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Summer Camp -12-

crimecamp_12.jpg

Handübungen, wie man sie an einem bestimmten Punkt der theoretischen Überlegungen machen sollte, sind eine unangenehme Angelegenheit, solange sie nicht gelingen. Solange sie aber nicht gelingen, besteht die Möglichkeit, dass sie Erkenntnisse liefern. Erkenntnisse, die das Projekt zum Scheitern verurteilen oder, wir hoffen es, den Durchbruch zum Erfolg bringen.

Nun, zur Zeit kämpfe ich mit zwei Problemen, von denen ich nie geglaubt habe, sie blieben mir erspart. Da wäre einmal dieser kurze und doch so wichtige Moment, in dem Frankensteins Monster sich von seinem Geburtsbett erhebt, ungläubig ins Lampenlicht des Laboratoriums blinzelt, sich betastet und dann vorsichtig zu laufen beginnt. Wie wird das aussehen? Läuft er so, wie ein künstliches Monster eben läuft, oder spaziert er wie ein normal entstandener Mensch durch den Raum?

Man darf einem Roman nicht ansehen, dass sich sein Autor mehr als eine durchwachte Nacht lang den Kopf über die Struktur der Story zerbrochen hat. Selbst dann, wenn ein Roman explizit darauf verzichtet, „das wirkliche Leben“ in seinen oberflächlichen Abläufen abzubilden, darf niemals der Eindruck beim Leser entstehen, er nehme gerade an einer Versuchsreihe moderner Prosa teil. Der Krimi, so wie er bisher geplant ist, wird einige liebgewordene und durchaus bewährte Erzählstrategien missachten und versuchen, „Wirklichkeit“ aus anderen Perspektiven zu beleuchten. Schön und gut; und dennoch: Wenn es nicht gelingt, den Leser davon zu überzeugen, es handele sich dabei tatsächlich um Wirklichkeit – und zwar um eine, die er SO noch nicht wahrgenommen hat -, dann ist das Projekt gescheitert.

Womit wir bei Problem Nummer 2 wären. Die Leser. Man sollte sie weder unter- noch überfordern, sie sind keine Idioten, aber auch keine Genies, die in Sekundenschnelle erahnen können, wozu der Autor Wochen oder Monate des Überlegens gebraucht hat. Was nützt mir eine ausgefeilte Erzähltechnik, wenn sie den Leser nur konfus und ratlos zurücklässt? Das was ich schreibe, darf nicht nur keine Brüche haben, es muss in seiner Selbstverständlichkeit auch nachvollziehbar sein.

Mit diesen beiden Problemen kämpfe ich also im Moment. Erste Handübungen sind glücklich absolviert, manches klingt ganz gut, anderes noch viel zu gestelzt, zu sehr auf den beabsichtigten Effekt ausgelegt und weniger auf das Erzählziel ausgerichtet. Gut, es sind nur Handübungen, vielleicht zwei oder drei Seiten. Aber sie müssen einen potentiellen Leser packen, müssen ihm sagen: Moment mal, das ist die Wirklichkeit, die Wirklichkeit, wie sie mir bislang noch niemand gezeigt hat, und sie ist spannend genug, mich bei der Stange zu halten.

Soweit muss ich kommen, will ich das Projekt nicht betrübt zu den Akten legen. Ist noch möglich, und ich bleibe dran. Indes: Sollte es scheitern, wäre dies keine Katastrophe. Projekte dürfen scheitern, man lernt immer aus ihnen. Fertige Romane dürfen das nicht. Sie sind Zeugen eines fehlgeschlagenen Planes, und dafür zahlt kein Mensch freiwillig Geld und opfert Lesezeit.

Ich übe weiter und halte euch auf dem Laufenden.

dpr

8. August 2005

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