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Schule der Rezensenten -12-

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Dass 99 Kritiker 99 Meinungen zu einem Buch haben – der Leser registriert es mit Verwunderung. Dass EIN Kritiker zu EINEM Buch 99 Meinungen haben kann – da wird der Leser schier verrückt.

In seinen Grundzügen ist das Phänomen jedem Leser wohlbekannt. Man liest einen Kriminalroman, den Klappentext und die aus der Lektüre der ersten Seiten genährte Erwartungshaltung als klasssischen Whodunit ausweisen – und plötzlich steckt man mitten in einem komplexen Psychokrimi. Der mag auch seine Qualitäten haben, kollidiert indes mit dem auf Whodunit justierten Blickwinkel des Lesers. Vielleicht spielt der Roman zudem in Bhutan, wo man schon immer mal hin wollte, und vielleicht ist die Schilderung von Land und Leuten, Sitten und Gebräuchen schließlich das, was alle Erwartung an einen Krimi überlagert. Und ehe man es sich versieht, könnte man drei Rezensionen schreiben.

Die erste würde der Enttäuschung Ausdruck verleihen, dass der vorgebliche Whodunit kein Whodunit ist, obwohl er zu Beginn so angelegt war. Das entscheidet alles. Nichts ist ernüchternder als die Erkenntnis, dass mein Kombinationsvermögen nicht gebraucht wird, dass man mir die oberflächliche Spannung des Mörderratens nicht vergönnt.

Die zweite Rezension wäre Ausdruck meiner Flexibilität. Kein Whodunit – dafür ein faszinierender Psychokrimi, mit einer anderen Spannung, anderen Spannungsbogen, ich weiß wer’s war, aber jetzt interessiert es mich, warum er’s war.

Und drittens: Eigentlich keine Krimirezension im eigentlichen Sinne, dafür fokussiert auf erbaulichen geografischen Informationsgewinn.

Alle drei Varianten könnten mit klugen und logischen Argumenten gefüttert werden, eine wäre so „wahr“ wie die andere. Aber es kommt noch schlimmer.

Vor geraumer Zeit habe ich mir das Späßchen erlaubt, meine sehr →positive Kritik von David Peace, „1974“, mit ein paar Handgriffen in eine →sehr negative zu verwandeln. Das mag einige Leute verblüfft haben, mancher gar fühlte sich unwohl dabei und verunsichert. Warum eigentlich? Ich habe doch nur einige Grundeinschätzungen, die jeder Leser in sich trägt, neu gewichtet. Die Darstellung von Gewalt etwa. Ich kann dieses Schwelgen in Gewalt, wie es in Peaces Roman zu besichtigen ist, als etwas Realistisches und damit auch Abbildungswürdiges sehen, es quasi abstrahieren und auf die Gesellschaft, in der wir leben, hochrechnen. Ich kann aber auch – und mehr habe ich in dieser „Alternativrezension“ kaum getan – das Ganze als reichlich zynischen Einsatz greller Mittel brandmarken, mit denen an die niederen Instinkte der Leser appelliert werden soll.

Natürlich hätte ich „1974“ auch aus diversen anderen Blickwinkeln betrachten können. Die Darstellung von Sexualität etwa. Die Moral, wie man sie von einem Krimi gemeinhin erwartet, und wie sie von Peace nicht erfüllt wird. Das kann ich negativ oder positiv sehen, das kann ich begründen, hier wie dort, das ergibt keine „verlogene Rezension“, sondern zeigte, wenn ich mir die Mühe machen würde, tatsächlich 99 Versionen meiner Ansichten anzufertigen, dass – ja was eigentlich?

Sehr einfach: Bücher sind komplexe Zeichen- und Deutungssysteme. ALLES steckt in einem Text, und trifft er auf den Leser, passiert meistens das: Ich suche jene Informationen, die meine Ansichten und Gesetze bestätigen und ignoriere den Rest, soweit er sich ignorieren lässt. Wenn nicht, fällt mein Urteil negativ aus. Sobald ich jedoch meine Individualität ausschalte und sehr nüchtern an die Sache gehe und versuche, möglichst viele dieser Deutungsmöglichkeiten herauszuarbeiten, entstehen so viele mögliche Rezensionen wie es mögliche Deutungen gibt. Sie sind nicht mehr alle „meine Deutungen“, für den Leser mögen sie indes genau „seine Deutungen“ sein. Das ist so. Nicht leicht zu begreifen, aber was ist schon leicht zu begreifen.

dpr

7. November 2005

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