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Kick out culture

Zufälliges Zusammentreffen der Ereignisse. Kürzlich eine wohlmeinende Mail: Das mit den alten Krimis sei toll, aber warum denn Sponsoren? Es gibt doch öffentliche Fördermittel! Irgendwo ganz bestimmt auch ein Töpfchen für das kulturell Abseitige, aber dennoch Wertvolle. Heute dann ein Blick ins → Forum der Krimicouch : Silvia Kaffke setzt ihren Kreuzzug geben die Kostenlosigkeit der Literatur fort, diesmal argumentiert sie gegen Autorenlesungen ohne Honorar und, indirekt, für mehr öffentliche Fördermittel.

So. Und jetzt der Schock: Ich bin dafür, die Kultur dieses Landes ab sofort mit keinem Euro mehr zu subventionieren. Alles auf Null: Die Theater, die zum 10.000 „Madame Butterfly“ flattern lassen, die bildenden Künstler mit ihrer Hybris, die Filmemacher mit ihrer einen Million für eine Zehntel-Idee. Weg damit. Totale Marktwirtschaft. Wer Kultur schafft, der verkaufe sie gefälligst auch. Wer Kultur konsumiert, der zahle dafür den angemessenen Preis. Und jammert mir nicht, ihr hättet kein Geld dafür! Für alles andere kratzt ihr die letzten Groschen zusammen, aber das Kulturelle möge euch gefälligst ins Maul flattern. Schluss, aus.

Zugegeben: Diese Gesellschaft würde von den Kalamitäten einer abrupt auf das finanziell Trockene gesetzten Kultur nur wenig mitbekommen. Verwundert nicht. Ein Volk, das der Bildzeitung glaubt, hat keine Kultur verdient und will sie sich auch nicht verdienen. Ein Volk, das zuschaut, wie Millionen in die Armut getrieben werden und dem man straflos weismachen kann, Hartz IV mache seine Bezieher zu reichen Müßiggängern, ein solches Volk sollte man vor eine gigantische Flimmerkiste setzen und mit Sabine Christiansen, Prinz Dingsbums und Superstar Trallala bis zum erschöpften Ableben zumüllen. Für alle anderen gilt: Gib dem Künstler, was des Künstlers ist, achte den Wert schriftstellerischer Arbeit, und wenn du dich für alte Krimis interessierst und nicht am Bildschirm lesen willst, dann bezahl dafür.

Verglichen mit anderen kulturellen Zuwendungsempfängern sind Schriftsteller arme Schweine. Manchmal ehrt man sie mit dotierten Preisen, wofür sie sich auch noch herzlich bedanken müssen und bitte, bitte, wenigstens halbwegs im kulturellen und politischen Konsens zu bleiben haben, sonst wird ihnen die Zuwendung, siehe Handke / Heine, postwendend wieder entzogen. Oder man gewährt ihnen Stipendien. Ein Jahr Stadtschreiber in X, 800 € im Monat, dafür aber bitte etwas Stadtbeweihräucherung in gedruckter Form abliefern. Wer von seiner „Schreibe“ leben möchte, muss allerdings notgedrungen in der Marktwirtschaft ankommen, sprich: viele Bücher verkaufen. Na ja, Qualität setzt sich durch. Okay; oftmals aber leider nicht zu Lebzeiten des Autors. Ohne die Pöstchen, die ihnen Goethe verschaffte, wären sowohl Herder als auch Wieland als auch Schiller verhungert. Jean Paul überlebte dank fürstlicher Monatsrente, Arno Schmidt, der hier natürlich nicht fehlen darf, ist nur deshalb nicht in der „Scheiß=Großindustrie“ untergetaucht, weil ihm der Rundfunkredakteur Alfred Andersch ein Zubrot verschaffte und ihn „Nachtprogramme“ über vergessene Dichter und ihre noch vergesseneren Werke schreiben ließ, womit Schmidt, dies nebenbei, übrigens mehr für die Literatur getan hat als 100 Jahre bornierte Germanistik.

Ohne diese mehr oder weniger privaten, manchmal auch öffentlichen Zuwendungen sähe die deutsche Literatur ärmer aus, keine Frage. Aber ist das ein Argument FÜR Subventionen und Selbstausbeutung? Eher nicht. Denn im Bewusstsein der Schaffenden wie der Konsumenten hat sich eine fatale Eigendynamik entwickelt, die das Bild des Schriftstellers, wie man es heutzutage beklagen muss, geformt hat. Erstes Charakteristikum: Literatur ist etwas Hohes, ein Wert außerhalb wirtschaftlichen Koordinatensystemen, etwas, wofür man sich selbst auszubeuten hat, etwas, für das man Lob und Ehr und Dank und ein paar kleine Scheine (vielleicht auch noch in Koffern konspirativ überreicht) erwarten kann – aber nicht das, was ansonsten wie selbstverständlich dafür sorgt, dass unsere Gesellschaft so funktioniert, wie sie nun einmal funktioniert: eine finanzielle Gegenleistung wie für jede andere Arbeit auch.

Damit jedoch wird Schreiben nicht mehr als das empfunden, was es nun einmal vorrangig ist: Arbeit. Etwas, das Zeit kostet, Zeit, die einem fehlt, um etwa in der Schmidtschen „Scheiß=Großindustrie“ die Brötchen zu verdienen, die man nach Feierabend dann kulturell buttert. Schreiben ist Selbstfindung, Hobby, Suchen nach Anerkennung, man bekommt den Lohn „zugesprochen“, wird gnädigst „ernannt“, bekommt „feierlich überreicht“ (machen Sie das mal bei Ihrem Klempner, der gerade die Wasserleitung geflickt hat! Der Mann ruft umgehend bei der nächstgelegenen Klapse an!). Auch darf man sich „bewerben“: Um Aufnahme in irgendwelche Anthologien, um die Gunst, „in nett-intimen Räumen“ vor notorisch nichtzahlendem Publikum lesen zu dürfen. Ist ja Werbung! Wo kämen wir denn da hin, wenn wir für Kultur bezahlen müssten, die uns nicht mit Gratispröbchen schmackhaft gemacht wurde!

So. Kommando zurück. Natürlich alles Quatsch, nur ein Gedankenspiel. Ich werde weiterhin der Selbstausbeutung frönen, Dinge kostenlos anbieten und irgendwie schauen, dass ich über die Runden komme, ohne den Kuckuck auf dem Rechner geklebt zu kriegen. Ich werde mir weiterhin geduldig dieses „Zu teuer!“ anhören, wenn der Nichterwerb eines Buches gerechtfertigt wird, während im Einkaufstäschchen die Whiskyflaschen, keine unter € 40, gegeneinander schlagen und es nicht einmal hohl klingt. Aber als kleine Vision....Schocktherapie halt....Man stelle sich vor: Die Kultur kollabiert. Nichts mehr ohne Gegenleistung, nichts mehr, wofür man auch noch Danke sagen muss. Ein kleines Häuflein Aufrechter, auf der Produzenten- wie der Konsumentenseite...und dann schauen sie halt, wie sie sich gegenseitig über Wasser halten.

Doch. Tief in mir drin sitzt die Überzeugung, dass wir die herrschende Kulturgroteske nur beenden, indem wir die herrschende Kultur und ihre Mechanismen abschießen.

dpr

1. Juni 2006

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