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Die Krimi-Verschwörung

k_krimis.gif

Mal ehrlich: Ist Ihnen das auch aufgefallen? Sobald ein Großkopf das Maul aufmacht, ist jedes zweite Wort „teamfähig“ und jedes dritte „Synergieeffekt“. Seit Jahren schon. Was das mit Krimis zu tun hat? Erklär ich jetzt.

Es ist doch so: Als der Krimi noch in den Kinderschuhen steckte, da ermittelte das einsame Superhirn. Herr Dupin bei Poe, Sherlock Holmes bei Doyle – die sind nicht pünktlich jeden Morgen zum Dienst erschienen, haben ihre Brote ausgepackt und in die ewig gleichen mürrischen Fressen der Kollegen geschaut. Na schön; sie hatten auch ihre Begleiter. Aber der namenlose Erzähler bei Poe, Dr. Watson bei Doyle, das waren doch eher „Fans“, die vor Staunen gar nicht mehr konnten und später alles aufgeschrieben haben.

Später, im 20. Jahrhundert, wurden die Helden plötzlich einsam. Nun ja, „hardboiled“ wird man am besten alleine, ob man nun Sam Spade heißt oder Philipp Marlowe. Aber dann: Ed McBain und das 87. Polizeirevier, die Schweden S / W (ich verschreib mich immer bei den Namen) und ihre Mitermittler – da war er endlich, der Teamgedanke. Und da blieb er bis heute. Als Henning Mankell beschloss, von seinen beiden Vorschweden abzukupfern, hat er sich „das Team“ als erstes gegriffen. Wir leiden heute nicht nur unter Mankell, sondern überhaupt unter all den Schreibern, die ihre Helden in „Dezernate“ und „Mordkommissionen“ stecken, und wie der Zufall so will, habe ich vor kurzem drei qualitativ höchst unterschiedliche Krimis gelesen, die doch mehr gemeinsam haben als einem lieb sein kann, und während ich so las und dachte (wir hatten im Büro gerade wenig zu tun), ist bei mir endlich der Groschen gefallen.

Also, die drei Romane. Als ersten und besten: Reginald Hills „Das Dorf der verschwundenen Kinder“, als zweiten und recht mittelmäßigen Danielle Thiérys „Der tödliche Charme des Doktor Martin“ und schließlich, grauenvoll redundant und belanglos geschwätzig, Unni Lindell mit „Spurlos in der Nacht“.

In allen drei Büchern ermitteln Teams, aus denen jeweils eine Person herausragt. Das ist wie bei den Schweden, aber dort hatten die anderen, die so mitliefen, Gesichter und Geschichten und Ansichten und Macken, und das haben sie bei Hill auch noch, aber bei Thiéry und Lindell sind sie nur das Fußvolk, ohne eigene Persönlichkeit.

Und jetzt kommen wir zu „teamfähig“. Jetzt kommen wir zum Leser, weil jetzt wird es wirklich interessant. Beginnen wir bei Hill. Dessen Helden heißen Dalziel und Pascoe, ihre Kollegen haben auch Namen und Geschichten, aber die sind nicht wirklich wichtig. Am Ende ernten der herrische und in einer Bettgeschichte reussierende Dalziel und der durch eine Familienangelegenheit (darauf komm ich gleich noch) fast völlig aus dem dienstlichen Alltag gezogene Pascoe die Meriten. Die Schlappenschammesse können nur staunen und sind baff vor Bewunderung.

Bei Lindell und Thiéry ist es noch viel schlimmer. Wie Lemuren hasten die Gehilfen von einer Vernehmung zur nächsten, von einer falschen Spur zur anderen, während Herr und Frau Held tiefsinnig ein Loch ins Kissen grübeln, in dem das detektorische Haupt des Nachts schlaflos unruht.

Das also sind die Teams unserer Tage, und was fällt uns auf? „Teamfähigkeit“ bedeutet hier nichts anderes als: schön schaffen, nicht mucksen, bloß keine individuellen Lösungen, keine Alleingänge, immer aufpassen, wenn der Vorgesetzte spricht. – Ja, sagt sich da der Leser, wenn das so ist mit der Teamfähigkeit, dann werde ich doch lieber Chef! Nichts da! Wer will schon so werden wir diese depressiven, von Privatproblemen zermürbten, an Magengeschwüren wie an trocken Brot kauenden „Helden und Heldinnen“?

Nein, so nicht! Der durchschnittliche Krimi entwirft ein staats- und gesellschaftserhaltendes Bild von Teams und ihren Fähigkeiten, und wer jetzt sagt, der K. spinnt doch, dem sage ich folgendes: Müntefering.

Ja, der. Aber zurück zu Mankell und Wallander, dem modernen Prototyp des Ganzen. Was nämlich macht Wallander, als ihm alles zu viel wird? Als er die ganzen Auerhähne, die sein Vater malt, nicht mehr sehen kann, als auch ständiges Lamentieren die Wurstbrote nicht billiger macht? – Richtig. Er zieht sich zurück und lässt die Jungen ran, beziehungsweise die Tochter. Und jetzt wieder zurück zu Müntefering, der ja auch nichts anderes gemacht hat. Er, der Chef im Kreise seiner willfährigen Kärrner und Straßenfeger, schmeißt den Bettel hin, als die Befehlsempfänger „Teamfähigkeit“ „Teamfähigkeit“ sein lassen und aufmucken. So geht’s doch! Krise wie im Krimi! Nein, nein, der Herr Müntefering ist schon der Herr Wallander der deutschen Politik, und das Ganze ein abgekartetes Spiel. Je mehr Teamkrimis so ein armes Luder wie unsereins liest, desto hochdosierter bekommt er es doch eingeimpft: Halts Maul, mach deine Arbeit, kusch und freu dich, wenn andere die Früchte einfahren. Das ist Deutschland heute.

Aber ich bin noch nicht fertig, es fehlt ja noch der „Synergieeffekt“. Synergieeffekt, das heißt: Sparen. Wenn bisher drei Personen eine gemeinsame Arbeit gemacht haben, schmeißt man eine raus und die beiden anderen müssen dann „Synergieeffekte“ nutzen, um dem seine Arbeit mitzumachen. Im Krimi ist es ähnlich, aber eigentlich genau so, wenn auch viel diffiziler, aber das kann man von Literatur ja nun auch erwarten.

Schauen wir uns noch einmal die drei Krimis an. Es geht um Verbrechen, aber auch um die Protagonisten, die verbeamteten Ermittler, die ein Privatleben haben und auch sonst Schwierigkeiten genug. Das zu schildern ist eigentlich viel Arbeit, und also nutzen die Autoren die Synergieeffekte, indem sie beides – das Verbrechen und die Geschichte der Protagonisten – verzahnen.

Bei Hill ist es ganz eindeutig: Wie oben schon angedeutet, hat Pescoe Probleme, weil seine kleine Tochter an Hirnhautentzündung erkrankt und er jetzt natürlich ganz verzweifelt ist. Da trifft es sich gut, dass das Verbrechen etwas mit verschwundenen und toten Kindern zu tun hat, ergo auch mit verzweifelten Eltern. Der Leser kann nun die Verzweifelung der Eltern auf die Verzweifelung Pascoes übertragen und umgekehrt, und das nenne ich einen Synergieeffekt comme il faut! Privat- und Alltagsleben kopulieren fleißig, der Autor spart sich dies und das, weil er dies und jenes ja schon dort erwähnt hat, und der Leser kann jetzt schauen, wie er den Synergieeffekt verkraftet.

Bei Lindell scheint dem nicht so zu sein. Der Held ermittelt, weil ein Mädchen verschwunden ist, und bei ihm zu Hause geht zwar auch alles drunter und drüber, aber die Sippschaft bleibt vollzählig. Bis – auf die Hauskatze! Die nämlich kommt eines Nachts nicht mehr von ihrem Streifzug zurück, und das trifft vor allem den Sohn des Helden, welcher wiederum beschwichtigend sagt: „Na, der Kater wird schon wieder heimkommen“, und genau so ist es, und auch das verschwundene Mädchen kommt heim, und jetzt kann man als Leser seine Schlüsse ziehen, wie eins mit dem anderen zusammenhängt oder auch nicht. Synergieeffekt.

Ganz kompliziert ist es bei Thiéry, und jetzt muss ich aufpassen, dass ich nichts durcheinander werfe. Die Kommissarin hat eine Pflegetochter, ist gleichzeitig schwanger, weiß aber nicht, ob von ihrem Mann, der grauslig ermordet wurde, oder von eben jenem grausligen Mörder, der, wenn auch sehr vorübergehend, auch mal ihr Mann gewesen ist, also one-night-stand-mäßig. Die Kleinigkeiten (Ärger mit dem Chef, Ärger mit dem Jugendamt) erwähne ich gar nicht, aber dass die Kommissarin an einem Fall von Kindsmord arbeitet, erwähne ich schon, weil hier kommt jetzt der Synergieeffekt: Ihre Pflegetochter nämlich kannte das ermordete Kind und hat irgend etwas gesehen, und die Person, die schließlich der Tat überführt wird, hält das Pflegekind plötzlich für das ermordete, das folglich gar nicht tot sein kann – und dem Leser wird hier vor lauter Synergie (alles befruchtet sich gegenseitig und kann gar nicht mehr damit aufhören) ganz blümerant.

So. Auch das ist natürlich „von oben“ gewollt. Die wollen uns darauf vorbereiten, dass überall gespart werden muss. Beim Krimiplot genauso wie bei den Sachbearbeiterstellen. Der moderne Krimi ist also affirmativ, konservativ, arbeitgeberfreundlich und gewissermaßen rückschrittlich fortschrittlich. Krimis bilden nicht nur die Wirklichkeit ab, nein, sie manipulieren sie auch! In jedem Krimi sitzt ein kleiner Demagoge, der uns sagt, was wir zu tun haben. Jetzt wissen Sie’s.

Ihr K.

(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine Lieblingskrimiautoren sind: Friedrich Schiller („keiner mordet klassischer!“), Hölderlin („Mordslyriker!“) und Garry Disher („Meine Schwester lebt auch in Australien“). Wenn es ihm die Zeit erlaubt, wird Herr K. seine Mittagspausen weiterhin dazu nutzen, den Krimi zu erklären.)

Die erwähnten Krimis:

Reginald Hill: Das Dorf der verschwundenen Kinder. Knaur 2005. Siehe →hier
Danielle Thiéry: Der tödliche Charme des Doktor Martin. Aufbau 2002.
Unni Lindell: Spurlos in der Nacht. Fischer 2005

4. November 2005

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