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Flachsinn, Tiefsinn

freitagsessay.gif

Ein Garten ist etwas Schönes. Man kann sich an dem erfreuen, was die Natur aus dem Boden wachsen lässt. Man kann nachhelfen und die Oberfläche gestalten. Man kann ein wenig graben, um Blümchen zu pflanzen oder etwas tiefer zum Kultivieren diverser Gemüse. Man kann ein großes Loch ausheben für einen Teich. Ein noch größeres für einen Pool. Ein sehr tiefes, weil man einen Schatz zu finden hofft. Bücher sind auch Gärten. Sogar Krimis sind welche.

Irgendwann gegen Wochenmitte lasse ich die letzten Tage Revue passieren, um bei der Analyse des Gelesenen und Geschriebenen, Gehörten und Gesehenen den roten Faden zu finden, der einzelne Bruchstücke zu einem „Freitagsessay“ zusammenhalten könnte. Das ist manchmal leicht, manchmal schwer, manchmal unmöglich, und meistens hilft einem ein Lichtlein, das aus der Finsternis kommt, dem digitalen Jammertal der Strotzdummheit zum Beispiel, in das man sich hineingoogelt und dem man vor lauter Baffheit kaum noch zu entfliehen vermag.

Mein kleines Eröffnungsbildchen mit dem Garten ist einleuchtend. Ich kann auch etwas genießen, wenn ich nur auf seine Oberfläche schaue, sprich: Ein Krimi, den ich nur lese, um mir seine Handlung wie einen Spielfilm durch meine visuelle Phantasie zu ziehen, kann seinen Zweck auch dann erfüllt haben, wenn er auf die Option des Tiefergrabens, sprich Tieferlesens verzichtet.

Ein ganz wunderbares Beispiel sind die Modesty-Blaise-Romane, von denen mir der Unionsverlag soeben den zweiten Band, „Die Goldfalle“, diskret hat zukommen lassen. Was mich nun an den ersten Band, „Die Klaue des Drachen“, erinnerte, genauer: an den löblicherweise angehängten kleinen autobiografischen Aufsatz des Autors Peter O’Donnell, der die Geburt der fiktiven Figur Modesty Blaise schildert. Ganz knapp: O’Donnell, im 2. Weltkrieg als Soldat auf einem einsamen Außenposten in Griechenland, begegnet einem jungen Mädchen auf der Flucht. Die Begegnung ist nur kurz, prägt sich O’Donnell jedoch auf ewig ein. Die Gesten des Mädchens, sein Aussehen, sein Verhalten – Jahre später wird Modesty Blaise, auch sie ein Flüchtling, in Gestus, Aussehen, Verhalten aus dem realen Vorbild gezüchtet.

So what? Muss man das wissen, wenn man sich an diesen herrlichen Büchern aus Witz, Intelligenz und Action erfreut? Natürlich nicht. Aber als ich das las (und ich lese solche Anhänge immer als erstes), war mir O’Donnell gleich sympathisch, weil er getan hat, was ein Schriftsteller einfach tut, wenn er nicht nur als ein bloßer Schreiberling agiert. Er entwickelt längere Gedankenspiele aus mehr oder weniger bedeutenden Begebenheiten seines Lebens, deren Personal er neu arrangiert, ihm eine neue Biografie zuweist. Ich mag das, und es rührt mich auch, weil ich mir vorstelle, dass irgendwo irgend jemand lebt, der in einem Buch eine neue Existenz bekommen hat, von der er nichts weiß, und wenn diese Person dann stirbt, lebt sie fort.

Diese kleine Episode ist also das kleine Blümlein, das ich in den Textgarten setze; nur zu meinem persönlichen Vergnügen. Man braucht es nicht, damit das Auge wohlgefällig über die Wörterbeete streifen kann.

Tja. Und jetzt kommen wir zum Antipoden. Du sitzt im Garten und guckst und siehst. Aber das ist kein normaler Garten. Das ist nur eine Oberfläche, und vielleicht siehst du nur Unkraut. Du musst schon graben, denn die Wunder lauern unter der Krume. Auch in der Literatur.

Dabei ist Vladimir Nabokovs „Lolita“, um die es hier gehen soll, natürlich auch an der Oberfläche betörend schön. Ein Sprachwunder, das seinesgleichen sucht, aber wer sucht schon Sprachwunder, wenn er, wie Bello hinter der Wurst, nur hinter dem Inhalt her ist? Und der hat es, wer wüßte das nicht, in sich, geht es doch um nichts anderes und weniger als Pädophilie, etwas unbestritten Widerwärtiges also. Indes: Das Werk zeigt einem die Stellen, wo man denn graben könnte, durchaus. Zeigt, wo oberflächliches Lesen in die Irre führt, wo etwas tiefergehende Lektüre hingegen die wahre Gestalt des Textes enthüllt.

Das ist nicht neu; meine Wenigkeit selbst hat →an dieser Stelle schon einmal darauf hingewiesen, Graham Greene, der Katholik, hat das Buch als erster öffentlich empfohlen, selbst ein Marcel Reich-Ranicki, als Belobiger von „schmutziger Literatur“ bislang eher nicht in Erscheinung getreten, rühmt „Lolita“ gar als einen der großen Liebesromane der Weltliteratur.

Als ich neulich anlässlich der 50jährigen Wiederkehr der Erstveröffentlichung „Lolitas“ ein wenig Wissenswertes notierte, führte mich die Recherche auch in → Literaturforen, wo Leser ihre Meinung zum Buch in origineller Orthographie und Logik kundtaten, alles „recht harmlos“ fanden, „bis man einfach dahinter kommt, wie sehr nabokov leserInnen einschunkelt in sein bonbonfarbenes geflecht von kindlicher lieblichkjeit, wie sehr er die rezipientInnen in den süßen schlaf der sehnsucht schunkelt um dfann still und heimlich en deteil seine pädophile seele freizulegen“, die Thematik ist selbstredend „schockierend und widerwärtig, insbesondere aufgrund der fehlenden Problematisierung und Reflektion der pädophilen Handlung“, und selbst wer das Buch mochte, dampfte es doch zum „Geheimtipp“ ein, „der einen Ehrenplatz im Buecherregal verdient, evtl. so aufstellen dass nicht jeder den Titel sofort erkennt.“

Das soll genügen. Das Internet ist voll von solchen Urteilen, denen allen extremstes Oberflächenlesen gemein ist, Storyfixiertheit bei Ausblendung sämtlichen irritierenden „Ballastes“, Verwechslung von Erzähl-Ich und Autor und so weiter und so fort, und wäre Literatur ein Wunschkonzert, man bekäme nur noch das eindeutige Stammeln der Verschicker klarer Worte, Botschaften und Strukturen zu hören, kurz: Literatur wäre wie Politik, so schablonenhaft im Innern, so verbindlich gegen jedermann nach außen.

Es gibt also Bücher, bei denen graben eine zwar nicht notwendige, aber doch interessante Leseebene eröffnet (Modesty Blaise) und solche, bei denen „gegraben“ werden muss – oder doch wenigstens die Oberfläche ausreichend erforscht, wie es bei „Lolita“ genügen würde, um das Urteil, hier handele es sich um das Verharmlosungsmanifest eines schreibenden Päderasten, als das zu entlarven, was es ist: gigantischer Blödsinn.

Ein dritter Fall. Von mir durchaus sehnlichst erwartet, kam vorige Woche „Der Büchermörder“ von Detlef Opitz ins Haus. Der authentische Fall des Pfarrers Johann Georg Tinius, der aus „Büchermanie“ zum Mörder wird (oder geworden sein soll), hat mich schon früher interessiert, und der Verlag lockte zudem mit dem Versprechen eines „sprachgewaltigen Bibliophilenromans“. Also erst mal alles andere auf den Stapel zurück und „Büchermörder“ lesen.

Nach kaum 50 Seiten habe ich das Ding entnervt aus der Hand gelegt. Nein, einen „konventionellen Krimi“ habe ich mir nicht erwartet, der das übliche Labyrinth aufbaut, die alten Schemata verwendet etc. Aber einen Ausbund an Sprachmaniertheit, die Tiefe suggeriert, wo nur Breite ist? Solche Bücher warten gar nicht darauf, dass du dir den Spaten schnappst um zu graben. Sie haben das Loch bereits ausgehoben, in das sie dich unvermittelt werfen, um dir wahrhaft tiefsinnige Lektürewonnen zu bescheren.

In Ordnung: kein endgültiges Urteil über dieses Buch. Ich werde mich zusammenreißen und es noch einmal damit versuchen. In diesem kleinen Essay sollte es ja um etwas anderes gehen, nämlich um das Phänomen des „Tieflesens“, der Schichten, die ein Text vielleicht offeriert oder auch nicht, der Mühen, die sich ein Leser machen kann, machen sollte und im Falle Nabokov auch machen muss, wenn er ein Buch erforscht, sowie um vorgeblich Tiefschürfendes, das sich als planloses Buddeln im Sandkasten der wehrlosen Sprache entpuppen könnte.

Wer liest, produziert ständig „Sekundärliteratur“. Er wägt ab, wertet, zieht zusätzliche Informationen zu Rate, stellt das aktuell Gelesene in den Kontext alles bisher Gelesenen, die private Literaturgeschichte. Schon die Entscheidung, ob ich über einen Krimi nur hinweghusche, setzt eine Analyse voraus, eine Einschätzung der optimalen Balance von Leseaufwand und Erkenntnisertrag. Dass man sich in einen Text auch vergraben kann, um dann doch nur auf die Leichen zu stoßen, die man selbst dort verscharrt hat, ist eine stets präsente Gefahr. Man muss sich auf sie einlassen.

Wenn ich Nabokov lese, sollte ich das wissen. Aber was, wenn ich „nur“ einen Krimi lese, noch dazu einen, der sich nicht explizit als „literarisch“ ausweist? Verstehen wir uns recht: Ich bin kein Herold der tiefgründigen Literatur, ich fordere von einem Krimi ebensowenig „Tiefe“ wie ich einen überkultivierten Garten über den grünen Klee loben würde. Andererseits halte ich es fast für unmöglich, dass ein Krimi nur aus Oberfläche, aus Handlung, Ermittlungslogik und Auflösung besteht. Irgendetwas, worin ich mich vertiefen kann, ist meistens da, und vielleicht liegt es nicht einmal am Autor, sondern an mir oder am guten Thomas Wörtche, der mir Peter O’Donnells Geschichte nicht vorenthalten hat, sondern für meine privaten Grabungsarbeiten zur Verfügung stellt.

Zur Zeit tue ich, was ich noch nie in meinem Leben getan habe und hoffentlich auch nie mehr tun muss: Ich tippe einen Roman ab. 480 Seiten in Fraktur, von keiner Schrifterkennungssoftware vernünftig zu digitalisieren, da setzt man sich halt seufzend an den Rechner und stochert sein tägliches Quantum in die Tastatur.

Und erlebt Überraschungen. Ich kenne den Roman ja eigentlich. Aber ihn sich auf diese doch langsame und mühselige Art ein zweites Mal zu erobern, fördert Schätze zu Tage, mit denen man nicht gerechnet hat. Man schreibt etwa ein Kapitel ab, in dem es um eine Schlittenfahrt geht, die die Protagonisten gemeinsam unternehmen – und steckt plötzlich mitten drin in der Schilderung seltsamster sexueller Extasen. Hübsch verklausuliert, wie es sich für ein Buch von 1856 gehört, aber doch aufgelockerte Erde, sozusagen, und man gräbt begeistert weiter.

Keine Angst! Ihr müsst jetzt nicht gleich den nächsten Krimi, den ihr lesen wollt, abschreiben! Aber manchmal sind sogar Krimis mehr als ein bloßer Ablauf von Handlungen, und immer noch gibt es auf Lichtenbergs Frage: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“ nur eine Antwort: nein. Und, noch einmal Lichtenberg: „Wer nichts in seinem Kopf verloren hat, kann nichts finden“. Und, zum Abschluß, dpr: Mir ist ein stiller Betrachter blühender Text-Natur lieber als ein hektischer Buddler, der sich in fünf Minuten zum Mittelpunkt der Literatur graben will. Aber manchmal müssen wir uns alle die Hände schmutzig machen.

dpr

23. September 2005

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