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Schule der Rezensenten -7-

rezensent1.GIF

Es ist die binsigste aller Weisheiten: Schreibe 1000 Lobhudeleien und einen Verriss, und man wird dich bis ans Ende deiner Tage „den furchtbaren Kritiker“ nennen. So ist das. Und warum ist das so?

„Da hatt ich einen Kerl zu Gast, Er war mir eben nicht zur Last; Ich hatt just mein gewöhnlich Essen, Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen, Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt. Und kaum ist mir der Kerl so satt, Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen, Über mein Essen zu räsonieren: "Die Supp hätt können gewürzter sein, Der Braten brauner, firner der Wein." Der Tausendsakerment! Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“

So wütete schon der junge Goethe, und dass er, just als er das schrieb, selbst ein Kritiker war, ist wohl pikant, ändert aber nicht an der ewigen Wahrheit des Gedichteten: Kritiker sind Mäkler, dafür leben sie, das baut sie auf. Jeder Verriss ist ein Racheakt, Rache für die schlimmste Selbsterkenntnis: Sie zerstören, weil sie selbst nichts schaffen können und nicht in der Lage sind, die Einstellungsvoraussetzungen zu erfüllen, die schon Friedrich Schlegel, der Großmeister der Kritik, für den Berufsstand formuliert hat:

„Poesie kann nur durch Poesie kritisiert werden. Ein Kunsturteil, welches nicht selbst ein Kunstwerk ist, entweder im Stoff, als Darstellung des notwendigen Eindrucks in seinem Werden, oder durch eine schöne Form, und einen im Geist der alten römischen Satire liberalen Ton, hat gar kein Bürgerrecht im Reiche der Kunst.“

Der Eine droht mit Totschlag, der Andere legt die Latte in lichte Höhen; man riskiert es trotzdem, denn man schreibt ja nicht für die Autoren, sondern für die Leser. Auch einen Verriss.

Die Leser? Ist es nicht die erste Pflicht des Kritikers, die Leser an all den lockenden Nichtigkeiten vorbei zu geleiten, hin zu dem Pretiosen? Bei über 700 jährlichen Neuerscheinungen ist es doch eh Illusion zu glauben, man könne dem Leser die schlechten aussortieren, um ihn dann mit dem Häuflein der guten allein zu lassen! Also konzentriere dich auf die Empfehlung, Kritiker, und verkneif dir das Verteufeln!

Zumal Verrisse zwar länger im Gedächtnis der Leser verbleiben, nicht aber unbedingt auf Gegenliebe treffen. In einer Habt-Euch-Lieb-Gesellschaft wie der unsrigen, die auf „fairer Streitkultur“ besteht, wo ein Anrempeln der Person verpönt ist und jeder Kritik an der Sache sogleich ein „Dann mach’s doch erst mal besser!“ entgegenschallt, gilt Tucholskys simple Feststellung wenig, die da lautet:

Wer in der Öffentlichkeit Kegel schiebt, muß sich gefallen lassen, daß nachgezählt wird, wieviel er getroffen hat.

Ein Autor muss also damit rechnen, dass ich ihm im schlimmsten Falle bescheinige, bei seiner Arbeit versagt zu haben, ja, überhaupt nichts von ihr zu verstehen. Er wird in seinem Versagen öffentlich gebrandmarkt, seine Sprachkompetenz, mithin die Grundlage seines Schreibens, kann angezweifelt, seine Originalität im extremsten Fall verhöhnt werden. Und all das nicht nur nach "Faktenlage", sondern als Ergebnis einer "Interpretation". Ist das die Sache wert?

Zunächst einmal: Wer einen Verriss produziert, gerät in die gleiche Situation wie die Person, deren Arbeit er für gescheitert erklärt hat. Ein Verriss provoziert die Gegenrede, sei es vom Autor, von den Kollegen oder den Lesern. Letztere reagieren auf Verrisse besonders allergisch, wenn ihnen das betroffene Buch gefallen hat. Sie scheuen vor persönlicher Verunglimpfung des Rezensenten nicht zurück, und manchein Leser entscheidet sich als Folge einer allerdings merkwürdigen logischen Schlußfolgerung sogar dafür, das verrissene Buch nur deshalb zu erwerben, weil es verrissen wurde.

Das Schlimmste, was einem passieren kann: Der Nachweis, selbst geschludert zu haben. Wenn ich etwa behaupte, Autor A. habe miserabel recherchiert, der deutsch-französische Krieg habe nicht, wie geschrieben, 1870/71, sondern bereits 1868/69 stattgefunden, brauche ich nicht lange zu warten, bis mir ein freundlicher Mensch diesen meinen Irrtum zu Recht um die Ohren haut und alle anderen 99 bitteren Wahrheiten, die ich so zu sagen hatte, Makulatur werden. So betrachtet, sind Verrisse rohe Eier, deren Konsistenz man en détail und in aller Ruhe immer und immer wieder überprüfen sollte.

Also warum das alles? Warum es sich nicht leicht machen und loben, loben, loben? Ganz einfach: Idealerweise ist der Kritiker auch Teil einer Krimi-Kultur, und somit nicht nur das, was man euphemistisch einen "Kaufberater", wahrheitsgemäßer vielleicht einen kostenlosen Trommler der Verlage nennen könnte. Ein Rezensent ist auch der Qualitätskontrolle im Interesse besagter Krimikultur verpflichtet, einer Kultur, die man nur schwerlich beschreiben kann und schon gar nicht am Ende dieses Beitrags. Das riecht nach einem Freitagsessay.

Doch soviel vorweg: Ein Verriss kann notwendig werden, um die Stimme gegen allgemeine Entwicklungen zu erheben, die die Krimikultur gefährden. Dass etwa eine Warnung vor der Flut minderwertiger, weil nach immer den gleichen Vorlagen produzierter "Skandinavienkrimis", die seit Jahren über uns kommt, diese Flut nicht stoppen wird, ist sicher richtig. Versuchen sollte man es dennoch. Man wird niemals diejenigen erreichen, denen Qualität Wurscht ist, die einen 200-Vokabeln-Wortschatz bei Autoren zu schätzen wissen, weil das immer noch 50 mehr sind als im eigenen, die, sehr legitim, sich beim notorischen Liegen in der Sonne am Strand im verdienten Urlaub nicht anders zu behelfen wissen, als mit Exundhopp-Romanen die Langeweile zu vertreiben.

Aber diejenigen, die Krimis als Literatur ernstnehmen, weil sie Literatur als unverzichtbaren Teil ihres Lebens ernstnehmen - die erreicht man doch. Es sind wenige. Aber wenn nun auch noch die Kritiker nur die Schönwetterseiten ausleuchten würden, wären es bald noch weniger.

dpr

26. September 2005

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