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Die Debütantin
Die Presse-Infos des Eichborn Verlags, die von Zeit zu Zeit in meinem Postfach landen, sind zumeist erfreulicher Natur. "Aschemenschen" von Ulrich Schmid wurde mir so ans Herz gelegt, auch Jan Costin Wagners "Schattentage", ein Spiel mit den Möglichkeiten des Krimis. Gestern jedoch brachte mich schon die Betreffzeile der neuesten Eichborn-Post schwer ins Grübeln: "Regula Venskes literarisches Debüt 'Marthes Vision'". Regula Venske? Den Namen kenn ich doch...
Auch dem Schreiber der Mail ist der Name Venske, wäre ja noch schöner, nicht unbekannt. Stolz zählt er auf:
"Im selben Jahr wurde sie für ihr Jugendbuch über Fanny Lewald mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet, 1992 mit "Schief gewickelt" für den Friedrich-Glauser Preis nominiert. 1996 erhielt sie für "Rent a Russian" den Deutschen Krimipreis und für "Die Alphabetische Autorin" den Hamburger Literaturpreis. 1997 wurde ihr für ihr Gesamtwerk das Lessing-Stipendium des Hamburger Senats zuerkannt."
Fürwahr imponierend, aber meiner Verwirrung ist das durchaus zuträglich. Wie kann jemand mit einer solchen Erfolgslatte bei Eichborn als "Debütantin" durchgehen? - Oh, Kommando zurück, mein Fehler. Es heißt ja: "literarisches Debüt". Will sagen: Was immer Regula Venske vor "Marthes Vision" auch geschrieben haben mag - Literatur kann es nicht gewesen sein. Ebbes für die Vor- und Mittendrin-Pubertären, ein paar Krimis - dass sie für dieses "Gesamtwerk" ein "Lessing-Stipendium" erhalten hat, kann nur ein Irrtum sein, denn so etwas ist doch eigentlich nur für "LiteratInnen" vorgesehen, oder?
Nein, die Streitfrage: "Sind Krimis Literatur?" möchte ich an dieser Stelle nicht mehr durchs Netz jagen. Bei Eichborn sind sie es anscheinend nicht. Mich jedenfalls erinnert diese präzise und vom Geist wahren Kunstschaffens durchdrungene Trennung ganz fatal an einen Satz auf der Homepage von →Astrid Paprotta:
Die Nachbarin sagt: »Jetzt haben Sie Krimis geschrieben, die sind doch alle gut besprochen worden, da können Sie doch auch mal einen Roman schreiben.«
Regula Venske hat es geschafft. Aus den Niederungen deutscher Krimikunst auf den Olymp deutscher Hochschreibe, wo auch der Werbefuzzi der alten Schindmähre Pegasus gar mächtig die Sporen gibt:
"Venske lotet in einem Balanceakt zwischen Traum und Wirklichkeit den Kosmos des Lebens aus, verortet Frauen wie Männer zwischen den Polen von Zuweisung und Entfesselung, wirft einen ironisch-differenzierten Blick in die Ab- und Hintergründe der menschlichen Seele und sucht - ohne sich auf Geschlechter festzulegen - das faustische Prinzip wie jene Kraft zu ergründen, die das Böse will und das Gute schafft."
Schön, wenn man so in die wirkliche Literatur eingeführt wird.
dpr
19. Juli 2006
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