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Charles Willeford: Ketzerei in Orange

Pulp und die Moderne. Krimi und die Theorie vom Werden der Kunst im Auge des Betrachters. Das passt nicht? Passt! In Charles Willefords „Ketzerei in Orange“.

Ist der Kunstkritiker James Figueras ein Psychopath? Nun, er ist ehrgeizig und skrupellos, beides Eigenschaften, die er braucht, als ihm der reiche Sammler Cassidy ein unmoralisches Angebot macht: Ich vermittle dir ein Interview mit dem legendären Maler Jacques Debierue und du stiehlst ihm im Gegenzug ein Bild für mich. Debierue ist ein Nichtmaler. Einmal hat er einen leeren Bilderrahmen über einen Mauerriss gehängt, mehr war nie von ihm zu sehen. Jetzt sitzt der alte Franzose in der Wildnis Floridas, verzehrt Fertiggerichte, guckt sich drittklassige Komiker im Autokino an, während in der Welt draußen die Mythen gedeihen und der Ruf des Künstlers ins Maßlose wächst. Figueras braucht nicht lange zu überlegen. Ehrgeizig, skrupellos: Zusammen mit seiner Freundin fährt er zu Debierue, parliert ein wenig, will ein Bild stehlen, aber findet keines. Er steckt das Haus in Brand, vorher hat er genügend Malutensilien entwendet, um selbst ein Bild zu malen, das dann ein Bild Debierues werden soll. Ja, und dann auch noch ein Mord und ein überraschendes Ende.

Aber es ist wie immer bei solchen Inhaltsangaben: Sie sind ein schnell ablaufender Actionfilm, doch um was es wirklich geht, erzählen sie selten. Willeford (1919 – 1988) wurde mit seinem Hoke-Moseley-Romanen in den Achtzigern auch hierzulande einem überschaubaren Publikum bekannt, seine frühen Pulpromane suchte man meist vergebens. Zu ungewöhnlich, zu sperrig, zu grotesk. Es waren Versuchsreihen, die die Wirklichkeit ausloteten, indem sie diese Wirklichkeit eine Spur nur in Richtung des Grotesken ausdehnten. Die Welt der Kunst, wie sie uns Figueras mit tiefen Gedanken aus gelehrten Worten erklärt, ist die Welt schlechthin. Eine Interpretationssache, ein Wust von Theorie und sich selbst erzeugender Kausalität, man darf nicht über diesen Tellerrand hinausschauen, denn es könnte einem vor so viel Groteskem grauen. Sinn macht nur, was man vorher mit Sinn ausgestattet hat.

Das hätte nun ein furchtbar langweiliges Traktat werden können, doch Willeford kann schreiben. Sehr diszipliniert führt er seinen James Figueras auf dem schmalen Grat zwischen Alltag und Abgrund, Normalität und Irrwitz. Alles was in diesem Krimi passiert, ist so gewöhnlich wie außergewöhnlich. Wirklich normal hingegen ist kaum etwas, abgesehen von Jacques Debierue selbst, der sein Scheitern erträgt und in den Banalitäten des Lebens überlebt, und Figueras’ Freundin, einer biederen Englischlehrerin aus Duluth / Minnesota (pikanterweise auch der Geburtsort Bob Dylans), die naiv richtige Fragen stellt und intellektuell falsche Antworten bekommt. Figueras dagegen existiert ebenso wenig wie die Kunst, die er kritisiert und damit erst zur Kunst macht. Am Ende zahlt er den Preis.

Einen Mord, wie gesagt, gibt es auch. Aber Achtung, liebe Theoretiker des konventionellen Krimis: Der Mord ist hier nicht Ausgangspunkt, sondern Resultat, kein Ermittler löst den Fall, sondern die Geschichte selbst stellt die Gerechtigkeit wieder her. Das ist groß, das ist Willeford.

dpr

Charles Willeford: Ketzerei in Orange. Maas Verlag (Pulp Master) 2005. 220 Seiten, 12,80 €

22. Dezember 2005

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