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John LaGalite: Zacharias

Vorstadt, Mietshaus, eine Frau ohne Mann, ein zwölfjähriger Sohn namens Zacharias, zuckerkrank. Eine Selbstmörderin fliegt durch die Luft, zerschmettert zu Zacharias’ Füßen, das heißt: Eine Wohnung wird frei.
Ein merkwürdiger Mann zieht ein, ein merkwürdiger Mann, weil er merkwürdige Gewohnheiten hat, Leute beobachtet, von Zacharias beobachtet wird. Der Mann hat einen Motorradunfall und ist querschnittsgelähmt, die Mutter, die Geld verdienen muss, pflegt ihn, Zacharias, der den Mann verhören will, hilft ihr. Warum verhören? Der Mann ist wahrscheinlich ein Frauenmörder, mehrmals schon hat er in der Nachbarschaft zugeschlagen. Zacharias ermittelt.
Zacharias ermittelt in eigener Sache. Denn die Ereignisse bedrohen IHN. Der Mann, der ein Mörder sein könnte, wird ihm die Mutter wegnehmen. Als Gesunder hat er es nicht geschafft, dem Unfall sei Dank, da war nichts außer ein paar flüchtigen, aber gefährlichen Annäherungen. Dem Gelähmten wird sich die Mutter opfern, sie wird keine Zeit mehr haben für ihren Jungen, und dann hat Zacharias nichts mehr, also muss der Mann ein Mörder sein, den man wegsperrt, weg von der Mutter.
Umwelt ist nur ein anderer Name für Einsamkeit. Wir beobachten Zacharias, wie er Leute beobachtet, die Leute beobachten. Er ist Schüler, aber wir erfahren nichts über die Schule, über Freunde. Er hat keine. Er spielt Schach, spritzt sich Insulin, ist ein manchmal altkluges Muttersöhnchen.
So entwickelt sich die Detektivgeschichte. Um Wahrheit geht es nicht, dieses Kind wird nicht von einem Sinn für Gerechtigkeit getrieben. SEIN Leben ist in Gefahr.
Kurze Sätze gelten gemeinhin als Ausdrucksmittel des analytisch-gradlinigen, nüchtern- registrierenden, etwas phantasielosen Charakters. Bei John LaGalite sind sie Hüllen der Angst. Keine Wortgirlanden, in denen sich Außen- und Innenwelt luftig ranken, sondern schwere Geschosse, die Zacharias’ dürftiges und fragiles Idyll bedrohen.
Das Ende ist so, wie es sein sollte. Zacharias wird gerettet. Nicht für immer. Schließlich verliert er doch, und dann bestraft er denjenigen, der an allem Schuld hat. Logisch und konsequent. Überhaupt: Das Ende. Ich mag keine Romane, in denen Zwölfjährige erzählen, als seien sie zwanzig oder dreißig oder noch älter. Ich mag sie doch, wenn am Ende einsichtig wird, warum sie so erzählt wurden, als sei der Erzähler keine zwölf mehr. Ich mag „Zacharias“ von John LaGalite, weil er eine ganze ausweglose Hölle auf 200 Seiten ausbreitet, eine Hölle mit Zacharias in der Mitte des Feuers, um ihn herum die Mutter, der Gelähmte, viel Nebenpersonal, sämtlich Verdammte. Ich mag „Zacharias“ auch, weil das Buch so schön mit den Versatzstücken des Krimis spielt, ohne sie zu denunzieren, ohne sie gedanken- und bedenkenlos gegen „die Literatur“ ausspielen zu wollen.
dpr
John LaGalite: Zacharias. Europa 2005. 202 Seiten, 17,90 €
15. September 2005
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