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Provinziell und provinziell

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Die Provinzialität des neueren deutschen Kriminalromans sei, so hört man, sprichwörtlich. Stimmt doch, oder? Durch die Krähwinkel ihrer deutschen Lande stapfen Autor und Held, deutsches Denken in den deutschen Köpfen, Kölsch in den Kehlen, und wer das liest, der achtet peinlich auf das Korrekte der Recherche, der weiß genau, dass im Eifelland im Dorfe X. die erste Straße rechts, wenn man von Y. kommt, „Hauptstraße“ heißt und nicht anders. Der deutsche Krimi, so kommt’s einem vor, spielt sich unter Zipfelmützen ab.

Wann immer mir der Begriff „provinziell“ im Zusammenhang mit deutschen Krimis begegnet, ist er geografisch gemeint. Und sobald ein Autor sein Werklein außerhalb der Grenzen unseres Vater- und Mutterlandes ansiedelt, ernennt man ihn gleich zum Schwurbruder für potentielle „Weltläufigkeit“.

Es ist Zufall, dass mir in jüngster Zeit drei deutsche Krimis explizit nicht-provinziellen Charakters untergekommen sind: Daniel Dubbes →„Tropenfieber“ entfaltet seine Handlung auf Madagaskar, Bernhard Sinkels →„Bluff“ wirft seinen Personalstamm zwischen Berlin und den USA hin und her, D.B . Blettenbergs →„Harte Schnitte“ haben München, die USA sowie Afrika zu Schauplätzen.

Das ist nun reichlich exotisch, wenn uns deutsche Zungen von fremden Ländern erzählen – aber tun sie das wirklich? In allen drei Romanen (von denen ich zwei, nota bene, für ziemlich mißglückt halte) sind die Protagonisten Deutsche, ihre Probleme desgleichen, und das Fremde zurrt auf eine reine Kulissenfrage zusammen. Afrika- und Amerikatag in der Provinz, möchte man sagen, ein Neger bietet Kunstgewerbe an, eine amerikanische Countryband nudelt Westernweisen. Das ist ja unglaublich schön, da prickelts unter der Zipfelmütze – aber wirklich „nicht provinziell“?

Wenn ich es richtig einschätze, tauchte von Kritikerseite der Vorwurf der Provinzialität in den frühen 50er Jahren auf und bezog sich auf das „Weltabgewandte“ der deutschen Literatur jener Zeit. Dieses Abgekoppeltsein von der literarischen Moderne hatte historische Ursachen. Wer unmittelbar nach dem Krieg hierzulande zu schreiben begann, kannte in der Regel weder Hemingway noch Faulkner, weder Joyce noch Dos Passos, ja, sogar von der eigenen Tradition war man 1933 brutal abgeschnitten worden.

Provinziell bedeutete also ursprünglich: abseits vom aktuellen Entwicklungsstand der Literatur. Das hatte nichts mit Themen und Orten zu tun, wies lediglich darauf hin, dass anderswo die Literatur weitergegangen war und ihre Errungenschaften die Provinz Deutschland noch nicht erreicht hatten.

Beziehen wir das jetzt auf den Kriminalroman, so kann „provinziell“ in diesem Zusammenhang etwa bedeuten, das Agatha-Christie-Schema einer Handlung aufzupfropfen, die meinetwegen auf Haiti spielt und viele schwarze Voodoomänner und noch mehr dunkle, schweißperlende Frauenhaut in petto hat. Ein nicht provinzieller Krimi hingegen mag im Schwarzwald spielen, sich aber stilistisch und dramaturgisch der Mittel bedienen, die zum Kanon der Moderne gehören.

Provinz, das ist die Konvention, die Risikolosigkeit, das geschäftliche Kalkül. Dubbe, vor allem aber Sinkel, schreiben konventionell, ohne Risiko, klammern sich an die Exotik und die Legenden wie ein Markenprodukt an sein Logo. Blettenberg wenigstens geht darüber hinaus. Nicht ohne Schwächen zwar, aber literarisch durchaus auf der Höhe.

Bliebe die Kritik, die sich des Provinziellen als einer Waffe bedient, die vorgibt scharf zu sein, in Wirklichkeit jedoch so stumpf ist wie die Argumentation, die sich ihrer bedient. Literatur atmet nicht durch die Kulisse, Exotik ist kein Standortvorteil per se, sondern leider allzuoft die bunte Tapete auf das Rissige einer baufälligen Story gekleistert. Und, obacht: Ein madegassischer Krimi, von einem Madegassen geschrieben, ist provinziell, wenn Provinzialität wäre, was sie in schlichten Weltbildern sein soll.

Ein Kriminalroman, der über Rätselbelange hinausgeht, der mehr sein will als ein deduktives Kabinettstückchen, wird uns das, was er zu sagen hat, immer in der Form sagen, die angemessen ist. Das kann sehr wohl mit Mitteln der literarischen Provinz geschehen. Solange man eine Ahnung davon hat, dass es noch anderes Werkzeug gibt. Ein Schraubenzieher, ein Hammer, eine Säge: schön und gut. Beim Umgraben eines Gartens erweisen sie sich aber als ziemlich nutzlos.

dpr

20. Juli 2005

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