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Jeffery Deaver: The vanished man

Lincoln Rhyme ist gegenwärtig vermutlich der legitime Nachfolger Sherlock Holmes’. Wie dieser widmet er sich der minutiösen Analyse von am Tatort gefundenen Spuren. Während Sherlock Holmes mit aus heutiger Sicht etwas altmodischem Werkzeug zu Werke ging, verwendet Lincoln Rhyme [von Deaver allerdings sehr frei angewendete] „state-of-the-art“ - Werkzeuge, wie Gaschromatograph, hochauflösendes Mikroskop und die Kommunikationsmöglichkeiten des Internets.
Sherlock Holmes überraschte die Leser häufig mit extrem eigenwilligen, teilweise willkürlichen Schlussfolgerungen. Diese pure Form des abstrakten Krimi-Rätsels ist ziemlich schnell aus der Kriminalliteratur verschwunden; während heutzutage literarische Elemente die meisten Bücher der Gattung dominieren. So gesehen sind die Romane mit Lincoln Rhyme, wenn auch technisch aufgedonnert, Relikte einer untergegangenen Krimiepoche.
Schnell ist klar, der Täter in „The vanished man“ ist ein gelernter Magier, ein Illusionist, einer der sich wie Houdini entfesseln kann und Zauberkunststückchen mit den Händen beherrscht. So einer macht es den Gegnern schwer und dem Autor leicht: Jeder Bruch im Plot kann als Zauberkunststück gedeutet werden. Hier liegt gleichzeitig der Reiz und die Schwäche des Buches: Deaver nimmt die Täuschungen der Illusionisten auf und, im Gegensatz zu sonstigen Gepflogenheiten im Genre, arbeitet offen mit ihnen. Das ist pfiffig und unterhaltsam, aber wenn man es übertreibt auch ermüdend.
Das Buch besteht quasi aus zwei Teilen. Im ersten Teil ist das Buch ein typischer Vertreter der Rhyme und Sachs Serie: Das ewiggleiche Schnitzeljagdspiel, der ewiggleiche latente Zorn Rhymes über die Welt, und wieder einmal wird seine physische Unterlegenheit ausgenutzt und er überfallen. Soweit nichts Neues.
Jeffery Deaver jedoch scheint zu ahnen, dass diese Serientätergeschichten sich totlaufen, und während der Leser das Gefühl hat, dass die Story zu Ende erzählt ist, expandiert sie in Wirklichkeit, versucht sich von der sinn-, ziel- und geschichtslosen Schnitzeljagd zu einer Geschichte weiter zu entwickeln. So steckt der Leser plötzlich irgendwie in einer Verschwörungsgeschichte, wo weiße Suprematisten versuchen, einen Staatsanwalt zu töten. Hier schlägt die Story Hacken wie ein tollwütiger Hase. Finte um Finte und Gegenfinte um Gegenfinte, am Ende hängt der Leser halb besinnungslos in den Seilen und lässt die Geschichte mit sich geschehen. Das mag, wie Achterbahnfahren, eine Weile ganz unterhaltsam sein, aber eine Geschichte wird daraus eigentlich nicht. Nein, letztlich hat der Autor die Geschichte zu Tode pirouettiert. Die Vielzahl der Einfälle lässt die Handlung nicht komplex, sondern gewollt erscheinen und manche der Handlungsfäden sind so kurz entwickelt, dass sie (paradoxerweise) vom Leser antizipiert werden können – nur, dass Rhyme auf die Lösung kommt, wirkt mitunter etwas willkürlich.
Dabei arbeitet Deaver in diesem Buch mit einer Idee, die wirklich Potential besitzt, und er ist eigentlich ein guter Schriftsteller. Einer, der gekonnt turbulente Szenen vor sich hertreiben kann, der seine Sprache beherrscht und Symbolik geschickt einsetzen kann. Und erzählen ... erzählen kann er sowieso ... nur leider keine Geschichten.
Dr. Bernd Kochanowski
Jeffery Deaver: The vanished man. A Lincoln Rhyme Novel. Pocket Books 2004, 528 Seiten, 7,49 €
(deutsch als "Der faule Henker", Blanvalet 2004, 22,90 €)
9. August 2005
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