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Krimi-Irrtümer

Korsetts mögen ja ihren Reiz haben. Krimis allerdings sehen darin eher gedrückt in die Landschaft. Also schnüren wir das Mieder ein wenig auf. Krimi-Irrtümer eins bis fünf.
Irrtum 1: Ein Krimi muss mit dem Verbrechen beginnen (Mord!) und dieses Verbrechen (Mord!) bis zum Ende des Romans aufgeklärt haben.
Gleich zwei Irrtümer. Dass in Krimis gemordet wird, ist guter Brauch und macht angesichts des Spannungspotentials dieses Kapitalverbrechens durchaus Sinn. Ist aber nicht zwingend erforderlich. Charles Willefords „Ketzerei in Orange“ etwa wäre auch ohne den finalen Mord ein großer Krimi. Womit wir beim Hauptirrtum wären: Ein Mord geschieht (möglichst schon auf den ersten Seiten), und dann setzt sich die Maschinerie zu seiner Aufklärung in Gang. Muss auch nicht sein. Mindestens so interessant und spannend könnte sich die „Exposition“ des Verbrechens gestalten. Warum geschieht ein Verbrechen? Was lässt es unausweichlich werden? Bestes Beispiel 2005: Jean Amilas „Mond über Omaha“. Mord als Konsequenz einer sich zuspitzenden Handlung. Schönstes Beispiel: Carl von Holteis „Schwarzwaldau“. Kein weiterer Kommentar.
Irrtum 2: In einem Krimi muss ermittelt werden
Hat mit 1. zu tun. Gewiss: In 99,99 % aller Krimis wird von Polizei, Detektiv oder Privatperson ermittelt. Das initiiert die Handlung, schafft die Spannungsbogen, bringt Aufklärung. Aber jetzt mal ganz theoretisch: Das geht auch anders, siehe noch einmal Willeford und Amila. Ermittler sind nicht zugegen, trotzdem spannend.
Irrtum 3: Ein Krimi muss eine Botschaft, ein Anliegen transportieren
Grundsätzlich: Ich mag keine Romane, die mir Botschaften aufs Auge drücken wollen. Entweder ist die Story gut genug, für sich zu sprechen oder sie ist es nicht. Da mag es gute Absicht des Verfassers sein, mich von der Schlechtigkeit unserer Politiker zu überzeugen. Wenns aufgesetzt ist und mit lauter Fanfare durch den Wortwald bläst: nein, danke. Wenn es sich aus der Geschichte organisch entwickelt: gerne.
Irrtum 4: Ein Krimi muss 200, 300, 400, 500 Seiten haben
Ein Krimi sollte so viele Seiten haben wie er braucht, seine Geschichte zu erzählen. Punkt. Das Problem: Wir leben in Zeiten des Schwartenhaften, des geschwätzigen Mehrwerts, die einen 200-Seiten-Roman zum 500-Seiter aufblasen. Die meisten Krimis kämen tatsächlich mit maximal 200 Seiten aus, würden sie ihren Ballast (Befindlichkeit des Protagonisten, aufgestülpte Botschaften, unnütze Beschreibungen von unnützen Tätigkeiten) einfach weglassen.
Irrtum 5: Deutsche Krimis werden von der Kritik schlechter behandelt als ausländische
Das entwickelt sich so: Ein von der Kritik gerupfter Autor setzt die Behauptung in die Welt, deutsche Krimis hätten generell schlechte Karten bei der Kritik. Der nächste Gerupfte wiederholt den Vorwurf gerne - und so weiter, bis sich die "Wahrheit" aus der Quantität der Behauptungen manifestiert. Eine Beweisführung findet nicht statt, wie auch. Betrachtet man sich die Kritikermeinungen etwa des Vorjahres, fällt die Behauptung wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gute deutsche Krimis, die es durchaus gab, werden gelobt, schlechte nicht. So auch bei den ausländischen. Dass etwa von „organisierten Kritikern“ gemunkelt wird, ist ja eine hübsche Verschwörungstheorie. Aber völlig kindisch.
Natürlich liegt auch eine gewisse optische Täuschung vor: Die unterirdischsten Krimis aus dem Ausland – bleiben im Ausland und werden gar nicht erst übersetzt (Ausnahmen bestätigen leider die Regel). Die unterirdischsten deutschen Krimis landen auf dem Schreibtisch der Kritiker, werden zumeist ignoriert, aber manchmal eben auch besprochen. Aber wie gesagt: Gut ist gut und schlecht ist schlecht. Sollte man den empirischen Gegenbeweis liefern, widerrufe ich diese Behauptung umgehend.
dpr
9. Januar 2006
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