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Die Predigerin

Zunächst sind Personen in Romanen nichts weiter als Namen, flüchtige Umrisse und Platzhalter für dramaturgische Entwicklungen. Je weiter wir bei der Lektüre vorankommen, desto lebendiger sollen die Personen und ihre Beziehungen untereinander werden. Eine große Aufgabe also für die AutorInnen. Leider wird sie speziell in Krimis nicht immer ernst genommen.
Aber gehen wir gleich in die Praxis, ein allüberall positiv aufgenommenes Werk der Schwedin Camilla Läckberg, „Der Prediger von Fjällbacka“. „Starke Charaktere mit viel Tiefgang“ heißt es zu diesem → „Krimicouch-Volltreffer Juni“. Ein Familiendrama von religiösen – ach was! – von biblischen Dimensionen. Schauen wir uns ein paar Seiten genauer an.
Gabriel und Laine Hult sind ein Ehepaar, bei dem es nicht zum Besten steht.
„Das hier war nicht das Leben, was sie sich erträumt hatte. (...) Es war die Sicherheit, die sie gelockt hatte. (...) Sie wollte ein Leben, das ganz anders war als das ihrer Mutter.“
Verständlich. Nur: Wen interessiert das? Es geht aber weiter.
„Als sie Gabriel gefunden hatte, glaubte sie wirklich, daß sie den Schlüssel gefunden hatte, der den dunklen Schrein in ihrer Brust öffnete.“
Abgesehen vom ungeschlachten, durch zwei grammatische Schnitzer kaum zu rettenden Stil: Was sagt uns das? Aber noch weiter.
„Nichts war schlimmer als Einsamkeit in der Zweisamkeit.“
Bei solchen Banalitäten kann man sich durchaus etwas Schlimmeres vorstellen: solche Banalitäten nämlich. Oder die allgegenwärtige Psychoanneliese:
„Die Schuld für Gabriels Verschlossenheit konnte zum großen Teil seinem Vater angelastet werden.“
Die aufgeführten Beispiele finden sich zwischen den Seiten 120 und 123 – und sind wirklich nur Beispiele. Für die genannten Seiten – für das gesamte Buch – für sämtliche dort vorgestellten Personen. Sie alle werden nicht erzählerisch entwickelt, sondern mit Gemeinplätzen etikettiert auf die Leserschaft losgelassen. Die darob natürlich keine Chance hat, sich das dramatische Szenario, in dem sich das alles ereignet, selbst zu erarbeiten, was aber doch – wenn ich nicht Jahrzehnte lang einem Irrtum aufgesessen bin – Sinn und Zweck von Literatur ist.
Auch der Kriminalliteratur? Da sind wir an einem heiklen Punkt. Man ist geneigt, die schriftstellerische Kompetenz von KrimiautorInnen in einem etwas milderen Licht zu betrachten, wenn nur das stimmt, was wir als Hauptaufgabe von Krimis ansehen: das Erzeugen von Spannung. Dagegen lässt sich wenig einwenden, genauso wenig gegen Leute, die vom Spargel nur die Spitzen essen und den Rest wegwerfen. Ist halt Verschwendung, aber was solls.
Ob nun „Der Prediger von Fjällbacka“ ein „spannender Thriller“ genannt werden kann, vermag ich nach etwas mehr als der Hälfte des Textes noch nicht zu sagen. Dass er hingegen voller Binsenweisheiten, plakativer Allerweltspsychologie und teilweise haarsträubend flachen Schlussfolgerungen steckt, das beweist er leider Seite für Seite.
Und Seiten gibt es, wie nicht anders zu erwarten, viele in diesem Buch, viel zu viele, über 400. Wenigstens 150 davon wären einzusparen gewesen, hätte sich die Autorin auf ihre Pflicht besonnen, uns das Personal nicht lang und breit zu erklären, sondern es selbst in knappen Sätzen und Gesten handeln zu lassen. Was zwischen Laina und Gabriel stattfindet, tuscht eine fähigere Autorin in wenigen beschreibenden Sätzen aufs Papier, in beiläufigen Beobachtungen und Dialogen, die nicht durch das geschwätzige Mahlwerk der krachenden Maschine „Erklären und Analysieren“ laufen. Und erspart sich damit zwerchfellstrapazierende Passagen wie die folgende von Seite 129:
„Patrik registrierte, daß sie (Laina) ‚mein’ Schlafzimmer sagte, und konnte nicht anders, als darüber nachzusinnen, wie traurig es doch war, daß verheiratete Leute nicht mal mehr zusammen schliefen. Das würde ihm und Erica nie passieren.“
Sehr traurig, da kann man nur zustimmen. Manche Leute haben getrennte Schlafzimmer, weil einer der Partner schnarcht, der andere im Bett noch lesen will, der andere nicht (jedenfalls nicht Läckberg) usw. Aber die Vorstellung, wie unser guter Ermittler plötzlich „nicht anders kann“ als „nachzusinnen“ – das ist schon komisch, und wie er sich dann vornimmt, es „besser zu machen“, das hat etwas Kindlich-Putziges.
Wie gesagt: kein Einzelfall. Weder in diesem Buch noch in jenem Teil der Kriminalliteratur, der durch sein unseliges Bestreben, besonders psychologisch geschliffen wirken zu wollen, in Seichtheit abdriftet. Und der Leser, die Leserin? Ist es ihnen gleichgültig, wenn nur „der Plot“ Spannung verspricht? Lassen Sie sich alles vorkauen wie zahnlose Greise des Geistes, die sich nicht wehren können oder wollen, wenn man sie mit altbackenem, in Brackwasser eingeweichtem Brot füttert? Schade wäre das schon.
dpr
28. Juni 2006
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