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Die Weitschweifigen

k_krimis.gif

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Die Krimis werden länger und länger, die Bibel hat, rein seitenzahlenmäßig, dagegen short story - Niveau. Und an allem schuld: die deutsche Bahn. Warum? Erklär ich jetzt.

Letztens waren wir ja auf Betriebsausflug im Bergischen Land, und schön wars, wenn auch das finale „gemütliche Beisammensein mit Schlachtplatte“ doch etwas peinlich endete, weil unser Dr. Zernatt von der Revision mit der kleinen Brungstedt unbedingt auf dem Tisch tanzen wollte, aber beide hatten schon ziemlich gebechert, also der Zernatt und die Brungstedt, nicht der Tisch, obwohl der als erster umgekippt ist.

Aber das wollte ich jetzt ja garnicht erzählen – oder doch, das gehört auch dazu, weil wenn ich so ins Erzählen komme, dann nicht unter Novellenlänge, und würde ich einen Krimi schreiben (in unserer Abteilung bin ich der einzige, ders noch nicht getan hat), wäre Schätzings „Schwarm“ eine Anekdote dagegen, so, und jetzt bin ich garantiert wieder beim Thema, denn im Zug (Gruppenticket, preiswert) hat Frau Leonore Meierle vom Mahnwesen den „Schwarm“ gelesen und irgendwann aufgestöhnt (man hört sie sonst nie stöhnen, die Meierle): „Mensch, der Schätzing nennt aber auch jeden Fisch im Pazifik beim Namen! Kann der nicht mal zur Sache kommen?“

Genau, hab ich mir da gedacht. Sie kommen einfach nicht auf den Punkt, die Damen und Herren Spannungsliteraten, sie überschütten uns mit Details und noch mal Details, auf die wir nicht scharf sind, zeichnen eine „Atmosphäre“, die trotz aller Weitschweifigkeit so dünn ist, als stünde man auf dem Everest, um mal so richtig nach Luft zu japsen, und am Ende schleppen wir die papieren gedunsenen Dinger in prallvollen, schweren Einkaufstüten durch die Fußgängerzone - und was ist drin? Zehn Prozent Wichtiges, in 90% Belangloses verpackt (in den Tüten und der Fußgängerzone).

Wohnungseinrichtungen zum Beispiel. Da wacht der Held morgens auf und starrt die Tapete an. Und gleich erzählt uns der Autor quasi die Lebensgeschichte von dieser Tapete, wie sie einmal schön satte gelbe Streifen hatte, aber weil der Held raucht wie ein Schlot, sind die Streifen jetzt tiefbraun, und überhaupt, was war das damals für eine Arbeit, erst die alten Tapeten abreißen und dann die neuen drauf, ein Sonntag wars, draußen hats geregnet und die Frau hat schließlich Bockwürste warmgemacht und das Bier war schal, weil Kühlschrank defekt, und dann streiten sie sich drei Seiten lang, wer jetzt die größere Wurst kriegen soll und und und – da kriegt man Zustände, aber keine angenehmen.

Kühlschrank. Was da alles drin ist und uns gefälligst zu interessieren hat! Ein abgelaufener Joghurt, etwas harte Markenbutter aus dem Aldi-Aktions-Woche-Prospekt, zwei Scheiben Allgäuer Käse jenseits ihrer besseren Tage, und das Licht im Kühlschrank flackert auch, da müsste mal die Birne ausgewechselt werden usw usf.

Ich frage mich, ich frage Sie: Warum werden wir so zugetextet mit allem, was nicht interessiert, was nicht zur Handlung gehört, was man sich zur Not noch selber zusammenreimen könnte und was man so lange bei sich behält wie einen verdorbenen Bratapfel? Folge: geistiger Dünnpfiff allerorten, aber nicht unter 500 Seiten.

Nur: Warum machen die das? Warum fassen die sich nicht kürzer? Spontane Antwort: ökonomische Gründe. Ein 200-Seiten-Krimi kostet vielleicht 10 €, einer mit 600 Seiten nicht etwa 30, sondern nur 15. Und wenn Sie die Wahl haben zwischen einem Kilo Apfelsinen für drei Euro und drei Kilo Apfelsinen für 4,50 – na, was nehmen Sie dann? Dass zwei Kilo verrotten, registriert man nur am Rande. So gesehen, sind wir selber schuld, wenn die Autoren und Autorinnen die Tinte nicht halten können, und wer "Geiz ist geil" sagt, darf nicht "Krimis sind viel zu dick!" sagen.

Aber der wahre Grund ist das nicht. Der wahre Grund ist der: Krimiautoren und –innen sind in ihrem Leben zu oft mit der Bundesbahn gefahren (oder der schwedischen Staatsbahn oder mit wem auch immer: das kommt aufs Gleiche raus). Sie waren hilflos in der Servicewüste ausgesetzt, keine Informationen weit und breit, einsilbiges, mürrisches Personal, das nicht verraten wollte, ob man den Anschluss noch kriegt oder nicht, geschweige denn, ob sie zu Hause auch gelbgestreifte Tapete haben und verdorbenen Joghurt im Kühlschrank.

Nein, haben sich die Überlebenden dieser Service-Desaster gesagt, das machen wir anders! Wer unsere Bücher liest, dem soll es an nichts mehr mangeln. Die sollen gar nicht erst auf den Gedanken kommen, man müsse selber denken, während man liest (was, nebenbei, auch unpassend wäre, denn wenn schon beim Schreiben nicht gedacht wird, warum dann beim Lesen?). Wir schütten die Leser mit Fakten zu, und wenn sie „aufhören!“ schreien, schicken wir schnell noch eine genaue Beschreibung der Kleidung jenes Passanten hinterher, der gerade am Protagonisten vorbeischlendert und im Roman nimmermehr gesehen ward.

Das freut die Leser! Vor allem, wenn sie in Mannheim vier Stunden auf den Zug warten müssen, da kommt man mit einem 150-Seiter nicht weit.

Okay; gespart werden muss natürlich! Am Plot vielleicht? An der Spannung? Der Sprache? Mal sehen. Die Frau Meierle ist jedenfalls seelig über ihrem Schätzing eingeschlummert und erst wieder richtig wach geworden, als später der Zernatt und die Brungstedt mit dem Tisch umgefallen sind. Das ging zack, zack, ohne große Umstände, das wären drei Zeilen in jedem knackigen Krimi, und das ist doch jetzt wirklich der Beweis, dass es auch anders geht.

Ihr K.

(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine Lieblingskrimiautoren sind: Annette von Droste-Hülshoff („schrieb mit der Judenbuche den Biedermeier-Krimi schlechthin!“), Friederike Glauser(„Wäre Sie ein Mann gewesen, würde man heute Krimipreise nach ihm benennen!“) und Heinrich Böll („Dem ich unheimlich dankbar dafür bin, dass er nie einen Krimi geschrieben hat!“). Wenn es ihm die Zeit erlaubt, wird Herr K. seine Mittagspausen weiterhin dazu nutzen, den Krimi zu erklären.)

18. November 2005

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