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Stieg Larsson: Verblendung

Mach dir die Dinge bewusst und gemach zueigen. Ent-schleu-ni-ge. Slow food. Nimm dir ne halbe Stunde Zeit für die Currywurst. Schling nicht so. „Verblendung“ von Stieg Larsson ist die Krimivariante dieser Philosophie. Und funktioniert. Jedenfalls über weite Strecken.
688 Seiten für eine überschaubare Geschichte, die selbst geschwätzige Vertreter des Genres auf höchstens 450 Seiten ausgebreitet hätten. Der Journalist Mikael Blomkvist hat eine „Enthüllungsstory“ über den dubiosen Konzernboss Wennerström böse in den Sand gesetzt und ist verklagt, verurteilt worden. Geldstrafe, dazu drei Monate Knast in Aussicht, das Magazin, dessen Mitinhaber Blomkvist ist, vor dem Ruin. In dieser prekären Lage erreicht Blomkvist das Angebot eines anderen Konzernchefs, des Patriarchen Henrik Vanger. Dessen Nichte Harriet verschwand vor 35 Jahren spurlos, und bis heute fanden sich weder Lebenszeichen noch die Leiche des damals sechszehnjährigen Mädchens. Dafür erhält Vanger jährlich zu seinem Geburtstag eine getrocknete Blume zugeschickt. So hat es Harriet früher immer gemacht, und irgendjemand – der Mörder? – scheint damit ein böses Spiel mit dem Onkel zu treiben.
Diese Geschichte ist nun nicht besonders originell, originell ist aber die schon anfangs erwähnte Langsamkeit, mit der Larsson sie erzählt. Kein Detail bleibt ausgespart und sei es noch so unwichtig, noch so alltäglich. Spannungsbogen, wie wir sie aus anderen Kriminalromanen kennen, gibt es in diesem Sinne erst einmal nicht, aber die Sache passt dennoch. Larsson schreibt so, wie Blomkvist sich mit dem Fall der verschwundenen Harriet vertraut macht, jeder Spur nachgeht, ohne große Illusionen zunächst, aber dann verdichtet sich das Ganze und nimmt Fahrt auf.
Ein weiterer Grund, an der Geschichte dran zu bleiben ist die Figur der Lisbeth Salander. Sie, die freiberuflich als Rechercheurin tätig ist, wird Blomkvists Assistentin. Eine flippige Vierundzwanzigjährige mit einer milden Form des Autismus, keiner sozialen Artikulation fähig und daher unter staatlicher Vormundschaft stehend. Als Rechercheurin ist sie genial, das merkt auch Blomkvist bald.
Nur, leider, jetzt begeht Larsson einen Fehler: Anstatt das Anderssein der Lisbeth Salander zu thematisieren, wird sie allmählich „normal“. Sie verliebt sich in Blomkvist und entwickelt sich zur Superheldin, die am Ende, als nach der Lösung des Harriet-Falles natürlich auch noch der schurkische Wennerström seiner gerechten Strafe zugeführt wird, geradezu Modesty-Blaise-Qualitäten offenbart.
Überhaupt das Ende. Selbstverständlich ist Blomkvist da in eine Schlangengrube geraten, Leichen werden buchstäblich aus dem Keller geholt, finsterste Geheimnisse effektvoll gelüftet. Das ist nicht schlecht, es wird beschleunigt, es gibt plötzlich Action, auch das passt, wenn man von der allzu geleckten Wennerström-Enttarnung am Ende absieht. Also: Wer sehr viel Zeit und Muße hat, der kann sich hier festlesen. Larsson übrigens starb 2004, gerade einmal fünfzigjährig, an den Folgen eines Herzinfarkts. „Verblendung“ ist der erste Teil einer Trilogie, die der Autor vor seinem Tod noch vollenden konnte. Warten wir auf den zweiten Band.
dpr
Stieg Larsson: Verblendung. Heyne 2006. 688 Seiten. 21,95 €
13. April 2006
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