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Die Chance der schlechten Gesellschaft

freitagsessay.gif

Nun, das war einmal ein angenehmer Sommerurlaub. Wenig Sommer, wenig Stress, dafür gute Lektüre. Intelligente amerikanische Thriller und, was für eine Überraschung, intelligente neue deutsche Krimis.

Überraschung? Nicht die Tatsache an sich, dass deutsche Krimis auch intelligent sein können, indes die schiere Menge an Gutgeschriebenem, Wohldurchdachtem. Es mag die Gnade der mehr oder weniger zufälligen Auswahl sein, die mir die Herren Jaumann, Horst und Steinbach beschert hat, die Damen Kampmann und, trotz einiger Schwächen, Lehmann desweiteren. Da man aber ja im Urlaub notorisch besser gelaunt ist als im Mief des Büros, umsessen von den mürrischen Kollegen, habe ich durchaus ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, es für ein gutes Zeichen zu nehmen, gar als eine Wende hin zum Besseren zu betrachten.

Während ich mir das so überlegte, kam mir ein weiterer Gedanke in den Sinn, ein beinahe ketzerischer Sezessionsgedanke: Sollte man nicht als Betreiber eines öffentlichen und renommierten Hauses der Krimikritik, daran gehen, die Guten aus dem Gemeinwesen der Schlechten und Mittelmäßigen herauszunehmen, abzuspalten von diesem Baum ewiger Fließbandstories, die Wurzel zu kappen, die da tief im Trivial-Dummen sitzt und sich von der Bedürfnislosigkeit ihrer Leser nährt?

Der Gedanke war nicht ohne Reiz. Allein sich vorzustellen, wie man, einen Stapel guter Bücher um sich versammelt wie gute Freunde, dem Schönen und Wahren frönen könnte, während sich die schnöde Welt da draußen vom hingerotzten Krimipöbel unterhalten lässt. Hübsch; ich hörte schon das Kaminfeuer knistern, den Punsch brodeln und elysische Engelsstimmen singen.

Aber dann. Die Konsequenzen. Was ich mir da vorgestellt habe, ist ja so neu nicht. Nein, es ist eigentlich der Normalfall. Es gibt eine hohe Literatur und eine triviale, und die Folge davon ist, dass kein Mensch etwa Heinrich Böll mit „Landser“- Romanen vergleicht und durch Walter Kempowskis Erinnerungen an die NS-Zeit kein Konsalikscher „Arzt von Stalingrad“ melodramatisch spaziert. Getrennte Welten. Als zöge man einen waagerechten Strich, wir da oben, ihr da unten, fraternisiert wird nicht.

Bei Kriminalromanen ist das bekanntermaßen anders. Sie gehören zum „Genre“ und werden dort nach inhaltlichen, nicht qualitativen Kriterien versammelt. Ein Genre „Kriegsliteratur“ etwa, unter dem besagte Beispiele Böll, Kempowski, Konsalik und „Landser“ einzuordnen wären, existiert hingegen nicht.

Gut so? Vorsicht. Wenn ich Schnitte nach qualitativen Gesichtspunkten durchführe, ziehe ich zum Teil unüberwindliche Grenzen, ich verteile etwas, das potentiell zusammengehört, auf Schubladen. Ein geschlossenes System also, fast eine Art unantastbare Schatztruhe des Bildungsbürgertums, die nach wenigen Jahren schon mit der Entwicklung der Literatur nicht mehr Schritt halten kann. Die Folgen u.a.: Innovatives bleibt auf Jahrzehnte außen vor, was mit Techniken der Populärliteratur (auch Kolportage oder Schund oder Unterhaltung genannt) arbeitet, wird naserümpfend ein paar Schubladen tiefer eingesargt.

Im Gegensatz zur qualitativ bewertenden „Schubladenliteratur“ sind Krimis inhaltlich-thematisch, also gewissermaßen „vertikal“ sortiert, von oben (Dürrenmatt?) nach unten (Jerry Cotton?). Dies gibt dem Krimi eine größere Bewegungsfreiheit und erlaubt auch den Vergleich zwischen „oben“ und „unten“, was nicht immer zum Vorteil des ersteren ausgeht. Dass innerhalb dieser „Schächte“ durchaus qualitativ sortiert werden kann, versteht sich. Das System ist insgesamt lebendiger, flexibler, austauschfreudiger.

Da wir in diesem Krimiblog bisher meines Wissens noch nie ein Schaubild hatten, hier also das erste:

schaubild_1.jpg

Ich mag ja nicht der genialste Grafiker sein (sagen jedenfalls diejenigen meiner Kollegen, die etwas davon verstehen), aber ein Blick zeigt doch, welche Vorteile es hat, solche „Genre-Schächte“ zu bauen. Es gibt fließende Übergänge zwischen den „Schubladen“, auch die Namen und mit ihnen die dahinter stehenden Definitionen verblassen. Dass sich die „Genres“ überlappen, versteht sich von selbst, denn dass ein Krimi nicht auch SF sein dürfte oder SF auch Krimi, lehren allerhöchstens noch Dr. Staub und Professor Trocken. Und die Bezeichnung "Genre" lassen wir ganz einfach weg: Krimi. Nichts weiter. Die guten wie die schlechten. Wenn wir aber schon auch den schlechten hier Unterschlupf gewähren, müssen sie es sich gefallen lassen, gelegentlich „schlecht“ genannt zu werden. Das ist der Preis der Toleranz.

dpr

26. August 2005

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