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Barry Eisler: Rain Fall

John Rain ist Spezialist für naturidentische Tode. Er wird von seinen Auftraggebern geschätzt, da alle von ihm in den letzten Jahre bearbeiteten „Aufträge“ von den Strafverfolgungsbehörden nicht weiter beanstandet wurden. Eine derartig gute Arbeit kann ein Auftragskiller natürlich nur dann abliefern, wenn er sich voll und ganz seiner Arbeit widmet.

Ähnlich wie Andrew Vachss' Burke, mit dem er erkennbar einige Anlagen teilt, lebt John Rain außerhalb eines konventionellen sozialen Kontextes. Dank seines Charmes stehen ihm dennoch einige hilfreiche Personen zur Seite. Im Gegensatz zu Burke jedoch hat John Rain keine Mission, kein Ziel welches ihn antreibt, sondern er lebt gegen die Gespenster in seinem Kopf.

John Rain lebt und arbeitet in Tokio. Halb Japaner, halb US-Amerikaner, gehört er beiden Kulturkreisen nicht wirklich an. Im Vietnamkrieg diente er mehre Jahre in einer besonderen Elitetruppe, die hinter den Grenzen operierte, und in Tokio lernte er später Judo. Zahlreiche von ihm verwendete technische Gimmicks schaffen nicht nur eine professionelle Distanz zwischen John Rain und dem Leser, sondern erlauben ihm auch als Einzelkämpfer ein erfolgreiches Arbeiten. Er weiß wie man Menschen beobachtet, selber der Beobachtung entgeht und Gegner bekämpft.

Sein letzter Auftrag ist unproblematisch abgelaufen. Ein stellvertretender Minister verstirbt an „Herzversagen“ in der U-Bahn. Anders als sonst ist der Fall damit jedoch nicht abgeschlossen. Ein wichtiger Gegenstand, den der Tote besaß, wird vermisst und von mehreren Gruppen verzweifelt gesucht. Politik funktioniert in Japan nach einem anderen Wertesystem und unter anderen historischen Rahmenbedingungen. Die resultierenden Konflikte speisen „Rain Fall“. John Rain und die Tochter des Toten geraten ins Visier dieser Gruppen, und es entwickelt sich eine muntere Jagd durch Tokio, bei der die Beiden mehr Gejagte als Jäger sind.

Mit „Rain Fall“ ist Barry Eisler ein guten Buch gelungen. Es macht den Eindruck, dass sich hier einer ernsthaft in Tokio und mit der japanischen Kultur auskennt. Barry Eisler bringt die Atmosphäre dieser Stadt und die Eigenheiten ihrer Bewohner gut rüber. Die flott und sauber erzählte Geschichte verfügt zudem über einen mächtigen Drive, der den Leser zum rasanten Umblättern verführt. Die Hype jedoch, die in Amerika um die Bücher Eislers gemacht wird, kann man aufgrund dieses Buches noch nicht ganz nachvollziehen. Denn auch die obligate Liebesgeschichte, die John Rain im zweiten Teil des Buches antreibt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der fehlende psychologische Tiefgang ein gewisses Manko des Buches ist. Wenn auch die Person John Rains recht gut ausgearbeitet ist, bleiben die anderen handelnden Personen mehr Staffage: Der Autor verwendet deutlich mehr Aufwand in die Darstellung der Professionalität Rains, der rasanten „action“ und der Kultur Japans.

Fazit: Rasanter „page turner“ mit viel atmosphärischer Substanz und gekonnt aufgebauter Spannungsstruktur. Für eine Erstling ausgesprochen gelungen, und so wie sich am Ende des Buches der Ausblick auf den zweiten Band darstellt, darf man auf diesen sehr gespannt sein.

Dr. Bernd Kochanowski

Barry Eisler: Rain Fall. Signet Book 2003. 376 Seiten, 6,49 € (deutsch als "Tokio Killer", Fischer 2004, 320 Seiten, 8,90 €)

18. Oktober 2005

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