Nacht. Gleißendes Licht. Es blendete ihn. Er hörte das Lachen aus den Lokalen und dachte: Lacht ihr nur. ICH WERDE AUCH LACHEN! Das schrie er in Großbuchstaben in sich hinein.
Sie hatten ihn immer verkannt. Schon als Säugling in der Wiege, als man ihm MILUPA einflößte, wo er doch lieber ALETE gegessen hätte. Später im Kindergarten. Nie war er die Hauptperson gewesen. Dieser Jörg mit seinem grünen Teddybär, der »Adenauer!« quäkte, wenn man ihm auf den Bauch drückte. Damit konnte man die Weiber dazu bringen, einem etwas von ihren Milchschnitten abzugeben.
Und in der Schule? Pah! Erkannte denn der Deutschlehrer nicht, dass er ein Genie war? Warum raffte dieser Idiot von Physikpauker nicht, dass ER die letzten Geheimnisse des Universums würde ergründen können, wenn man es ihm nur ersparte, diese idiotischen Hebelgesetze zu lernen! Warum hatte niemand der reizenden Anita erklärt, dass Akne ein Zeichen von Potenz und höchster Intelligenz war!
Er ließ sich treiben. Ha, ha!, lachte er (unbemerkt von allen, natürlich. Das war sein Schicksal). Ihr wisst ja gar nicht, wer da an euch vorbei läuft! Ein Universalgenie! Auf allen Gebieten (Heimwerkern ausgenommen; das musste er zugeben)! Selbst beim Massenmord! Nie gab es einen Besseren als mich! Aber auch hier wird es mein Schicksal sein, dass kein Mensch meine Einzigartigkeit erkennen wird. WEIL ICH SO GENIAL BIN, KLAR! Ihr haltet mich für einen kleinen Verrückten, der nur in die Schlagzeilen will. Dabei bin ich ein großer Verrückter, der EUCH ALLE ins Verderben stürzen wird! Intelligenz lähmt, schwächt, hindert? Ihr werd't euch noch wundern! (Er musste eingestehen, dass dies ein literarisches Zitat war. Bloß dass wieder einmal kein Schwein außer ihm wusste von wem.)

Oh, er hatte dem unwürdigen Treiben lange genug mit geballter Faust in der Tasche zugeschaut! Hatte es hingenommen, dass jeder Depp berühmt wurde, während ER, der Einzige, der es verdient gehabt hätte, selbst seiner Mutter eine Visitenkarte überreichen musste, damit sie sich an seinen Namen erinnerte. Menschen, die nicht singen konnten, wurden Popstars! Arschgesichter bevölkerten die Bildschirme, impotente Debilanten nannten sich Professoren, Kleinkriminelle bewarben sich als Kandidaten um politische Ämter – UND WURDEN GEWÄHLT! Typen, die "Slatko" hießen, wurden WEGEN NACHGEWIESENER BLÖDHEIT beliebte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sackten die Kohle ein, legten die Weiber flach und schauten auf so etwas wie IHN herab! Ein Nichts! Ein Niemand! Ein Versager!
Das Schlimmste aber war, dass sie ihn schamlos bestahlen. Diese Typen, die auf den Gedankenstrich gingen. Gedankenstrich! Das war so ein Wort, das er selbst erfunden hatte. Oder das Wort «BRDigung»! Seine Erfindung! Sie waren in sein Gehirn geschlichen (keine Ahnung, wie sie das anstellten) und hatten sich bedient. Schweine!
Und wer hatte sämtliche Melodien von OLD SILENCE geschrieben, lange bevor dieser Dielen sich damit brüstete? Genau! ER! Seinen Roman würden sie ihm auch noch stehlen; ganz klar. Er lag zu Hause in der Schublade, und eines Tages würde jemand einbrechen, so'n Alter mit Seehundschnauzer vielleicht. Wie der die BLECHTROMMEL geschrieben hat, das verstehe wer will! Bestimmt auch geklaut! Von einem armen Schwein wie ihm!
Jetzt war er ganz ruhig. Er setzte sich auf eine kalte Parkbank und schaute zum Himmel. Sein Blick schweifte an der Skyline Hamburgs vorbei, den dunklen Fenstern, den erleuchteten Fenstern. Er war gaaaaaanz ruhig.
Alles anders. Er grinste in sich hinein. Al-les an-ders. Das ließ er sich, Silbe für Silbe, auf der Zunge zergehen. Er war jetzt wer. Man fürchtete ihn. Er begleitete die Promis Tag und Nacht in ihren Albträumen. Sie wussten nicht, wer er war, aber sie wussten, DASS ES IHN GAB! In Großbuchstaben! Hinausschreien! ES GIBT MICH! Natürlich so, dass es keiner hören würde. Bloß nich'. Muss nicht sein.
Denn im Grunde, sagte er sich, war er ein sehr bescheidener Mensch.

Detlef Peter Rühhoff stieg in den Aufzug, drückte auf die 12 und grinste in sein leicht verzerrtes Spiegelbild, das ihn aus dem glänzenden Metall der Aufzugtür ebenfalls angrinste. Das war alles irgendwie symbolisch. Aufzug – Aufstieg. Langsam nach oben gleiten, ohne viel dafür tun zu müssen. Vor einem Jahr war Rühhoff noch ein Versager gewesen, ein Gestrandeter. Irgendso ein kleiner Multimediaheini, der ein vom Ministerium für Bildung und Forschung finanziertes Bundesmodellprojekt in den Sand gesetzt hatte. Und heute? Wohlbestallter Redakteur bei TEXT Hamburg. Mit eigenem Büro und eigener Sekretärin. Einer, der sich die Finger nicht mehr schmutzig machen musste, sondern bequem auf seinem Stühlchen saß und sich Schlagzeilen ausdachte, zu denen sich andere dann die Stories aus den Fingern sogen.
Und ausgerechnet Hamburg! Nicht etwa Berlin, wo eh nichts los war! Nein, Hamburg, wo der Promikiller wütete! Und er brauchte nichts zu erfinden! Nur die tägliche Promikillerschlagzeile musste aktualisiert werden. »Günter Jauch zittert vor dem Killer.« – »Knubbel: offener Brief an den Killer – Liebe mich, aber lass mich leben!« Und so weiter. Früher war alles komplizierter gewesen. Man saß morgens da und überlegte sich die Schlagzeilen für den nächsten Tag. Die Nachrichtenticker meldeten nur die üblichen Langweiligkeiten: Der Staat ist bankrott – Wieder eine Million Neger in Afrika verhungert – Deutschlands Schüler blöder als die Eskimos. – Das waren Petitessen, winzige Meldungen, die man in das ebenfalls winzige Kästchen auf Seite eins zwängen konnte, direkt unter das tägliche Abbild einer nackten, dummen Frau. Was tat man? Man erfand etwas. »Dietmar Dielen: Todesangst beim Einkaufen«. Und überlegte sich das Gerüst einer Story: Dietmar Dielen kauft nicht mehr ein, seit ihm bei ALDI eine Dose Ravioli auf den Fuß gefallen ist. Hm, hm, hm. Also anrufen. »Hallo Dietmar. Brauchst du wieder 'ne Story?« Dietmar Dielen sagte sofort zu. Eine Story konnte man immer gebrauchen. Das waren zwanzigtausend CDs mehr verkauft. Obwohl er Ravioli hasste und nie eine Dose gekauft hätte. Obwohl er lieber ein Klavierkonzert von Mozart hören würde statt einen idiotischen TEXT-Heini. Obwohl man einen armen Menschen hätte mit einer gebrauchten Designerjeans glücklich machen können. Jetzt war Dietmar Dielen tot. Das war gut für die Schlagzeilen. Aber nur vorübergehend. Irgendwann würde er einem fehlen, irgendwann würden sie ihm alle fehlen. Keine Stars, keine Schlagzeilen. Keine Schlagzeilen, keine TEXT-Zeitung. Keine TEXT-Zeitung – Arbeitslosenunterstützung. Für einen kurzen Augenblick schauderte es Rühhoff. Oh, oh, oh.
12. Stock. Noch einmal durchatmen. Denn hier, über den Köpfen der fleißigen Redakteure, thronte ER, der Chef. Wenn er dich zu sich bittet (oder befiehlt), dann nur, um dich zu feuern oder zu befördern. Rühhoff glaubte an letzteres, und er hatte allen Grund dazu.
»Ah, Rühhoff!«
Jovial erhob sich der Chef und eilte seinem Untergebenen entgegen. Das war natürlich das allerbeste Zeichen. Der massige Körper des Vorgesetzten drängte den zierlichen des Untergebenen zur Besuchersitzecke, wo über einem gemütlichen Ensemble aus Ledersesseln und Glastisch eingerahmt die besten Schlagzeilen der letzten zwanzig Jahre hingen. Klassiker wie »Mann biss Leguan.«, »Kaaaaalt! In Sibirien erste Brüste explodiert!« oder »Schröder gefärbt? Wenn ja - wo?«.
Momentan arbeitete der Chef an einem ehrgeizigen Projekt, welches seine Verweildauer im Fegefeuer minimieren sollte: die TEXT-mäßige Vorstellung der biblischen zehn Gebote.
Nun gut; die ersten fünf hatte man schon präsentiert. Doch so allmählich näherte man sich jener göttlichen Anweisung, welche da besagt, man solle kein falsches Zeugnis ablegen wider seinen Nächsten. Und da befand sich der Chef in einer schwierigen Lage, lebten er und die Seinen doch genau von der millionenfachen Ablegung falscher Zeugnisse. Aber »wider seinen Nächsten«? Wer war das überhaupt? Der Nachbar? Der Chef konnte sich nicht erinnern, jemals wider seinen Nachbarn, einen pensionierten Oberstaatsanwalt, falsches Zeugnis abgelegt zu haben. Um es genau zu sagen: Er hatte mit dem Mann noch keine fünf Worte gewechselt. So gesehen konnte es sich sogar TEXT erlauben, auf dieses Gebot hinzuweisen.
Nachdem sie es sich geschäftlich gemütlich gemacht hatten, begann der Chef, Rühhoff starren Auges zu betrachten. Das war einer seiner gefürchteten Tricks, ein optisches Weichkochen potenziell unbotmäßiger Seelen, bis sie, schwammig geworden, flatterten wie eine alte, von Elton John besungene TEXT-Zeitung im Wind.
»Mein lieber Rühhoff«, begann der Chef bedrohlich, »mein bester Rühhoff! Ich brauche Ihnen ja nicht zu erzählen, wie zufrieden ich mit Ihrer Arbeit bin!«
Wenn er es nicht brauchte, erzählte der Chef gerne, wie zufrieden er mit der Arbeit seiner Untergebenen war. Auch das war eine Taktik des Weichkochens.
»Diese böse Geschichte mit dem Ableben unserer lieben Geschäftspartner Dielen, Michaela etc. - das machen Sie richtig gut!«
Rühhoff atmete kaum vernehmbar. Eigentlich atmete er überhaupt nicht und hätte seit Minuten tot sein müssen. Doch man stirbt nicht im Zimmer des Chefs.
»Aber...«
Hilfe! dachte Rühhoff. Er hat »aber« gesagt! Das hört sich nicht gut an.
»Aber... Sie wissen ja, wie das ist...«
Er hatte »Sie wissen ja, wie das ist...« gesagt. Mit drei deutlich vernehmlichen Pünktchen am Schluss. Das konnte nur heißen: Tschüss, Alter. Schau mal, was sich beim Arbeitsamt so tut. Na ja, es ist eine schöne Zeit gewesen. Rühhoff hatte sich zwar selbst nicht mehr leiden mögen, aber besser ein gut verdienender Rühhoff, der sich nicht leiden kann als ein arbeitsloser Rühhoff, der sich morgens vor dem Spiegel schon leidenschaftlich um den Hals fällt.
»Es ist ja so... Für unser Geschäft ist das wirklich gut. Ich meine: die Todesfälle. Klingt hart; ich weiß. Aber ich bin alter Zeitungsmann. Verstehen Sie? Auch der verlorene Zweite Weltkrieg war gut fürs Geschäft. Gott, was haben wir wiederaufgebaut! Gott, was waren wir Gründerexistenzen! Aber... kurzum: Die Todesfälle sind klasse. Wenn da nicht so ein Verrückter durch die Gegend zöge und uns die Arbeit abnähme... Jedenfalls: Ein Dietmar Dielen, dem man die Eier absägt, liefert zwei Wochen Schlagzeilen. Ein lebendiger Dietmar Dielen aber vielleicht zwei Jahre. Das ist es, was ich meine. Verstehen Sie?«
Rühhoff verstand. Seine eigene Befürchtung war das doch gewesen. Der TEXT-Zeitung starben die Schlagzeilen weg. Die Alarmglocken schrillten.
»Wir müssen uns also überlegen, was zu tun ist. Ja... was ist denn zu tun? Haben Sie eine Idee?«
Rühhoff überlegte angestrengt, doch der Chef wartete nicht ab, bis Rühhoff eine Idee haben würde, sondern sprach weiter:
»Solange der Killer aktiv ist, wird es so weitergehen. Also muss man ihn schnappen. Die Polizei ist unfähig. Alles Beamte. Alles SPD. Ich habe mit Riesch gesprochen, der ist der gleichen Meinung. Ein warmherziger Mensch! Gegen die Polizei! Wenn alle Menschen gut wären, bräuchte man keine Polizei, sagt er immer. Nun ja. Jedenfalls... Es müsste jemanden geben, der den Killer schnappt. Einer...«, er sah Rühhoff milde an, »Einer, der über gewisse detektivische Fähigkeiten verfügt.«
Rühhoff erschauderte. Jawohl, er hatte einmal einen Krimi geschrieben. Jawohl, er besaß eine sowohl deduktive als auch induktive Intelligenz, und wer nicht weiß, was das ist, der schaue doch gefälligst im Wörterbuch nach. Jawohl, jawohl, der Krimi war im Internet veröffentlicht worden und hatte es alsbald zum Kultkrimi gebracht. Ja, ja, ja, er hätte damit reich und berühmt werden können. Aber: Der Chefredakteur des Internetmagazins, in dem der Roman erschienen war, hatte mit sämtlichen Einnahmen und unter Mitnahme einer atemberaubend proportionierten Praktikantin das Weite gesucht. So war nun einmal die Welt. Schlecht bis ins Mark.
Der Chef warf abermals sein starres Auge auf Rühhoff.
»Nun? Sind Sie bereit? Riesch ist einverstanden. Sie erhalten alle Unterstützung, die Sie nur brauchen. Nicht offiziell, natürlich. Aber...«
Rühhoff hasste es, wenn der Chef »aber...« sagte. Er hasste es, Dinge tun zu müssen, die er nicht tun wollte. Er hasste es - nein, Quatsch. Er liebte seinen Job. Er liebte das Geld, das er verdiente. Er liebte die Frauen, die er mit diesem Geld kaufen konnte. Er würde alles dafür tun. Auch einen Irren hinter Schloss und Riegel bringen. Es ging um die Pressefreiheit!!!

Zitat des Tages
This day in crime history:
1881: Fjodor M. Dostojewski, der russische Autor von Krimis wie »Schuld und Sühne« oder »Die Gebrüder Karamasow« stirbt 59jährig in St. Petersburg.
1923 geboren: Heinz Drache, deutscher Schauspieler (»Das Halstuch«, »Der Hexer«, »Tatort«). Gestorben 3.4.2002.
1943 kommt Alfred Hitchcocks Film »Im Schatten des Zweifels« in die US-Kinos. In der Hauptrolle spielt Joseph Cotton den charmanten Onkel, der dann doch nicht ganz so nett ist wie gedacht.
1943 geboren: Joe Pesci, US-amerikanischer Schauspieler (»Raging Bull«, »Lethal Weapon«). Oscar 1990 für seine Rolle in »Goodfellas«





