.
Stefania hatte, als der Kampf begonnen, das Schlafzimmerfenster geöffnet und die Pracht ihrer Säuglingstankstellen über die Brüstung gelehnt. Jetzt, da sich Krawuttke erhob, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus und war wohl selbst in Gefahr, das Bewusstsein zu verlieren. Die Kommandostimme des Geliebten verhinderte dies.
«Mach die Tür auf! Ich bring die Sau mal rein!»
Er packte den Ohnmächtigen am Kragens eines Wintermantels und schleifte ihn über Eis, Kies und Gras zur Tür. Der so Transportierte schien allmählich zu sich zu kommen.
«Stöhn du nur!» lästerte Krawuttke diabolisch, «Jetzt hast du allen Grund dazu, Massenmörder, elender!»
Zitternd, da in einem Zustand leichten Schocks, hatte Stefania die Tür geöffnet und sah Krawuttke beim Vollbringen seines rüden Geschäftes mit steigender Bewunderung zu.
Es war der Moment, in dem ihr klar wurde, warum sie einen Mann mit Schweißfüßen, Mundgeruch, Hämorrhoiden, Mitessern, Hammerzehen, Segelohren, langen gekräuselten schwarzen Nasenhaaren, falschen Zähnen, Hängebusen, Schwangerschaftsstreifen und einer Warze im Bauchnabelbereich so sehr liebte. Um nur die erträglichsten seiner Makel zu nennen. Aber er war ein Mann mit dem Willen zur Macht. Ein Neandertaler auf gnadenloser Jagd, ein nimmersatter Räuber im Dschungel des Lebens - und seine Liane war auch nicht zu verachten.
Wohl hatte er ihr in einer schwachen Minute nach einem mittelstarken Akt gebeichtet, seine Potenz bereite ihm Sorgen.
«Früher konnte ich 1,2,3,4 Mal die Stunde, aber seit 14 Jahren wird's immer weniger. Damals in der 7c der Karl-May-Sonderschule für Polizeinachwuchs die kleine Gerda Maier, das war der Anfang. Und ich wurde ein richtiger Hecht. Das hat es weder vor noch nach Christus gegeben.»
Sie mochte es, wenn er so redete. Seine Worte waren voller Weisheit, und ihr war mit einem Schlag bewusst geworden, dass Dielen, obwohl ein Star, dumm wie Brot gewesen war. Krawuttke sprach philosophische Sätze wie «Der letzte Geburtstag kann auch gleichzeitig der letzte gewesen sein» oder «Wenn wir nicht wissen, was wir tun, dann sollten wir auch keinen Thunfisch essen». Stefania dachte bei sich, hinter solchen Worten verberge sich fernöstliche Weisheit, und wenn Krawuttke gar über Sein und Schein des Universums philosophierte, hing sie gebannt an seinen Lippen.
«Ich glaube nicht», bemerkte er einmal, «dass das Weltall unendlich ist. Ich kann's mir einfach nicht vorstellen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass eine Mannschaft wie Bayern München jemals die deutsche Fußballmeisterschaft gewonnen hat.»
Auch liebte es Stefania, wenn ihr Krawuttke die erschütterndsten Fälle aus seiner Berufspraxis mit einer solchen Verve erzählte, dass seine Zuhörerin glaubte, sie sei dabei gewesen.
«Ich erinnere mich», erinnerte sich Krawuttke unter Einsatz eines alten Genetivs, «des Mordes an der kleinen Melanie, einer vielversprechenden Germanistik- und Philosophiestudentin, die von heimtückischer Hand in den Schlund einer Papiermühle gestoßen worden war und so Teil eines wunderbaren holzfreien Papieres wurde, auf welchem man die Gesamtausgabe der Werke Schopenhauers druckte. Kein schöner Tod, fürwahr. Den Mörder zu entlarven, war kein Leichtes. Nach intensiver Recherche im Vorleben der Verblichenen fand ich jedoch heraus, dass die kleine Melanie an der sogenannten «Philosophiersucht» litt: Einer schrecklichen Krankheit, die zu 99% Frauen befällt, die dann nicht mehr aufhören können «zu philosophieren» und vor allem Männern ihre Weltsicht darzulegen. In einer Selbsthilfegruppe hatte Melanie eine Leidensgenossin kennengelernt und sich mit dieser zerstritten. Anlässlich einer Betriebsbesichtigung in der Papiermühle war es zu Tätlichkeiten gekommen, an deren Ende - nun ja. Die Mörderin hat übrigens im Gefängnis eine historisch-kritische Ausgabe der Werke Platos herausgegeben.»
Ja, so spannend und voll der menschlichen Schicksale wusste der alte Commissario zu erzählen, und manchmal rannen kleine Tränen über seine Wangen.
Jetzt, im Lichte des Wohnzimmers, wohin Krawuttke den erlegten Verbrecher geschafft hatte, konnte man erkennen, mit welcher brachialen Gewalt der Commissario sein Handwerk auszuüben pflegte. Die Kleidung des Mannes war vollständig in Fetzen. Sie bestand aus einem Trenchcoat, ein paar Winterstiefeln und einem Jägerhut. Der Mann lag auf dem Bauch und stöhnte weiterhin. Endlich gelang es ihm, den Kopf zu heben. Er drehte ihn in Richtung des lauernden Krawuttke, der es kaum erwarten konnte, in das Gesicht des Schweines zu blicken. Als er es endlich tat, wich aus seinem eigenen sämtliche Farbe, und so erbleicht rief er mit entsetzlicher Stimme:
«Westwall!? Sie! Der Massenmörder?»

Zitat des Tages
This day in crime history:
1881: Fjodor M. Dostojewski, der russische Autor von Krimis wie »Schuld und Sühne« oder »Die Gebrüder Karamasow« stirbt 59jährig in St. Petersburg.
1923 geboren: Heinz Drache, deutscher Schauspieler (»Das Halstuch«, »Der Hexer«, »Tatort«). Gestorben 3.4.2002.
1943 kommt Alfred Hitchcocks Film »Im Schatten des Zweifels« in die US-Kinos. In der Hauptrolle spielt Joseph Cotton den charmanten Onkel, der dann doch nicht ganz so nett ist wie gedacht.
1943 geboren: Joe Pesci, US-amerikanischer Schauspieler (»Raging Bull«, »Lethal Weapon«). Oscar 1990 für seine Rolle in »Goodfellas«





