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Perspektive

Denken und stapeln

Man weiß es, aber man vergisst leicht: Literatur ist mehrdeutig, vielschichtig, mißverständlich, irritierend. Drück 100 Leuten je ein Exemplar von Kafkas „Schloss“ in die Hand, und sie werden dir nach der Lektüre 100 Interpretationen liefern. Nu ja, Kafka! Aber ein Krimi? Eine schlichte Geradeaus-Story?

Man weiß es. Und man wird ständig daran erinnert. Als ich mich neulich daran machte, Fred Vargas’ vielgelobten Roman „Der vierzehnte Stein“ zu lesen, geriet ich rasch auf einen Pfad, der sich als veritable Sackgasse entpuppte. Enttäuschung, Irritation, Ärger. Dann – wer will sich schon 480 Seiten lang ärgern? – begann ich den Roman anders zu lesen. Was natürlich nur dann funktioniert, wenn man einen Roman auch wirklich anders lesen kann. Gerade Krimis neigen zu einer – nennen wir es „genretypischen“ – Eindeutigkeitsfixiertheit, was zwar ein hässliches Wort ist, aber ein passendes. Ein Verbrechen hat eine Delle in ein Weltbild gehauen, und der Autor bemüht sich, die so missgestaltete Landschaft wieder plan zu machen, damit wir sie am Ende in aller Ruhe überblicken können. A killt B, aber der Leser weiß es nicht, und auch nicht warum. Darum geht es. Gelingt es dem Autor, uns das spannend und halbwegs logisch rüberzubringen? Ei wunderbar! Keine Mehrdeutigkeiten, bitte, nichts, was mich mit dem Verdacht zurücklässt, ich hätte etwas nicht kapiert!

Aber es geht auch anders. Fred Vargas’ Roman zum Beispiel wurde nach einem Perspektivwechsel meinerseits doch noch zum erfreulichen Leseerlebnis. Irritierend blieb die Sache doch, so irritierend, dass sich die Rezension ausdehnte, grundsätzlich wurde. Ihr bekommt sie nächste Woche in zwei Teilen.

Perspektivwechsel? Ein Kennzeichen wirklich guter Literatur. Aus welchem Winkel ich mich einem Text nähere, wie ich ihn betrachte: von oben, unten, auf Augenhöhe mit den Protagonisten, in ihnen drin. Ja, das weiß man. Sollte möglich sein: gute Literatur eben.

Ich kenne eine Menge Leute, die, sobald sie die Wohnung einer ihnen bislang nur flüchtig bekannten Person betreten, sogleich an deren Bücherregalen auf und ab paradieren. Bücher erzählen eine Menge über ihren Besitzer. Blödsinn. Bücher erzählen überhaupt nichts. WIE man liest, das erzählt viel. Man muss es aber auch deuten können.

(Das war die dritte Lieferung einer Reihe mit dem Namen "Denkstapel", auf den alles geknallt wird, was meiner nervösen Schreibhand gerade so einfällt. Könnte sein, dass dieser Stapel später einmal fein säuberlich abgearbeitet wird... Wer dieses Stapelgekritzel kommentieren möchte, sollte es tun.)


dpr

29. Juni 2005

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