Wenn, räsonierte der Commissario, das Leben die besten Geschichten schreibt, dann möchte ich die schlechten gar nicht lesen, wer immer sie auch verzapft haben mag.
Denn diese, in Gestalt des am Boden hockenden und sehr mitgenommenen Westwall personifizierte Geschichte war mit die miserabelste, die Krawuttke zu Ohren gekommen war, und immerhin hatte man ihn schon als Schulkind gezwungen, so manchen Mist zu lesen.
Der Bezwinger des Stefania-Belästigers thronte wie eine fett gewordene Nemesis über diesem, spitzte den Mund wie ein großer Philosoph beim Nachsinnen und bewarf den in seiner seelischen Winzigkeit nicht mehr zu unterbietenden Westwall mit Blicken der Verachtung.
«So», sprach Krawuttke. «Sie behaupten also, nichts weiter zu sein als ein ganz gewöhnlicher Spanner. Kein Mörder. Können Sie das beweisen?»
Westwall stöhnte auf. «Beweisen? Hatte ich etwa nicht keine Hose an? War etwa mein Glied nicht erigiert? Wenn jemand ein Spanner ist, dann doch wohl ich!»
Respekt, dachte Krawuttke, der Bursche hat in puncto Schlagfertigkeit eine Menge von mir gelernt. Und er dachte laut weiter:
«Ich denke, dass Sie recht haben. Sie wollten schlichtweg die Situation ausnutzen. Einer äußerst attraktiven Witwe quasi auf den Pelz - äh, die Haut rücken, indem sie berufliches Insiderwissen dazu missbrauchten, bei Frau Dielen den Eindruck zu erwecken, Sie seien der Killer. Pfui Teufel, Westwall, wie konnten Sie nur so tief sinken!»
Westwall nutzte diese gute Gelegenheit zu einer ebenso umfassenden wie länglichen Lebensbeichte, in welcher seine sexuelle Abartigkeit als frühkindliches Trauma hinreichend begründet und anhand plastischer Beispiele aus der weiteren Biografie entschuldigt wurde. Krawuttke hörte dem zu, ohne den Beichtenden zu unterbrechen. Frau Stefania, die noch immer unter Schock stand, war mit ihren Gedanken anderswo, nur wenige Meter von ihrem jetzigen Aufenthaltsort entfernt zwar, aber dennoch in einer anderen Galaxis.
Sie gedachte jener fürchterlichen Sekunde, da sie das Messer gehoben und in den Dietmar-Dielen-Leib gerammt hatte. Ja, es war nicht zu leugnen! Sie hatten sich gestritten. Wie so oft. Immer klarer war es Stefania im Laufe ihrer Ehe mit Dietmar vor Augen getreten, wie teuer doch der materielle Luxus erkauft war. Ein Leben an der Seite eines Proleten mit Penisbruch, gezwungen, ihre Brüste ganz nach den flüchtigen Launen des Ehemannes kalten Chirurgenmessern auszusetzen, ohne intellektuelle Ansprache, ohne geistigen Ansporn. Komisch, dachte Stefania, in dieser Sekunde erst ist mir das bewusst geworden. Als das Messer schon durch das Fleisch Dietmars schmatzte und ein erster Strahl Blut auf den Teppichboden spritzte. Ich war nicht bei Sinnen und doch so klar im Kopf wie nie zuvor. Aber warum habe ich ihm das Geschlechtsteil abgeschnitten und das Klo hinunter gespült? Ich weiß es einfach nicht mehr. Ich konnte nicht anders. Ich wurde von Furien getrieben. Reue? Anfangs ja. Doch dann habe ich IHN kennen gelernt, und schon vor der ersten feurigen Umarmung war mir klar, dass ich richtig gehandelt hatte. Jeder Richter gäbe mir mildernde Umstände. Ich käme mit einer Bewährungsstrafe davon und würde in Talkshows eingeladen. Könnte selbst ein Buch schreiben. «Am Abgrund der tödlichen Leidenschaft» oder so. Non, je ne regrette rien, wie die Französin singt. Ich weiß nicht, was das heißt, aber es muss stimmen. Ganz sicher. Und, das Komischste: der Gedächtnisschwund. Ich ging nach der Tat zu Bett und bin prompt eingeschlafen. Bin aufgewacht, habe Frühstück gemacht, als wäre nichts geschehen. Mit dem Tablett in Dietmars Arbeitszimmer gegangen - und da lag er. Die schreckliche Wahrheit überfiel mich wie ein hungriger Krake und fraß mich auf.
Inzwischen hatte Westwall seine Beichte erfolgreich abgelegt und wartete auf die Absolution, die ihm Krawuttke jedoch nicht zu erteilen gewillt war.
«Ich verstehe Sie vollkommen, Westwall. Aber Sie sind und bleiben eine Sau. Gehen Sie doch ins Puff, wenn Ihnen danach ist! Kaufen Sie sich Pornomagazine! Aber lassen Sie gefälligst meine zukünftige Frau in Ruhe!»
Westwall fiel aus allen Wolken. Hatte es der Alte doch tatsächlich geschafft, eine der begehrtesten Witwen der Republik abzuschleppen! Und er? Im Staub vor diesem Ungeheuer. Wenn das Leben die besten Geschichten schreibt, sinnierte er düster, dann kann das hier nicht das Leben sein.
Kaum hatte Westwall dies gedacht, klingelte Krawuttkes Handy.
«Hallo», meldete sich der Commissario und hörte dem Anrufer eine Weile zu. Dann fragte er «Waaaaaaassssss?», rang nach Atem, fügte ein schweres «Sind Sie sicher, Rühhoff?» dazu, machte viermal «hm, hm,hm» und schließlich das Handy aus.
«Auf, Westwall!», herrschte er seinen erstaunten Ex-Assistenten an. «Was geschehen ist, ist geschehen und soll vergessen sein! Der Mörder schlägt wieder zu! Grausamer als je zuvor! Jedenfalls, wenn Rühhoff nicht gelogen hat.»
«Rühhoff? Der Journalist?», fragte Westwall und erhob sich langsam.
«Genau der. Angeblich sind die 605 Teilnehmer der Olympischen Spiele der ekligsten Sportarten in Gefahr. Irgendetwas mit den Zahnbürsten, die sie, warum auch immer, mit sich führen. Näheres wollte Rühhoff nicht sagen, ist mir auch egal jetzt. Den Burschen knöpfe ich mir noch früh genug vor. Entweder deshalb, weil er uns belogen hat oder weil er uns nicht belogen hat. In letzterem Fall wäre es ganz interessant zu erfahren, woher er das alles gewusst hat. Aber wir haben nichts zu verlieren, Westwall! Wenn nichts ist, blamieren wir uns unsterblich und werden in allen Unehren aus dem Polizeidienst entlassen. Ich ziehe mich mit Stefania in unsere Finca auf Mallorca zurück, Sie werden Nachtwächter und können auf dem Hin- und Rückweg in aller Ruhe spannen. Also auf!»
Westwall stand endlich und nickte, der Commissario umarmte Stefania, drückte ihr einen Kuss auf die Wange, sagte «Bis später, Schatz. Geh schlafen», packte dann Westwall, den Hosenlosen, am Mantelkragen und zog ihn mit sich.
«Mit dem Auto da, Westwall?»
«Klar, Chef!»
«Hose dabei!»
«Logo!»
«Na, dann aber Beeilung!»

Seltsam gelassen sah Stefania den beiden davonstürzenden Männern nach. Alles war nur ein Traum. Die Wirklichkeit war etwas anderes, sie hockte in einem Schnellimbiss und verzehrte eine zähe Wurst.
Jenes alte Lied dieser sehr alten Sängerin kam ihr in den Sinn: «Ich hab heute nur geträumt, denn ich hab mein Zimmer ausgeräumt». Hatte sie auch die Bluttat an Dietmar nur geträumt, weil sie, wie der Dichter sagt, dabei war, das Zimmer ihres Daseins auszuräumen, um mit einem neuen Mann dort einzuziehen? War ihr, der Zarten, zuzutrauen, brutal ein Messer zu führen, ein Genital fachgerecht zu entfernen und in der Kanalisation zu entsorgen?
Nein, dachte Stefania erleichtert, das war nur Einbildung. Der Schock. Jemand anderes hat meinen geliebten Dietmar ermordet, und diesen Jemand wird ER nun überführen. Mein Held!
Der Held hockte wortlos neben dem steuernden Westwall in einem silbergrauen Kleinwagen und starrte sprachlos auf die beiden Knüppel neben seinem linken Bein. In der Eile hatte Westwall also doch vergessen, sich seine Hose anzuziehen, aber das war jetzt nebensächlich. Die Straßen lagen still und beinahe verkehrsfrei, tout le monde kaute Chips und genoss die Eröffnungsfeier, ein Glück.
«Schneller, schneller!», spornte Krawuttke den Fahrer dennoch an. Es ging um Sekunden, und je näher man dem Ziele war, desto dringender wünschte sich der Commissario, man käme nie dort an. Denn was sollte er machen? Wie 605 Figuren 605 Zahnbürsten aus den Händen reißen? War das eigentlich eine olympische Disziplin? Eklig genug konnte man es sich vorstellen.
Die Lautsprecherdurchsage. Klar, das war die Idee. Man musste des Typen am Mikrophon habhaft werden. Ihn dazu bringen, in zirka 45 Sprachen zu befehlen, die Zahnbürsten vorsichtig auf den Boden zu legen, es kämen gleich zwei nette Beamte der hiesigen Kripo zum Einsammeln. Aber was hieß «Zahnbürste» in 45 Sprachen? «Brush» sagte der Engländer, doch schon beim Franzosen geriet der Commissario hoffnungslos ins Grübeln.
Am Stadion angekommen, hielt sich Westwall nicht lange damit auf, einen Parkplatz zu suchen, sondern dirigierte sein Gefährt direkt zum Eingang, wo PKWs nicht erwünscht waren, was ein hastig herbeistolpernder Wächter in vielen Worten klarzumachen versuchte. Krawuttke konterte den Sermon der Amtsperson mit der Souveränität des Ranghöheren.
«Halt's Maul, du Hund! Es geht um 605 Menschenleben! Führen Sie mich ohne Umwege zum Stadionsprecher oder es setzt eine Dienstaufsichtsbeschwerde, die es in sich hat!»
Unnötig, dachte der Wächter, dass ich mir jetzt den Dienstausweis vorzeigen lasse. Hier spricht eine Kapazität. Er murrte zwar ein wenig, wandte sich dann aber um und winkte den beiden Beamten, ihm zu folgen.
Max Habenicht, der Stadionsprecher, leierte seinen Text ins Mikrophon. 605 Athleten, ein jeder durch jahrelanges Training gestählt, marschierten gemäßigten, aber durchaus nicht gleichmäßigen Schrittes in die Arena, und es war Habenichts Aufgabe, die Namen der Nationen in den drei Weltsprachen Deutsch, Deutsch und Deutsch in die Ohren der wenigstens 70.000 Besucher sowie die der Millionen von Fernsehzuschauern zu brüllen.
«Afghanistan! Antillen! Belgien! Bulgarien! Chile! China! Dänemark! Deutschland, Deutschland, über– Überseegebiete, äh... französische...»
Das Eindringen des Trios überraschte Habenichts schwer. Schnell hielt er die linke Hohlhand über das Mikro und zischte: «Verpisst euch, ihr Knalltüten!», wurde aber von Krawuttke elegant vom Hocker gestoßen.
«Ruhe hier. Ist das das Mikro?»
Dieses waren die ersten Worte, die eine erstaunte Weltöffentlichkeit während dieser Olympischen Spiele von Commissario Krawuttke vernahm. Es waren nicht die letzten, denn nachdem er sich gesetzt und mehrmals geräuspert hatte, sprach der Kriminalbeamte:
«So. Alle da? Schön. Dann hört mal zu: Ihr habt alle Zahnbürsten in euren Hosensäcken. Capito? Zaaaahnbürsten. Brushes. Die holt ihr jetzt vorsichtig hervor - vorsichtig, hab ich gesagt! - und legt sie noch vorsichtiger vor euch auf die Erde. Ich und mein Kollege kommen gleich runter und sammeln sie ein. Und stört euch nicht daran, dass mein Kollege keine Hose anhat. Dies hier ist ein Notfall!»
Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. 605 Zahnbürsten wurden aus den Hosensäcken genommen, vorsichtig, sehr vorsichtig, und 604 davon noch vorsichtiger im kurzen braunen Gras der Sportfläche deponiert.
Allein mit der 605. Zahnbürste kam es anders. Ihr Besitzer, der Nigerianer Abdele Kokomuno, hielt sie neugierig in der Hand und fuhr mit den Fingern spielerisch über die Borsten. Sofort schnellte eine Wurst Zahnpasta aus dem oberen Ende der Bürste, flog vielleicht zwanzig Zentimeter durch die Luft, beschrieb eine vorschriftsmäßige Kurve und fiel ins Gras. Wo sie explodierte.
Der Fernsehkommentator schrie auf. «Gold für Deutschland! Der Titelverteidiger im griechisch-römischen Schwanzvergleich, Abdele Kokomuno aus Nigeria, ist hiermit noch vor Beginn der Konkurrenz ausgeschieden! Damit ist der Weg frei für unsere deutsche Hoffnung Horst-Günther Pietsch! Wir trauern um einen fairen Sportmann!»
Krawuttke und Westwall kümmerte das kaum. Sie besahen sich die sterblichen Überreste des Athleten und nickten wissend. Sprengstoff also.
«Keine Panik!», kreischte Westwall und zog, wie immer, wenn er in Panik geriet, seine Rotznase lautstark hoch.
Dies sah, vor seinem Fernseher sitzend, der Sporttalentesucher Hubert Geis und pfiff anerkennend durch die Zähne. Hier hatte sich ein Talent für das Rotznasenhochziehen offenbart, eine noch junge Sportart, für die bislang noch keine deutschen Medaillen in Aussicht standen.
Und so kam es, wie es kommen musste. Westwall quittierte nur wenige Wochen nach diesen Ereignissen den Dienst, unterschrieb einen Vertrag bei Geis Sporting Enterprises und widmete sich fortan professionell dem Rotznasenhochziehen. Er sollte diese Sportart für die nächsten acht Jahre dominieren.

Zitat des Tages
This day in crime history:
1881: Fjodor M. Dostojewski, der russische Autor von Krimis wie »Schuld und Sühne« oder »Die Gebrüder Karamasow« stirbt 59jährig in St. Petersburg.
1923 geboren: Heinz Drache, deutscher Schauspieler (»Das Halstuch«, »Der Hexer«, »Tatort«). Gestorben 3.4.2002.
1943 kommt Alfred Hitchcocks Film »Im Schatten des Zweifels« in die US-Kinos. In der Hauptrolle spielt Joseph Cotton den charmanten Onkel, der dann doch nicht ganz so nett ist wie gedacht.
1943 geboren: Joe Pesci, US-amerikanischer Schauspieler (»Raging Bull«, »Lethal Weapon«). Oscar 1990 für seine Rolle in »Goodfellas«





