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Schule der Rezensenten -9-
Lesen ist ja schon anstrengend genug. Und dann erst: Urteilen und Schreiben! Geht es nicht auch bequemer im Rezensentengewerbe? Klar doch! Einfach die 3-S-Maschine anwerfen!
Die 3-S-Maschine ist eine furchtbar komplizierte Apparatur, deren Innenleben wir an dieser Stelle nicht erklären wollen, weil wir es selbst nicht verstehen. Ein großer, grauer Kasten, an dem drei Knöpfe angebracht sind, die sich jeweils innerhalb einer 10er-Skala drehen lassen. Die Knöpfe sind folgendermaßen beschriftet: Sprache – Story – Spannung. Das steckt im Groben die Kategorien ab, nach denen man einen Krimi bewertet. Als Rezensent habe ich mir nach der Lektüre Eindrücke verschafft, wie es um Sprache, Story und Spannung steht, Eindrücke, die ich jetzt jeweils auf eine Zahl zwischen 0 und 10 abstrahiere und durch einfaches Drehen der Knöpfe der Maschine mitteile. Diese beginnt, wie es Maschinenart ist, mit ohrenbetäubender Geschäftigkeit meine Einstellungen zu interpretieren.
Nehmen wir zum Beispiel Robert Hültners „Fluch der wilden Jahre“. Für die Story gebe ich ihm eine 5, was erkennbar mittelmäßig ist, aber noch nicht viel zu besagen hat. Die Geschichte ist nicht sehr originell, was ebenfalls vorerst nicht negativ gemeint ist, denn originelle Geschichten sind so selten, dass man sich das Datum ihrer Lektüre eh im Kalender rot anstreicht. Die sprachliche Umsetzung ist gut gelingen, geben wir ihm eine 7. Für eine 8 fehlt mir der Humor, für eine 9 ein wenig sprachliche Kühnheit, ja, und die 10 vergebe ich grundsätzlich nicht, weil dann das Ende der Fahnenstange erreicht wäre, über das ja – vielleicht erlebe ich das noch – irgendwann mal ein Krimi hinausschießt. Spannungsmäßig liegt Hültners Text auch so in der Mitte, also wieder eine 5. Schön. Das ging ja schnell. Die Maschine sprotzt und würgt, rattert und zittert, als käme jetzt gleich ein frischer Schluck Espresso unten raus. Aber unten – da ist tatsächlich ein Schlitz – kommt, nach etwa einer halben Minute, ein Stück Papier heraus. Die fertige Rezension.
Sie lautet: „Robert Hültner hat mit seinem Roman ‚Fluch der wilden Jahre’ eine durchschnittliche Handlung mit überdurchschnittlichen sprachlichen Mitteln umgesetzt und dabei eine akzeptable Spannung erzeugt.“ Zufrieden?
Natürlich nicht. So schön das mit der 3-S-Maschine ja auch klingen mag: Etwas mehr erwartet der Leser schon von einer Rezension. Etwa eine Kurzwiedergabe des Inhalts. Okay. Die Techniker arbeiten schon dran, das kriegen wir auch noch hin. Text wird eingelesen, Maschine fasst die Handlung grob zusammen. Jetzt zufrieden? Immer noch nicht?
Wenn ich mich so durch die Feld-Wald-Wiesen-Kritiken von Krimis lese, habe ich das Gefühl, dass die 3-S-Maschine durchaus schon in einer rudimentären Version eingesetzt wird. Eingescannt wird nicht das ganze Buch, der Klappentext genügt meistens, und dann spuckt das Maschinchen aus. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist – die Strecke selbst, die eine Beurteilung vom Zeitpunkt des Lesens bis zu ihrer schriftlichen Fixierung zurücklegt. Eine Rezension ist weder die Summe von Einzelpunkten noch das Ergebnis einer mathematischen Operation zur Errechnung des Durchschnittswertes. Hültner hätte nach diesem Verfahren eine „Gesamtpunktzahl“ von 17; es mag sein, dass ich einen sprachlich brillanten (9 Punkte), handlungsbezogen ungeheuer originellen (noch mal 9 Punkte) Krimi habe, dessen Spannung jedoch gleich Null ist. Macht zusammen 18 Punkte, also „besser“ als Hültner?
Das klingt jetzt konstruiert, ist aber gar nicht so weit von gängiger Praxis entfernt. Manche Krimis sind, was Handlung und Spannung betrifft, weit über dem Durchschnitt, sprachlich jedoch unter aller Kanone. In einer Kritik könnte ich das beklagen und vielleicht so weit gehen, die positiven Eindrücke gänzlich den negativen zu opfern und den Roman als missglückt zu bezeichnen.
Wenn ich vom Weg gesprochen habe, den eine Kritik von der Lektüre bis zu ihrer Verschriftlichung zurücklegt, dann ist vor allem ein mit keiner noch so hilfreichen Maschine zu messender Faktor angesprochen: meine emotionale Befindlichkeit. Warum nehme ich es bei manchen Texten (etwa den Beck-Romanen von Sjöwall / Wahlöö) hin, dass sie sprachlich eher bieder daherkommen, bei anderen hingegen nicht? Warum wettere ich hier gegen fehlende Spannung, während sie mir dort nicht zu fehlen scheint, obwohl sie nicht vorhanden ist?
Die einfachste Antwort ist auch die, die man am wenigsten begründen kann: Es gibt Bücher, in denen ich mich wohlfühle, seien sie auch noch so spartanisch eingerichtet, und es gibt Bücher – stilistische Villen, Handlungspaläste, Spannungsburgen -, aus denen ich schnellstens wieder raus möchte, weil es mich fröstelt. Dies in Worte zu fassen, dem Leser auf nachvollziehbare Weise verständlich zu machen, ist vielleicht die größte Kunst beim Rezensieren. Und wie alle große Kunst ziemlich selten.
dpr
17. Oktober 2005
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