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Ein Serienheld erzählt

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Hallo. Sie kennen mich. Oder nicht? Kevin Puffendorf, der Krimiserienheld. Na sehen Sie. Gewiss erinnern Sie sich noch, wie ich den vergrabenen Nazischatz aufgespürt und dabei die latente Pogromstimmung hierzulande gleich mit ausgebuddelt habe. „Kevin Puffendorf“, haben Sie ausgerufen, „Kevin Puffendorf ist schwer in Ordnung. Der bricht die Tabus, der ist einer von uns!“

Dabei – ein langes Leben hatte mir mein Autor anfangs gar nicht vergönnt. Es war vielmehr so: Fast jeder in seiner Familie war irgendwann mit glänzenden Augen aufgetaucht und hatte ein druckfrisches Büchlein geschwenkt. „Da! MEIN Krimi!“. Und als dann sogar Onkel Albrecht, der ein Prädikat nur von den Etiketten der Weinflaschen her kennt, mit einem „historischen Thriller“ reüssierte, da setzte sich mein Autor seufzend nach Feierabend an seinen Computer und schrieb halt auch einen Krimi. Land der Dichter und Krimiautoren, Sie kennen ja den alten Spruch.

Eigentlich ist mein Autor Sachbearbeiter in der geflügelverarbeitenden Industrie. Aber in Deutsch hatte er immer eine 2, und wenn ihm das Fräulein Mischkies damals nicht aus erzieherischen Gründen einen vor den Latz geknallt hätte, wärs sogar eine 1 geworden. Na ja, dann hätte er Lyrik verzapfen müssen.

So also, nach Feierabend, kam ich in die schillernde Welt der Literatur. Einen Verleger zu finden war kein Problem, ist überhaupt heutzutage das Leichteste beim Schreiben. Die Lektorin war voll nett und hat auch nur ganz kurz versucht, meinem Autor den Kevin Puffendorf, also mich, auszureden. Lesbische Detektivinnen seien total gefragt, hat sie bemerkt, und als Heterosexueller sei mein Autor doch quasi Experte für Personen, die Frauen lieben. Aber da ist er standhaft geblieben, und das rechne ich ihm hoch an.

Schön; der Erstling hat sich nicht gerade wie geschnitten Brot verkauft. Bevor mein Autor „Bestseller“ murmeln konnte, lag das Büchlein auch schon auf den Ramschtischen. Ende eines kurzen Daseins. Das, unter uns, so aufregend auch gar nicht war. Meistens stand ich nur dumm in der Kulisse rum und hab auf den Zufall gewartet, der mich von Seite 115 zur Seite 116 transportieren musste. Viel zu sagen hatte ich auch nicht, weil – ich bin hardboiled. Mein Autor hat immer den Bogart im Kopf gehabt, als er mich ins Leben warf, eine Kippe zwischen die Lippen geklemmt und kein Satz mehr als sieben Wörter lang. „Sie dürfen nicht vergessen, mein lieber Herr X“, hat ihn die Lektorin belehrt, „dass unsere Zielgruppe gerade mal unfallfrei durch die Hauptschule gekommen ist. Wenn Sie Realschüler erreichen wollen, müssen Sie „cozy“ schreiben und für Abiturienten bitteschön „literarisch“. Das hat mein Autor natürlich nicht gewollt. Wo kämen wir denn da hin, wenn einer nach Feierabend auch noch literarisch ein Buch schreiben müsste!

Aber irgendwie – ich weiß auch nicht – hat mein Autor Blut geleckt und einen zweiten Krimi geschrieben. Mit einer lesbischen Detektivin als Heldin, denn er ist ja lernfähig. Aber da hat die Lektorin resolut abgewunken. „Nein, nein, mein Bester. Denn erstens sind Lesben inzwischen total out. Und zweitens: Ihr Kevin Puffendorf hat das Zeug zum Serienhelden.“

Da war es, das S-Wort. „Serienheld“. Die Lektorin hat das meinem Autor brühwarm erklärt. „Wissen Sie, mein Lieber, das Publikum mag Serienhelden. Das ist wie Familie. Auch immer die gleichen Figuren, langweilig und nervig, aber eben Familie. Man weiß genau, was einem blüht, man kennt die Sprüche, kennt die Macken. Und bei Krimis ist es das Gleiche. Schon auf der ersten Seite, wenn es heißt: ‚Kevin Puffendorf hatte Kopfschmerzen. Er stand auf und suchte die Aspirinpackung’ – genau jetzt also seufzt der Leser, seufzt die Leserin erleichtert: Ha, Kevin Puffendorf, altes Haus! Schön, dich zu sehen!“

Sie hat meinem Autor dann gewisse Verhaltensregeln mitgegeben. Erste und wichtigste Regel: Kevin Puffendorf hat eine depressiv-nachdenkliche Ader. Das ist deshalb wichtig, weil allein das Nachdenken für mindestens 60 Normseiten gut ist und dem Leser, der Leserin das Gefühl gibt, keinen ungebildeten Scheiß zu lesen, sondern gebildeten. Zweite Regel: Bloß keine Entwicklung! Kevin Puffendorf muss immer der erfolglose Schnüffler bleiben, der eine gescheiterte Ehe hinter sich hat, Bourbon liebt und, wenn er eine Frau becirct, „na, Baby“ sagt. Nichts hasst der Leser, die Leserin so sehr wie alte Bekannte, die ihn überraschen. Das ist wie im richtigen Leben.

Leider ging bei meinem zweiten Abenteuer einiges schief. Im ersten Buch war ich 35 und meine geschiedene Frau hieß Marion. Im zweiten war ich blühende 49 und meine Ex hörte auf den Namen Sieglinde. Dumm gelaufen, weil – zu der Zeit hatten sie Revision in der Firma, und mein Autor konnte nach Feierabend nicht richtig abschalten. Außerdem hätte er ja das erste Buch noch mal lesen müssen – was man ihm nun wirklich nicht zumuten konnte.

Der Verlag jedenfalls hat gute Arbeit geleistet. Auf dem Buchdeckel klebte ein knallgelbes rundes Schildchen „Kevin Puffendorf ermittelt wieder!“, was den Absatz ohne weiteres um 1200 Exemplare erhöhte. Und der Waschzettelfutzi, der für den Klappentext und das ganze Pipapo verantwortlich ist, hat sich auch nicht lumpen lassen. Kein Wunder, war ja im Volkshochschulkurs „Deutsch als Hochleistungssport“ gewesen.

Glauben Sie mir: Keiner war überraschter als ich, dass ich nach 340 Seiten tatsächlich einen Massenmörder überführt, ein kleines Mädchen vor der Zwangsprostitution gerettet und einen korrupten Richter zu Fall gebracht hatte! Und das alles durch Rumlaufen und Rumgrübeln! Man glaubt ja gar nicht, wie viele Zufälle es im Leben gibt, vor allem, wenn es ein Krimi ist, vor allem, wenn er am Feierabend geschrieben wird.

Das Buch hat sich dann auch ganz ordentlich verkauft, und mein Autor hat sich sogleich an den dritten Fall gesetzt. „Passen Sie auf“, hatte ihn die Lektorin belehrt, „diesmal könnten wir Kevin Puffendorf selbst in den Fall involvieren, wie man in der Buchbranche so sagt. Er verliebt sich in die Hauptverdächtige. Oder die Hauptverdächtige entpuppt sich als seine uneheliche Tochter. Oder Kevin Puffendorf wird selbst als Hauptverdächtiger von der Polizei gejagt. Oder Kevin Puffendorf hat einen mordsmäßigen Durchhänger und ermittelt auf Mallorca, wo er sich zwecks Erholung aufhält – dann haben wir auch gleich noch einen deutschen Regionalkrimi, was immer gut ist.“

Gesagt, getan. Ich bekam einen mordsmäßigen Durchhänger, weil die Hauptverdächtige, mit der ich schon nach 13 Seiten in die Kiste stieg, meine uneheliche Tochter war und auf Mallorca anschaffen ging. Ein Riesenerfolg!

„Der Serienhit!“ – so schreit der Aufkleber auf meinem vierten Abenteuer. Meine Tochter war natürlich gar nicht meine Tochter („Inzest ist pfui!“, hatte die Lektorin gewarnt) und hat auch nicht angeschafft. Sie ist verdeckte Ermittlerin beim BKA und jetzt halt so eine Art Sub-Co-Serienheldin, weil sie mir nicht nur die Hormone glattbügelt, sondern auch für die Zufälle sorgt, die ich so notwendig brauche, um einen Fall zu lösen. Einen politischen, klar. Stehen ja Wahlen vor der Tür. Und das Publikum liebt mich! Es kriegt gar nicht genug von mir! Immer noch muss ich seitenlang erklären, warum Bourbon mein Lieblingsgetränk ist und dass ich als Kind mal beinahe von der Müllabfuhr mitgenommen worden wäre, weil ich unvorsichtigerweise in die Tonne gekrabbelt bin. Ja, das ist er, unser Kevin!, seufzt dann der Leser, die Leserin.

Übrigens: Mein Autor hat seinen Sachbearbeiterjob inzwischen geschmissen und arbeitet als – Sie werden es nicht glauben – „Schriftsteller“! Er denkt über einen literarischen Krimi nach, also über einen, wo man auch Landschaften und Stimmungen beschreibt („Das Firmament kotzte Sterne. Der Mond war so fahl wie das Gesicht des Toten oder andersrum.“). So wie damals im Deutschunterricht! Hefte raus, Besinnungsaufsatz! Bloß dass das Fräulein Mischkies ihm jetzt keinen mehr aus erzieherischen Gründen vor der Latz knallen kann.

dpr

3. August 2005

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