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Schule der Rezensenten -2-

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Buchbesprechungen sind ein Relikt des bürgerlichen Feuilletons und taugen nur noch dazu, pseudointellektuelle Aufgeregtheiten und Scheingefechte in Szene zu setzen, wenn etwa Kritiker X den neuen Walser plattmacht und Kritiker Y dem entgegenhält. Ansonsten versandet alles in der schönen neuen Welt der Sechszeiler und Trendberichterstattung.

So spricht der Advokat des Teufels. Er hat, wie oft, so ganz Unrecht nicht. Die Zeiten, da sich eine literaturliebende Öffentlichkeit an der regen Diskussion um neue Bücher beteiligte, sind längst vorbei. 18. Jahrhundert: Man wartet gespannt auf die Almanache und darauf, was Herr Schlegel über Herrn Goethe ausschüttet, Lob oder Häme, ob er, sich eine Novität vorknöpfend, eine neue Richtung der Literaturtheorie einschlägt oder mit einem Debütanten aus dem Ausland bekannt macht. Darüber diskutiert man in den Salons, das befeuert die Dichter und Denker.

Vorbei. Und wer braucht heutzutage Rezensionen? Die Verlage, natürlich. Sie sind die unproblematischsten Adressaten. Es ist immer gut, wenn die eigenen Titel irgendwo erwähnt werden, positiv erwähnt ist am Besten, versteht sich, man kann in den Prospekten und auf den Webseiten daraus zitieren. Ob sich Bücher, die allerorten wohlwollend aufgenommen werden, auch besser verkaufen, sei dahingestellt. Für große Verlage trifft es kaum zu, sie vertrauen auf die Präsenz ihrer Ware in den Buchhandlungen und machen ihr Geschäft hauptsächlich mit solchen Büchern, die nirgendwo ernsthaft besprochen werden oder, falls doch, dem Zorn des Kritikers anheimfallen. Das kümmert Dan-Brown-Leser nicht, die ziehen sich die zehn Zeilen "Kritik" in der „Brigitte“ rein, das genügt.

Immerhin: Es soll Verlage geben, die anhand der gesammelten Rezensionen ihre Autoren ins Gebet nehmen, aber auch nur dann, wenn die rezensierten Bücher sich unter den Erwartungen verkauft haben. Idealerweise können also Rezensionen einen Denkprozess beim Autor in Gang setzen, und das ist auch schon alles, was man über das Verhältnis Autor – Kritiker an Positivem sagen kann. Der Kritiker ist der natürliche Feind des Autors, dieser hasst jenen, wenn er getadelt wird und liebt ihn, wenn man ihn lobt. Das ist des Autors gutes Recht.

Anders sieht es bei kleineren Verlagen aus. Für sie sind Rezensionen existentiell, bieten sie doch die einzige nicht mit großem Kapitalaufwand verbundene Möglichkeit, einer potentiellen Leserschaft überhaupt zu sagen, dass es sie gibt, die kleinen Verlage und ihre Bücher.

Es sind nun aber pikanterweise die Verlage selbst, die dafür sorgen, dass der Leser Rezensionen braucht. Stichwort: Klappentext. Wer sich auf der Suche nach Lektüre von den vollmundigen Worten der PR-Abteilung verführen lässt, ist am Ende nicht selten der Düpierte, und: Recht geschieht ihm! Klappentexte und sonstige verlagseigene Ergüsse sind Werbung, Werbung, Werbung und daher im Normalfall Lüge, Lüge, Lüge. Genau das aber darf eine Rezension nicht sein. Der Leser braucht sie, um sich die Stimme eines Unparteiischen anzuhören, eines Menschen, der - nein, hier brechen wir sofort wieder ab, denn: Wie ist eigentlich der Leser von Rezensionen beschaffen? Ist das alles so unproblematisch? Versuchen wir eine kleine Typologie der Leser von Buchbesprechungen.

Typ 1, der Affirmative: Er liest grundsätzlich nur Rezensionen von Büchern, die er sich sowieso kaufen möchte und per se für gelungen hält, weil er bisher alle Bücher des Autors gemocht hat. Negative Rezensionen sind ihm aber durchaus willkommen, weil er sich dann so schön über diese Idioten vom Feuilleton aufregen kann, die es natürlich „nicht blicken“.

Typ 2, der Sucher: Sucht tatsächlich nach einer Lektüre, die ihn von der Thematik, der Story, des Settings her interessiert. Relativ unproblematisch.

Typ 3, der Liebhaber: Verschärfte Version von Typ 2; liest alles über sein Fachgebiet, sei es nun Botanik im Breisgau oder englische Landhauskrimis. Ist offen für Argumente, aber auch sehr kritisch gegenüber diesen.

Typ 4, der Sensationshungrige: Liest nur Verrisse, vor allem die ganz scharfen. Positive Besprechungen findet er langweilig.

Typ 5, der Nach-Leser: Vergleicht nach abgeschlossener Lektüre sein Urteil mit dem des Rezensenten. Das kann im Idealfall einen fruchtbaren Denk- und Umdenkprozess initiieren, führt aber oft zu Verwünschungen bei abweichenden Urteilen oder tiefer Depression, wenn das Urteil des Rezensenten als fundierter wahrgenommen werden muss.

Typ 6, der Faktische: Er verwechselt Rezensionen mit Inhaltsangaben. Alles was Meinung und nicht Fakt, Fakt, Fakt ist, interessiert ihn nicht. Wo spielt die Handlung? Wird hinreichend gemordet? Sex? Action?

Typ 7, der Intellektuelle. Liest Rezensionen nicht des besprochenen Buches wegen, sondern um allgemein wertvolles Gedankengut aufzusaugen. Liest auch Theaterrezensionen, Musikkritiken, ohne jemals ins Theater zu gehen oder etwas anderes als Phil Collins aufzulegen. Könnte aber etwas verpassen, das wichtig ist.

Typ 8, der Ökonom: Liest nicht die vollständige Rezension, sondern nur die (zumeist abschließende) Bewertung, gut oder schlecht.

Typ 9, der notorische Falschleser: Ist ein Meister des Missverstehens, weil er zumeist nur auf Signalwörter reagiert. Liest er "Aber...", weiß er schon: Das Buch wird nicht empfohlen, denn sonst gäbe es kein Wenn und Aber. Kommt auch bei eingeschobenen Nebensätzen schwer durcheinander.

Typ 10, der Zufallsleser: Liest halt, weil er grundsätzlich alles liest, was sich ihm so bietet, ohne Absicht und Vorurteile.

Diese Differenzierung ist gewiss ausbaufähig, soll aber fürs Erste genügen. Es sind, stöhnt der Kritiker, eh neun Typen zuviel, man kann es ihnen nicht allen recht machen, und damit hat der Rezensent eine wesentliche Konsequenz seines Tuns schon angedeutet: Es wird immer Menschen geben, die ihn für den größten Idioten auf Gottes schöner Welt halten.

Kann man dem entgehen? Scheinbar ja. Indem man sich von vorne herein auf EINEN Typen konzentriert (in einem Krimiblog beispielsweise, wo man die Typen 2 oder 3 anzusprechen hofft), den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht (was hundertprozentig in die Hose geht) und die anderen nicht zur Kenntnis nimmt oder sich selbst als idealtypischen Leser sieht. Was möchte ICH über ein Buch erfahren? Was erscheint MIR wichtig? Hat es MICH gut unterhalten / belehrt / zum Nachdenken angeregt?

Ich weiß, dass sich die meisten meiner Leser spontan dafür entscheiden würden, ein Rezensent dieses Kalibers zu sein. Allerdings flüstert mir soeben des Teufels Advokat etwas sehr Böses ein: Müsste es nicht das Hauptanliegen eines Kritikers sein, ein Buch so zu besprechen, wie es das Buch erfordert? Kein Problem, denkt man, das eine schließt das andere ja nicht aus. Aber damit tritt man voll in den Kot, um es salopp zu sagen. Denn der Extremfall wäre der: Ich bespreche ein Buch positiv, obwohl es mir überhaupt nicht zusagt. Das geht nicht? Abwarten! Dazu das nächste Mal mehr und eine erste Antwort auf die Frage, was ein Rezensent eigentlich an Fähigkeiten mitbringen sollte. Genügt ein abgeschlossenes Germanistikstudium oder darf es auch ein bisschen mehr oder ganz etwas anderes sein?

dpr

22. August 2005

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