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Ulrich Schmid: Aschemenschen

Himmel, was für ein Plot! Rankende Ideenblüten, phantastisches Efeu allüberall. Die beschauliche Schweiz, das geheimnisvolle hinterste China, Äthiopien in der Diktatur. Und gleich mehrere Kriminalfälle, dazu ein ausführlicher Blick ins Reich der Mythen und wieder zurück in die traurige Wirklichkeit. Klarer Fall von überplottet? Nicht unbedingt.

Beginnen wir mit Erla. Schweizerin, ehemals Bankerin, jetzt für ein Unternehmen tätig, das Entführungen organisiert. Keine gewöhnlichen Entführungen – die „Opfer“ haben für diesen Nervenkitzel bezahlt, man hat ja sonst schon alles erlebt.

Der aktuelle Kunde heißt Gerd, ist ein dämonischer Vielfraß, Deutscher Ost, unsensibel, abstoßend. Mit ihm reist Erla in die chinesische Provinz Xinjiang, an den Rand der Wüste Taklamakan, in eine Kleinstadt. Alles geht seinen Gang. Gert wird vertragsgemäß seiner Freiheit beraubt – und schnell wieder befreit, denn Xin, ein lokaler Industrieller, hat alles für echt gehalten und ist nun so sauer auf Gert und Erla wie diese auf ihn. Die Geschichte beginnt.

Erla verliebt sich in Xin und freundet sich mit dessen halbwüchsiger Tochter an, einem – nun ja, altklugen Mädchen, das sich vor Gerd ekelt und von den „Aschemenschen“ schwärmt, Untoten mit merkwürdigen Gliedmaßen, langen Zungen und seltsamen Gebaren, kurz: mythologischen Wesen. Eines Tages verschwindet das Kind spurlos, Xin, Erla und Gerd machen sich auf die Suche, letzterer auch noch nach seinem Bruder, der als Archäologe in der Taklamakan Ausgrabungen leitet, aber ebenfalls nicht auffindbar ist. Ein örtlicher Parteibonze kommt ins Spiel, mit dem Gerd kollaboriert, die politische Situation in der Stadt ist brisant, uigurische Rebellen bomben gegen die chinesischen Besatzer.

Immer wieder auch werden wir mit Erlas Vorgeschichte konfrontiert. Einem querschnittsgelähmten Geliebten, der einen Banker mit kompromittierenden Fotos zu Tode gequälter Pferde erpressen will und unter mysteriösen Umständen bei einem Bergunfall ums Leben kommt. Die Suche nach Xins Tochter bleibt erfolglos – bis Erla selbst die „Aschemenschen“ sieht, mit ihnen redet und endlich in einem Zustand von Trance die Vermisste aufstöbert – und einem Mann aus Äthiopien begegnet, der nach China gekommen ist, um Rache zu nehmen...

Aber genug des übervollen Inhalts, ordnen wir. Schmids Roman besteht aus mehreren Schichten, die sich – und das ist ein klarer Pluspunkt – an vielen Stellen tangieren, schneiden, in Konkurrenz zueinander stehen. Die private Ebene (Erla liebt Xin) wird zur kulturellen, Orient und Okzident prallen aufeinander. Das Verschwinden der Tochter, so raten es die Aschemenschen, kann nur aufgeklärt werden, wenn Erla mit Xin schläft – was übertragen bedeutet: Die familiäre Harmonie und das kulturelle Verstehen sind eine Frage der Hingabe, des emotionalen Sichvergessens.

Eine politische Ebene (der Kampf der Uiguren gegen die Besatzer) verbindet sich mit einer anderen (den folternden ostdeutschen „Beratern“ im Äthiopien der Mengistu-Diktatur) und wird zugleich mythologisch dechiffriert, denn die „Aschemenschen“ entpuppen sich am Ende als die uigurischen Rebellen. Dass dann auch der merkwürdige Schweizer Bankmensch wieder ins Spiel gebracht wird und mit ihm westliches Profitmanagement, das auf afrikanische Unschuld trifft, sei nur am Rande erwähnt.

Überhaupt: Diese Analyse ist eine Art Nachbereitung der Lektüre, sie drängt sich beim Lesen nicht sofort auf. Sie hat auch etwas mit Schmids Sprache zu tun, die bilder- und beziehungsreich ist, selbst dort, wo sie uns von den alltäglichen Dingen berichtet, nie ohne Hintergedanken, nie ohne das Abschweifen in Grundsätzliches. Das ist gewöhnungsbedürfig, eine übertourige Sprache sozusagen, bis man akzeptiert, dass sie dem Motor, der sie produziert, angemessen ist.

Im zweiten Teil des Buches, der in den Foltercamps Äthiopiens spielt, wird Schmids Sprache distanzierter, karger auch. Was sie beschreibt, spricht für sich und bedarf nicht der Überhöhung.

Ein mehr als lesenswertes Buch also. Ein Buch, in dem Kriminelles kein Selbstzweck ist, sondern alle Spielarten von Verbrechen und ihren Konsequenzen anbietet. Manche kommen ungeschoren davon (Gerd, der Folterer, stellvertretend für die "Berater", die bis heute kein Gericht zur Verantwortung gezogen hat), andere büßen stellvertretend für die Systeme, aus denen sie kommen, wiederum andere werden geläutert. Es gibt Selbstjustiz, ausgleichende Gerechtigkeit, aber keines der Verbrechen wird auf konventionelle Weise gesühnt. So ist das Leben.

Und das noch: „Aschemenschen“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie gute AutorInnen aus geradezu haarsträubenden Plots glaubwürdige, realistische Geschichten machen können. Seltene Fälle.

dpr

Ulrich Schmid: Aschemenschen. Eichborn Verlag 2006. 396 Seiten. 22,90 €

1. Juni 2006

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