Ein orkanartiger Wind spielte mit den Blättern des Medienbaumes. Seit der Einführung der Ökosteuer waren die Schlagzeilen in den einschlägigen Organen des guten Massengeschmacks niemals dicker, die Kommentare niemals ätzender, die Angst niemals größer. Ein Massenmörder trieb sein Unwesen – und die Behörden sahen tatenlos zu!
Es sei indes nicht verschwiegen, dass die spektakulären Ereignisse vielen Zeitungen willkommene Gelegenheit boten, die wegen der allgemeinen Wirtschaftskrise immer leerer werdenden Kassen zu füllen. Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung, ein ansonsten sehr seriöses Blatt, schwang sich auf den Zug und fragte in einem großen Gewinnspiel »Wer ist der nächste?« Als ersten Preis lobte man die in Leder gebundene Gesamtausgabe Schillers aus, mit dem vor allem an Oberstudienräte gerichteten Hinweis, schließlich habe Schiller mit »Die Geisterseher« den ersten hochwertigen deutschen Krimi verfasst.
Dass ausgerechnet Herr Marty Wälzer, ein leidlich bekannter Schriftsteller vom Bodensee, als potentiell nächster Kandidat des Massenkillers gewählt wurde, verwunderte nur die Unwissenden. Herr Bundespräsident Winfried Wurz auf Rang zwei mag eher zum Staunen Anlaß geben, und der Gewinner der Bronzemedaille, ein Amerikaner namens Elvis Presley, war aus mehreren guten Gründen weit genug vom Schuss, um unbesorgt zu sein.
Auch war eingetreten, was Commissario Krawuttke bereits nach dem Ableben des Dielen befürchtet hatte. Der Polizeipräsident hatte die Bildung einer SoKo »Promisterben« angeordnet und deren Mitarbeiter höchstselbst ausgesucht. Seiner Vorliebe für schwedische Kriminalromane folgend (»Die klären alles auf!«), besaßen die vier dafür vorgesehenen Personen eine bestimmte Affinität zu jenem Land der Mitternachtssonne.
Und so hockten am Morgen nach dem Doppelmord im Hotel »Hügel« neben Krawuttke, dem die Leitung der SoKo übertragen worden war, und seinem Assistenten Westwall folgende Personen um den Beratungstisch:
Lars Stock-Holm, ein übergewichtiger, ständig fluchender und griesgrämig dreinblickender Beamter aus dem Betrugsdezernat; die Hinzufügung des Namens »Holm« hatte er sich, bis zum Bundesverfassungsgericht gehend, erstritten, denn mitnichten war ihm eine gewisse Frau Holm angetraut worden, doch hegte er übermächtige Sympathien für Wesen und Werk der unglücklich zu Tode gekommenen Schlagersängerin Renate Holm, der er mit der Übernahme ihrer vier Buchstaben eine letzte Ehre erweisen wollte. Stock-Holm galt als ausgezeichneter Beamter, der mit einem siebten Sinn für das Erlangen von Krankenscheinen ausgestattet war und wegen seiner Hartnäckigkeit »der Bullen-Fiffi« gerufen wurde.
Auch Walter Popp war in des Polizeipräsidenten Auge ein zutiefst dem Schwedischen verpflichteter Mensch. Hatte er doch, lang lang ist's her, als Mitarbeiter des Sittendezernats eine Bande von Pornohefteverbreitern auffliegen lassen, die ihre lose Ware aus eben dem skandinavischen Land bezogen, wo der Beruf der Pornodarstellerin so normal und verbreitet ist wie der der Studienrätin hierzulande. Popps Stärke war das Gedächtnis. Er kannte alle Torschützen der Fußballbundesliga von 1963 bis heute, wusste gar, mit welchem Fuß oder sonstigem Körperteil sie in welcher Minute ihre Treffer erzielt hatten. Leider konnte er sich nie erinnern, für welchen Verein sie dies getan hatten. Dennoch baute der Polizeipräsident auf die Gedächtnisstärke Popps, welche bei der Fülle der zu erwartenden Details vielleicht die entscheidende Assoziation zustande bekäme, die schließlich den unerquicklichen Fall lösen würde.
Selbst das gusseiserne Gedächtnis Popps jedoch wäre außerstande gewesen, einen vernünftigen Schwedenzusammenhang zum dritten Mitglied der SoKo herzustellen, Herrn Lukas Wanninger. Wohl ist es wahr, dass er Islandpferde züchtete und nicht selten auf der kalten Insel im hohen Norden weilte. Wahr ist aber auch, dass der Polizeipräsident von Island stets als von »der schwedischen Insel da droben« sprach und alle, die dies hörten und korrigieren wollten, sich denn doch nicht trauten. Wanninger genoss den Ruf, »ein akribischer Arbeiter« zu sein, womit neben seiner Islandpferdezucht vor allem sein Garten gemeint war, den er mit angemessener Sorgfalt betreute. Seine Kollegen hielten ihn schlicht für einen Faulenzer, mithin einen verdienten Beamten, der kein Haarbreit von der Normalität abwich.
Kommen wir nun zum vierten Mitglied der neuen SoKo, einer aus Proporz- und Gendergründen delegierten Dame, die auf den Namen Elsa Brandström hörte. Ihr Verhältnis zu Schweden hieß Ake Brandström, ein durchreisender Seemann, welcher Elsa bei einem Aufenthalt in Hamburg geheiratet, geschwängert und verlassen hatte. Elsa Brandström war ein eher zurückhaltendes, zum Kaffeekochen jedoch sehr gut zu gebrauchendes Wesen. Im Dezernat für Wirtschaftskriminalität hatte sie sich darob einen fast legendären Ruf erworben, und ihre Abkommandierung zur SoKo »Promisterben« war mit großer Bestürzung aufgenommen worden, bedeutete sie doch, dass von nun an kommissarisch der Kriminalassistent Schulz mit der Herstellung des Muntermachers zu betreuen war, ein Mann, der an allem sparte, sogar an Kaffeebohnen, nicht aber an Verschwörungstheorien, die er in der Kantine auszubreiten beliebte. Er immerhin war dem Commissario erspart geblieben.

Dieser schaute aus müden Augen in die Runde und konstatierte für sich, selten in eine vergleichbare Sammlung von Sackgesichtern gestarrt zu haben. Sechs Gurken, mit dem »Odysseus« zielsicher aus dem trüben großen Glas der Hamburger Polizei gefischt. Schließlich jedoch besann er sich auf seine Pflichten, befahl der Frau Brandström das Kaffeekochen und seinem Assistenten Westwall einen ersten informellen Überblick, den grausigen Doppelmord betreffend.
Westwall kramte quälend umständlich in seinem Notizzettel-Konvolut. »Nun ja, da sah es natürlich schön durcheinander aus«, beschrieb er, vom Zustande seiner Notizen ausgehend, plastisch das Aussehen des Tatortes. »Es handelte sich um eine heftige Detonation, die aber von den Hotelangestellten und Gästen zunächst nicht als solche wahrgenommen wurde. Es hatte sich nämlich herumgesprochen, dass Michaela ein Schäferstündchen mit Dr. Rousseau oder, besser gesagt, Herrn Professor Prunkmann, hier verbringe und man mutmaßte, sie hätten gerade einen veritablen doppelten Orgasmus gehabt, oder aber, das war eine Minderheitenmeinung, Frau Michaela singe Herrn Rousseau zur Steigerung der Manneskraft einen Orgasmus vor.«
»Das ist aber nett«, entfuhr es der Brandström, die soeben mit dem frischgebrauten Kaffee den Raum betrat. Krawuttke winkte ärgerlich ab: »Weiter, Westwall!«
Dieser legte für einen Moment seine Stirn in Falten und fuhr dann fort: »Der Plastiksprengstoff befand sich in zwei Wackelpuddingen. Diese wurden von einem Kellner serviert, der gar kein Kellner war, sondern höchstwahrscheinlich der Täter selbst. Zeugen, die ihm zufällig auf dem Flur begegnet sind, beschreiben ihn als mittelgroß, mittelalt und mittellos, denn er habe alte Jeans getragen.«
»Gibt es eine genaue Täterbeschreibung?«, wollte Stock-Holm wissen.
»Ja, wie ich schon sagte: Mittelgroß, mittelalt und mittellos. Wir haben alle diensthabenden Beamten der uniformierten Polizei angewiesen, Personen, auf die diese Beschreibung zutrifft, sofort festzunehmen. Ach ja... In den Wohnungen der beiden Opfer fanden wir je einen Brief, mit welchem das andere Opfer angeblich ein Rendezvous vorschlägt. Wir nehmen an, dass der Mörder auf diese raffinierte Art und Weise die Falle gebaut hat, in die Rousseau und Michaela ja denn auch getappt sind.«
»Können wir denn«, begann Popp grüblerisch, »können wir denn davon ausgehen, dass beide Verbrechen, das zum Nachteil des Dielen und jenes zum Nachteil von Michaela und Rousseau, können wir denn davon ausgehen, dass beide von ein und demselben Täter resp. Täterin resp. Tätern verübt wurden? Ich meine: So wie es einen Zusammenhang gibt zwischen dem eins zu null von Giovanne Elber am 31. August 1999 und dem drei zu vier durch Fredy Bobic kaum sieben Tage später, könnte es auch sein, dass – ich meine – es wäre wenigstens denkbar, denke ich.«
»Gute Frage!«, lobte Krawuttke und fuhr fort: »Aber jeder Trottel kann sich darauf die Antwort geben: Kann sein. Oder kann nicht sein.«
»Dann müßten wir doch«, meldete sich nun Wanninger zu Wort, »nach Querverbindungen zwischen den Opfern suchen! Gab es gemeinsame Bekannte? Standen die drei in einem wie auch immer gearteten, vielleicht sogar sexuellen Verhältnis? Mit anderen Worten: War Dietmar Dielen bi?«
Schwer sank das Leintuch des Nachdenkens auf die Sechs. Es lüftete sich erst mit Westwalls Feststellung, das sei durchaus möglich.
»Was denn?« wollte die Brandströmsche wissen.
»Na, das mit dem Verhältnis. Jetzt wie auch immer. Vielleicht hatten alle drei denselben Manager? Oder... Halt! Da war noch etwas!« Er kramte abermals umständlich in seinem Zettelchaos. »Am Tatort fand sich ein kleines Stück Papier, auf dem nur ein Wort geschrieben steht: KATHARSIS. Vielleicht ist es wichtig?«
Die SoKo sah sich an. »Haben wir den Burschen in der Kartei? Klingt griechisch.«
»Ist es auch, bester Chef Commissario«, trumpfte Popp auf, dem man ein Abitur nachsagte. »Katharsis ist Griechisch und heißt soviel wie Reinigung, Läuterung.«
»Hm«, murmelte Stock-Holm. »Dann müssen wir herausfinden, ob alle drei ihre Wäsche in derselben Reinigung abgegeben haben, und schon haben wir eine heiße Spur.«
Krawuttke glaubte zwar nicht, dass sich der Fall so leicht lösen ließ, sagte aber, um Stock-Holm zu beschäftigen: »Okay. Dann übernehmen Sie das.«
Popp lauschte alledem mit der Versunkenheit eines Gedächtniskünstlers, in dessen Gehirn sich Spurenelemente des Wissens der Menschheit zu immer neuen faszinierenden Gebilden vereinigen. Schließlich kehrte er milde lächelnd ins Hier und Jetzt zurück.
»Ich erinnere mich... Es war ein trüber Novembertag des Jahres 1967. Gerd Müller schoss ein Tor gegen Arminia Bielefeld. Eine Woche später schoss er zwei Tore gegen 1860 und die Woche darauf drei gegen Mönchengladbach...«
»Und!?«, brauste Krawuttke auf, »was wollen Sie uns damit sagen?«
Popp lächelte noch milder: »Ich meine nur... Wenn der Täter, so es sich um ein und denselben resp. ein und dieselben handelt... Wenn also der oder die gewissermaßen sich steigern? Zuerst ein Opfer: Dielen. Dann zwei: Rousseau und seine Einoktaventussi. Und als nächstes...«
Atemlose Stille machte sich breit im Raum. Einjeder dachte dasselbe: Der Mörder konnte erneut zuschlagen. Und: Er konnte schlimmer wüten als bisher...

Zitat des Tages
This day in crime history:
1881: Fjodor M. Dostojewski, der russische Autor von Krimis wie »Schuld und Sühne« oder »Die Gebrüder Karamasow« stirbt 59jährig in St. Petersburg.
1923 geboren: Heinz Drache, deutscher Schauspieler (»Das Halstuch«, »Der Hexer«, »Tatort«). Gestorben 3.4.2002.
1943 kommt Alfred Hitchcocks Film »Im Schatten des Zweifels« in die US-Kinos. In der Hauptrolle spielt Joseph Cotton den charmanten Onkel, der dann doch nicht ganz so nett ist wie gedacht.
1943 geboren: Joe Pesci, US-amerikanischer Schauspieler (»Raging Bull«, »Lethal Weapon«). Oscar 1990 für seine Rolle in »Goodfellas«





