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Materialien gegen die Sauberkeit des Rezensenten -1-

(In loser Folge, aus aktuellem Anlass: Einblicke in den Alltag, fernab von theoretischer Moraldiskussion. So isses halt und nicht anders.)

Ich gründe demnächst ein Kleinverlag in Saarbrücken. Nur Krimis. Natürlich bin ich finanziell klamm und starte mit einem einzigen Titel, aus taktischen Gründen wird es ein Saarland-Krimi sein. Kohle für PR hab ich nicht. Ich schicke eine Palette Rezensionsexemplare hinaus in die große weite Welt von Spiegel, Zeit, taz und Stern, aber eigentlich weiß ich: verschwendete Mühe, verschwendetes Geld.

Aber: Saarbrücken. Saarland-Krimi. Das Saarland ist klein und für meinen Krimi gibt es nur wenige potentielle „Meinungsmultiplikatoren“. Da hätten wir zunächst den Saarländischen Rundfunk. Das ist gut. Da kenn ich viele Leute. Die machen was. Und wir haben die „Saarbrücker Zeitung“. Auch gut. Ist zwar schon ne Weile her, dass ich für die geschrieben habe, aber ein Freund von mir kennt jemanden, der dort ab und zu als freier Autor fürs Feuilleton arbeitet. Dann gibt es noch ein paar Stadtmagazine, einen privaten Rundfunksender... na ja, insgesamt wird es mich nicht auf die Bestsellerlisten katapultieren, aber vielleicht hält es die Miesen, die ich mit meinem erstverlegten Büchlein mache, in Grenzen und ich könnte, who knows, im nächsten Frühjahr daran denken, ein zweites Buch zu verlegen.

So. Natürlich werde ich demnächst keinen Kleinverlag in Saarbrücken gründen. Aber wenn ich es täte, wäre Obenstehendes haarklein mein „Marketingkonzept“. Blanke Vetternwirtschaft, aber es würde aufgehen. Selbst wenn ich keinen Menschen in diesen „Massenmedien“ kennen würde, könnte ich darauf rechnen, dass man mir – saarländischer Verlag, saarländischer Krimi – wenigstens so gewogen wäre, mich wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen. Gefälligkeitsrezensionen nennt man so etwas, auch nicht viel besser als Vetternwirtschaft, aber ich als Kleinverleger wäre darauf angewiesen. Irgend so ein Hansel, keine Ahnung von Krimis, würde sich das Büchlein durchlesen und etwas Nettes, Kenntnisloses darüber schreiben. So funktionierts. Ohne „Rezensentenethos“, klar. Aber mir würde es helfen, mein Miniunternehmen am Laufen zu halten. Nächstes Buch. Vielleicht besser. Vielleicht auch nicht. Vielleicht gäbe sich tatsächlich ein überregionales Medium die Ehre, einen Blick rein zu werfen.

Aber dann kommt der Herr Rothschild mit seinem Kodex. Müssen jetzt alle beim SR und bei der SZ unterschreiben, dass sie weder aus Bekanntschafts- noch sonstigen Gefälligkeitsgründen Bücher positiv rezensieren. Okay, damit wäre der Sack zu, mein Verlag, gerade erst gegründet, im Arsch. Ich hätte aber ein positives Gefühl, weil keine Leser möglicherweise düpiert worden wären. Leider hätte ich auch keine Möglichkeit mehr, Leser mit meinem zweiten, dritten oder achten Buch zu erfreuen. Ich würde auch nie und nimmer Nachwuchsautoren eine Chance geben können, deren „unverlangt eingesandten Manuskripte“ man anderswo gleich aussortiert. Die Moral stimmt, das zählt. Der Leser ist unmündig und muss geschützt werden, dass man soeben die versammelte Journaille anlässlich der Bundestagswahlen mit millionenschwerer "Presse-Lobbyarbeit" übern Tisch gezogen hat, ist längst vergessen. Hauptsache, man hat mir das Handwerk gelegt.

dpr

11. Oktober 2005

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