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Anne Perry: Das Geheimnis der Miss Bellwood

Miss Bellwood stürzt die Treppe runter. Immer wieder, fast 450 Seiten lang. Und die Verdächtigen beteuern ihre Unschuld. Und rekapitulieren das Geschehene. 450 Seiten lang. Das klingt nun nach kriminalistischer Diätkost, Minimal Music goes Crime, und irgendwie ist das auch so. Es tut sich wenig in diesem Buch, nach zweihundert Seiten glaubt man, es tue sich eigentlich gar nichts. Aber das täuscht.
Im Hause des ehrenbaren anglikanischen Geistlichen Ramsay Parmenter ist Unity Bellwood, die wissenschaftliche Mitarbeiterin, durch einen Treppensturz zu Tode gekommen. Alles spricht für ein Fremdverschulden, alles spricht gegen den Hausherrn, der sich unmittelbar vor dem Ereignis ganz fürchterlich mit Miss Bellwood gestritten hat. Denn streitbar war die: Ein libertinärer, antiklerikaler Geist, durchdrungen von Darwins Evolutionstheorie, mit einer grausamen Freude am Bloßstellen Andersdenkender, Schwächerer. Inspektor Pitt, dem die Bearbeitung des delikaten Falles übertragen wird, ist nicht zu beneiden.
Nachdem sich herausstellt, dass Miss Bellwood schwanger war und dieser Zustand nach menschlichem Ermessen unter dem Dach des Reverend besiegelt wurde, kann der Kreis der potentiellen Täter auf die drei männlichen Bewohner des Hauses eingrenzt werden: Parmenter selbst, seinen Sohn Mellory, einen katholischen Priester, sowie den Vikar Dominic Corde – pikanterweise der Schwager Pitts und mit dunklen Punkten in der Biografie.
Über weite Strecken inszeniert Perry ihren Roman wie ein Kammerspiel. Die Bewohner des Hauses (neben den Genannten noch Parmenters Ehefrau und die beiden Töchter) belauern sich, erstellen Hypothesen des Tathergangs und der Tätermovation – es ist ein langsames Sich-Umkreisen, in dem Argumente wiederholt, Szenen (vor allem der Treppensturz) bis zum Überdruss en détail geschildert werden. Pitt, der Licht ins Dunkel bringen soll, bleibt merkwürdig passiv, ein Beobachter, ein Zuhörer, ein Spekulant und Zweifler wie der Leser selbst, und dass die entscheidende Spur von seiner Frau Charlotte entdeckt wird, ist nur folgerichtig.
Es geschieht also wenig in diesem Buch, das hauptsächlich von tiefsinnigen Dialogen lebt, die manchmal ins intellektuell Bodenlose stürzen, was aber angesichts des Gesamtkonzepts zu verschmerzen ist . Aber dieses Wenige, das sich da aus den Wiederholungen an Veränderung ergibt, lässt die Charaktere sich allmählich offenbaren, Geheimnisse ans Licht kommen – und wenn am Ende alles anders ist, nicht so, wie uns 450 Seiten weismachen wollten, dann ergibt sich auch die Logik dieser Auflösung aus dem Betrachten des Standbilds einer maroden Familiensituation.
Die Geschichte spielt übrigens in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts und behandelt die damals aktuellen sozialen und wissenschaftlichen Aufreger mit dezenter Konzentration: Darwins Evolutionstheorie, deren populäre Auslegung die Sinnhaftigkeit der Kirche infrage stellte, die Emanzipationsbestrebungen der Frauen und die dadurch provozierten Repressalien der männlichen Herrschaft. Ein Genrebild also ist das, auch das Nebenpersonal schön gezeichnet, aber eben nicht von der kurzatmigen Rasanz des üblichen Lesefutters.
dpr
Anne Perry: Das Geheimnis der Miss Bellwood. Pavillon (Heyne) 2006. 447 Seiten. 5 €
11. Mai 2006
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