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Nachtgedanken -1-

1929 war alles vorbei. Der Kriminalroman als leichte Erschütterung der Wirklichkeitskruste, unter der das Magma des Triebhaften brodelte, der Kriminalroman, der solche Erschütterungen nutzte, um einen Spalt zum Inferno zu öffnen – und sogleich wieder zu verschließen, der Kriminalroman, der darob einen Schrecken einjagte und wieder vertrieb, die Katharsis als Schlafmittel. Vorbei.

Ein Mann, Detektiv, kommt in eine amerikanische Mittelstadt, um einen Job zu erledigen. Er tut es, aber damit beginnt erst die Handlung. Der Mann ist nicht mehr zu stoppen, er vertreibt das Verbrechen aus Personville / Poisonville, indem er sich des Verbrechens bedient. Am Ende ist die Stadt so sauber, wie es eine tote Stadt nur sein kann, die darauf wartet, erneut beschmutzt zu werden und zum Leben zu erwachen.

Dashiel Hammetts „Rote Ernte“ begründet nach allgemeiner Ansicht die „noir“-Variante des hardboiled, als dessen Urvater Hammett ebenfalls gilt, gefolgt von Chandler, Woolrich und vielen anderen. Wohl wird zuweilen die gothic novel des 18. / 19. Jahrhunderts bemüht, um die Wurzel dieses „subgenres“ auszugraben, doch noir bedeutet bei Hammett nicht „schwarz, düster, unheimlich“, sondern das genaue Gegenteil. Die lapidare Einsicht in die Natur der Gesellschaft als letztlich durch Bösartigkeit zusammengehaltenes Konstrukt. Sie ist böse, hoffnungslos. Recht und Ordnung sind wie in simpelster mathematischer Rechnung das Produkt zweier Negativa, der menschlichen Natur und ihrer Regulierung.

Damit hatte der Krimi seine Funktion als moralische Anstalt endgültig verloren. Das Böse wurde nicht mehr gezeichnet, um das Gute dadurch umso deutlicher zu erhöhen. Beide existieren als dichotomische Einheit nicht mehr, ja selbst die Erkenntnis von der fundamentalen Verkommenheit einer Gesellschaft und ihrer zivilisationsschaffenden Organe ist obsolet. Die Guten sind die Anormalen, sind die Zyniker aus enttäuschter Liebe, ihre Galionsfigur heißt Marlowe, und Chandlers letzter Roman „Playback“ ist der schwärzeste aller noirs, weil er seinen Helden nur noch wie eine automatische Puppe durch „den Fall“ schickt, der am Ende alles egal ist. Das Schlechte ist der Regalfall und somit nicht mehr „böse“, sondern, denkt man ein wenig weiter, der Leim, der alles zusammenhält.

Eine Konsequenz aus dieser Erkenntnis findet sich in der Sprache wieder, mit der solche Dinge geschildert werden. Sie ist nüchtern, knapp, lakonisch, zynisch, auch dort wo sie Bilder bemüht schnörkellos. Eine zweite, daraus folgende Konsequenz ist die scheinbare Lieblosigkeit, mit der das Personal des Textes vor dem Leser entsteht. Der Detektiv in „Rote Ernte“ ist kein Lebewesen, in das sich die Zuneigung seines Schöpfers ergießt. Er macht seinen Job, das ist alles, wenn er ihn getan hat, verschwindet er wieder. Er ist keine Identifikationsfigur, schon weil er nicht moralisiert und dadurch einen Blick in seine Seele zulässt.

Und die Bösen sind nicht wirklich böse, wie schon gesagt. Auch sie machen ihre Arbeit. Genau das wurde später, vor allem in der französischen „série noire“ auf die politische Ebene gehoben, was sogleich eine neue Form des Moralisierens war, wenn auch eine auf Hoffnungslosigkeit gründende.

Aber war 1929 wirklich alles vorbei? Der Krimi mit Happyend am bitteren Ende seines Weges? Natürlich nicht. Es gab ihn weiterhin, er blühte, er blüht. Und es gibt neckische Kopulationen. Mankell etwa, der wie ein Autor des noir zu schreiben versucht und dennoch in einem fort moralisiert.

Und hat wirklich erst 1929 alles begonnen? Auch hier: nein. Es begann 1873 – in Deutschland, als ein Mann namens Temme in der Kriminalnovelle „In einer Brautnacht“ vorwegnahm, was Hammett ein halbes Jahrhundert später zur Blaupause machte. Dazu mehr im zweiten Teil dieser „Nachtgedanken“:

dpr

13. März 2006

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