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Anne Chaplet: Sauberer Abgang

Versetzt ein Buch den Leser in einen Schwebezustand, ist das sehr schön. Eigentlich. Man springt in den Text und bekommt von ihm Flügel verliehen. Auch Anne Chaplets „Sauberer Abgang“ lässt den Leser schweben. Über dem Buch. Er will rein. Er schafft es nicht. Und stürzt schließlich ab.

Gastfreundschaft ist eine Tugend, aber nur, wenn man sie nicht übertreibt. Natürlich will ich, in einem Krimi zu Besuch, nicht jede Tür aufhebeln müssen, weil sie notorisch verschlossen ist, aber ich will auch nicht offene Türen einrennen, die Gastgeberin immer katzbuckelnd im Genick, mir jeden Wunsch von den Augen lesend, jedes Staubkörnchen, über das man ja stolpern könnte, aus dem Weg wischend, jede Tätigkeit erläuternd, um Missverständnisse zu vermeiden. Man möchte halt nicht permanent das Gefühl haben, Gast zu sein - und ein unterbelichteter obendrein. Wenigstens ein Buch sollte man schon auf eigene Faust erkunden dürfen.

Aber das will Anne Chaplet nicht. Vielleicht, weil sie im wirklichen Leben Cora Stephan heißt und Sachbücher schreibt und journalistisch arbeitet. Weil sie dem Irrglauben anheim gefallen ist, zum Schreiben eines Kriminalromans genüge ein Wechsel des Namens und der Haarfarbe, ansonsten business as usual. Sie zieht keine Gartenklamotten an wie andere, sondern donnert sich auf. Und bleibt doch die, die sie ist. Wer Sachbücher schreibt, will informieren. Wer Krimis schreibt, um uns pausenlos zu informieren, schreibt schlichtweg langweilige Krimis. Aber der Reihe nach. Über den Dingen schwebend.

Im Mittelpunkt von „Sauberer Abgang“ steht eine Gruppe alter Freunde, die Anfang der 80er mit allerlei Idealen gestartet waren, um im Laufe der Jahre in der mehr oder weniger Gutbürgerlichkeit zu landen. Jetzt trifft man sich regelmäßig, trinkt Wein, redet, trennt sich wieder. Und dann ist plötzlich einer von ihnen tot. Eine Putzfrau namens Dalia Sonnenschein findet die Leiche und hat nichts besseres zu tun, als den Tatort piccobello zu säubern. Dafür gibt es einen finsteren Grund, denn schon einmal, als Kind, war Dalia mit einer Leiche, der ihres Vaters, konfrontiert, den die Mutter in Notwehr erschlug, und dann mussten die Blutspuren vom Boden gewischt werden.

Szenenwechsel: Will Bastian, ein anderer aus dieser Gruppe, zieht nach dem Ende einer Beziehung zurück zu seinem verwitweten Vater. Er ist Journalist, aber arbeitslos, den Vater hat er nie verstanden, er geht ihm auf die Nerven, er geht sich selbst auf die Nerven.

Bis hierhin. Das hat was, theoretisch. Eine doppelte Vater-Kind-Beziehung, Traumata, Beschädigungen. Hätte was werden können. Nur, um es vorwegzunehmen: alles leere Versprechungen. Frau Sonnenschein, selbst kriminell, wird im weiteren Verlauf des Buches vorzüglich mit ihrem Hund spazierengehen und irgendwelchen Gedanken nachhängen. Will Bastian wird natürlich seine Vater besser verstehen lernen, aber es wird zu spät sein. Und derweil wird weitergemordet. Der nächste aus der Gruppe. Und noch einer. Und noch einer.

Auftritt Karen Stark. Die ist Staatsanwältin und mit dem Fall betraut. Ihr zur Seite ein Duo selten dämlicher Polizisten, das lustlos und derb „ermittelt“. Bis kurz vor Schluss wird Frau Stark nahezu untätig bleiben und von der Frage umgetrieben, ob zwischen den Todesfällen ein Zusammenhang besteht. Man stelle sich das vor! Vier Freunde kommen zu Tode, und eine in erster Linie mit privaten Perspektiven beschäftigte Staatsanwältin (wird das jetzt was mit dem netten Gerichtsmediziner oder doch nicht?) grübelt über Zusammenhänge! Erst etwa zwanzig Seiten vor Schluss fällt es ihr wie Schuppen von den Augen, und dann geht’s ratzfatz, man kennt das ja mit den Eingebungen, wenn es schon mit Logik und Handlungsdramaturgie nicht weit her ist.

Wohl selten hat sich die Funktion einer „Heldin“ so sehr auf das finale "Aufklären" beschränkt. Sie ist die Putzfrau dieses Krimis und sorgt dafür, dass – Hier kommt die Staatsgewalt – am Ende alles sauber blitzt und blankt. Der Leser bezahlt diese Genrekonvention teuer mit der erzwungenen Zurkenntnisnahme all der Nichtigkeiten, die durch einen ansonsten scheints nicht sehr beschäftigten Beamtenkopf wirbeln.

Aber auch der Rest ist Schweigen. Die Idee, einen Krimi über Freundschaft und ihre Facetten zu schreiben, über die Beziehungen von Kindern zu ihren Vätern, sie ist ja nicht verkehrt. Bleibt auch der eigentliche Plot fest in der Hand des Klischees (eine Gruppe von Freunden, die durch ein dunkles Geheimnis zusammengeschweißt sind, das sukzessive Ableben der einzelnen Mitglieder dieser Gruppe), so hätte man vielleicht etwas draus machen können. Wenn, ja wenn die Autorin begriffen hätte, dass es in einem Krimi nicht darauf ankommt, die Leser bis ins kleinste Detail darüber zu informieren, was die Autorin mit dieser oder jener Szene sagen möchte. Wenn etwa Will Bastian sich seinem Vater tatsächlich genähert und nicht Anne Chaplet nur beschrieben hätte, was da so haarklein abgeht in dieser Wohngemeinschaft, wie man es zu werten hat etcpp. Sie hat, ganz Cora Stephan, einen Text aus Versatzstücken aus Kriminalromanen verfasst, aber leider keinen Kriminalroman. Kein Stück Spannung, kein Stück Ungewissheit, gar Beunruhigung. Das nenne ich Gastfreundschaft. Füße hoch und her mit den Salzstangen.

Frau Chaplet dabei zuzugucken, wie sie Pi mal Daumen das Gerüst eines hochambitiösen Textes hochzieht, jede psychische und sonstige Regung der Beteiligten erklärt (wem eigentlich? dem Kritiker? dem Leser? sich selbst?) und dabei vergisst, dass sie einen Kriminalroman schreiben möchte – das ist so wenig buch- wie abendfüllend.

dpr

Anne Chaplet: Sauberer Abgang. Kunstmann 2006. 285 Seiten, 19,90 €

16. März 2006

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