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Summer Camp -5-

Das ist schon merkwürdig. Wir haben Anfang und Ende eines Krimis, wir haben eine Konstruktion, die das Funktionieren der Erzählperspektive(n) regeln soll – und jetzt soll plötzlich schon „die Sprache“ abgehandelt werden. Wie denn das?
Schon recht. Um uns detailliert über Sprache zu unterhalten, brauchen wir die Sprecher. Jeder von ihnen (bitte um Verzeihung, dass ich jetzt nicht jedesmal auch noch „Sprecherin“ etc. schreibe; „Sprecher“ ist hier mal geschlechtsneutral) wird, sobald „ich“ ins Spiel kommt, so reden und denken, wie es seine Charakterisierung entspricht. Das sollte einleuchten. Die auch nur kursorische Überprüfung von Krimis jedoch lehrt uns eines Besseren.
Ein Roman, in dem aus der Ich-Perspektive erzählt wird, steckt zumeist in einer Klemme. Nehmen wir eine ganz alltägliche Situation: Ich gehe zum Kiosk und kauf mir eine Wurst. Wie könnte man das schreiben?
„Ich verließ das Haus durch den Hinterausgang. Es regnete. Ich klappte den Kragen meines Mantels hoch, was nichts weiter als ein Reflex war, eine hilflose Geste, denn es regnete stark. Die Straße war menschenleer, wenn man davon ausgeht, dass Kinder keine Menschen sind, sondern schreiende Monster, und ich ging davon aus, denn ich war wütend auf die ganze Welt. Am Kiosk lachte mir das Fräulein entgegen, und ich lachte zurück. Hatte nichts zu bedeuten. Ich sagte: Ne Rote, und sie machte sich ans Werk.“
Zunächst: Ich habe geschrieben, wie ich die Wohnung verlasse, in welcher Stimmung ich bin, wohin ich gehe, was ich dort tue. Ich habe es natürlich für den Leser geschrieben, nur für ihn, denn ich persönlich kenne keinen Menschen, der sich unter dem Produzieren solcher Gedanken auf den Weg machen würde, einer Wurst habhaft zu werden. Ergo: Die Ich-Perspektive ist eine verkappte Er-Perspektive, und tatsächlich könnte man in diesem Text das „Ich“ locker durch das „Er“ ersetzen, ohne auch nur eine Spur von –naja, nennen wir es Atmosphäre zu verlieren. Die einzige Alternative wäre ein „Ich“, das versuchte, wirklich das wiederzugeben, was im Moment der Handlung in ihm vorgeht – und das selbstverständlich in einem angemessenen, d.h. wohl nicht „literarischen“ Sprachstil. Diese Alternative jedoch wäre für ein literarisches Werk untauglich, das mit den Lesern kommuniziert und ihm Informationen gibt, wie man sie sich selbst nicht zu geben braucht.
Würden wir nun den obigen Text konsequent in der dritten Person Singular halten, stünden wir vor einem anderen Dilemma. Dem nämlich, dass dann die Stimme des Erzählers uns Intimitäten aus der Gedanken- und Gefühlswelt der handelnden Personen mitteilte, die nur diese wissen und ergo formulieren können („Er war wütend auf die ganze Welt.“)
Auf was ich mit diesen Ausführungen vorbereiten will, ist die Sensibilität, die wir bei der sprachlichen Umsetzung der jeweiligen Erzählperspektive walten lassen sollten. Unsere Sprache muss dehnbar sein. Eine Konsequenz daraus ist zum Beispiel, dass – je subjektiver, intimer das Mitgeteilte wird – unsere Sprache von ihrer grammatischen Ideallinie abweicht. Sobald die Erzählinstanz innerhalb einer Person lokalisiert werden kann (also „ich“ gesagt wird), zerbröckelt das Dudendeutsch. Je „objektiver“ das Mitgeteilte wird (also ein „Er“ reportiert), desto mehr konsolidiert es sich zu nüchterner, beschreibender Sprache.
Das hört sich natürlich einfacher an, wie es am Ende sein wird. Und – I know, I know – es dürfte all diejenigen düpieren, die auf „Einheitlichkeit des Stils“ bestehen, d.h., um es zu pointieren, die Literaturentwicklung der letzten na sagen wir 100 Jahre nicht zur Kenntnis nehmen und immer noch von einer „Schreibe“ murmeln, einer „unverwechselbaren“ gar. – Wogegen ich nichts habe, nein. Da gibt es ganz wunderschöne. Aber ich habe etwas gegen Ausschließlichkeit aus Denkfaulheit.
Sollte unser sprachlicher Plan, der hier nur kurz skizziert werden konnte, aufgehen, dann werden Erzählperspektiven und Sprache zu einem soliden Spannungsbogen verbunden sein, dessen Feinbearbeitung via Personenzeichnung und Handlung geschehen muss. In der nächsten Folge des Summer Camps werden wir also die handelnden Personen vorstellen. Das Thema Sprache und Stil wird uns aber noch beschäftigen.
dpr
20. Juni 2005
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