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Abruptes Ende einer Heimsuchung

Gescheitert. Aufgesteckt. Gerade mal die Hälfte geschafft von Uta-Maria Heims "Dreckskind", aber jetzt gehts nicht mehr. Schnell noch das Ende. Und dem Herrn auf Knien gedankt, dass ich für diese Auflösung nicht das ganze Buch lesen musste.

Dass ich mit diesem Roman nicht glücklich werden würde, habe ich → vorige Woche ja schon angedeutet. Meine Befürchtungen haben sich leider bewahrheitet. Den Ausschlag für meine Kapitulation vor Heims Krimi gab eine Analyse, die der Vater des vermissten kleinen Emil anstellt. Er ist Arzt, seine Frau Sybille befindet sich in einer Nervenheilanstalt.

„Für ihren Zustand war Sybille letztlich selbst verantwortlich. Sie hatte sich entschieden, sich ihrer Umwelt durch Krankheit zu entziehen. Der Preis dafür war, dass sie weggesperrt wurde. Darin bestand bereits das Wesen dieser Krankheit. Im Übrigen war Sybille nicht krank. Sie verhielt sich absolut zweckgerichtet und sinnvoll. Sie entwickelte Symptome, die es unmöglich machten, sie weiter in den Alltag zu integrieren, weil sie ihre Umgebung nicht länger ertrug. Sie handelte aus Notwehr. Mit ihrer Weigerung, sich dem Leben zu stellen, entzog sie sich einem tödlich manipulierenden Familiensystem. Dieses System war krank.“

Es ist schon eine besondere Leistung, in wenigen Zeilen so viel an psychologischem Unsinn und sprachlicher Hölzernheit unterzubringen. Zuerst ist die Kranke selbst verantwortlich, dann gar nicht krank, weil Verrückte ja bekanntlich niemals „zweckgerichtet und sinnvoll“ handeln. Dann ist sie scheinbar doch wieder krank, weil sie ihre Umgebung nicht länger trägt. Und am Ende ist natürlich „das System“ krank.

Auf diesem Niveau spielt sich so ziemlich alles in diesem Roman ab. Wir quälen uns durch Monologe und Analysen von Personen, die der Autorin herzlich egal sind, aus Zeitungswissen zusammengeschraubt (etwa „die Bosnierin“) oder dem, von dem die Autorin glaubt, es sei authentisch (unfreiwillig komisch die „Jugendsprache“, die nur von Erwachsenen verwendet wird, die "keine Peilung haben", wie Jugend spricht.). Der Kriminalfall als solcher verschwindet unter diesen Halden informellen und sprachlichen Schutts. Ein historischer Einschub ist eben nur ein historischer Einschub, nichts weiter, man hat halt ein bisserl recherchiert und wollte das Material nicht wegwerfen.

Und der Schluss ist so, wie Schlüsse eben sind, zu denen sich die Handlung nicht hin entwickelt. Das ganze lose Nebeneinander von Handlungssträngen wird miteinander verknüppelt, Logik ade, wurscht das alles, der Krimi hat sein Ende, es wird noch ein wenig geschossen und gestorben, und Schluss. Oder um es im Erkenntnisduktus der Autorin zu formulieren: Für den Zustand ihres Romans ist Frau Heim letztlich selbst verantwortlich. Sie hat sich entschieden, sich der Erzähldramaturgie durch Geschwätzigkeit und Bedeutungsschwangerschaft zu entziehen. Der Preis dafür ist, dass sie langweilt. Hätte sie sich doch zweckgerichtet und sinnvoll verhalten! Das System trifft - keine Schuld?

Nach meiner traumatischen Erfahrung mit Herrn Schorlau und seinem Nonsense nun ein zweiter Fall von „Deutschkrimi“, wie er nicht sein sollte. Er beirrt mich nicht in meiner Ansicht, dass wir hierzulande durchaus einen „Pool“ talentierter KrimiautorInnen haben, drängt mir allerdings die Frage auf, warum in den Verlagen nicht ein minimaler Katalog von Qualitätskriterien zu gelten scheint, dessen Anwendung uns vor solchen Unterirdischkeiten bewahren könnte. Der knallrote Aufkleber auf Frau Heims Buch erzählt mir, die Autorin sei „Krimipreisträgerin“, habe den Deutschen Krimipreis ebenso gewonnen wie den Glauser. Auf dem Rückumschlag lobt Frau Ingrid Noll unter anderem: „Ich habe das Buch mit Vergnügen und in einem Rutsch gelesen, denn es ist überaus spannend und ausgezeichnet geschrieben.“ Spätestens jetzt fragt man sich irritiert, ob in heimischen Krimilanden nicht etwas furchtbar schiefläuft.

dpr

Uta-Maria Heim: Dreckskind. Gmeiner 2006.

20. Februar 2006

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