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Das Fundament ist gelegt

Endlich ist sie da: Mirko Schädels „Illustrierte Bibliographie der Kriminalliteratur im deutschen Sprachraum von 1796 bis 1945“. Zwei Bände im Schuber, Lesebändchen, über 1.000 Seiten mit ca. 10.000 Einträgen und ca. 1.300 Abbildungen. Man muss nicht bibliophil sein, um beim Einblick dieses Werkes in blankes Entzücken zu verfallen. Hier stimmt alles. Die äußere Gestalt, der Inhalt, die Einträge, die Abbildungen der Buchumschläge – ja, allein die halten einen für Stunden davon ab, mit dem Studium des Bibliographischen zu beginnen. Man blättert, man schaut, man staunt. Und kann es kaum glauben, dass ein einzelner Mensch (mit Unterstützung anderer, lieber Menschen) diese gargantueske Kraftanstrengung auf sich nehmen und meistern konnte.
10.000 Einträge: ein jeder wie eine Hand, die im letzten Moment ein Buch, eine(n) Autor(in) aus dem Sumpf des Vergessens zieht. Denn genau darum geht es: Die im akademischen Sinne Un-Literatur dadurch vor den Folgen von Ignoranz, Dünkel und Dummheit zu bewahren, dass man sie – bitteschön! – als eine Kulturleistung am Leben erhält, die Informationen bewahrt, deren Zweck es sein muss, viele Gehirne dazu zu inspirieren, sich näher mit diesen „Trivialitäten“ zu beschäftigen, die über ihren reinen Unterhaltungszweck hinaus über vergangene Zeiten, ihre Menschen und Maßstäbe reden können.
Die nach Autoren alphabetisch gegliederte Bibliographie erfasst nicht nur die Titel deutschsprachiger Originale, sondern präsentiert auch das, was im Arbeitszeitraum an Übersetzungen hierzulande erschienen ist, also alle Christies, Wallaces und Conan Doyles, um nur die berühmtesten Vertreter der Gattung zu nennen. Vollständigkeit, darauf weist Schädel korrekterweise in seinem Vorwort hin, konnte dabei nicht angestrebt werden, dazu ist einiges längst von der Bildfläche verschwunden. Ein großes schwarzes Loch bleiben zudem alle Kriminalromane, die nicht sofort als solche zu erkennen sind, weil sie unter der Sammelbezeichnung „Roman“ firmieren und nur nach Lektüre dem Genre zugeschlagen werden könnten. Emilie Heinrichs` „Leibrenten“ etwa, bald in der „Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“ wieder zu haben, gehört dazu, viele andere, auf die man im Laufe der nächsten Jahrzehnte stoßen wird, sicherlich auch.
Dass hinter diesem Werk die harte Arbeit vieler Jahre steckt, versteht sich von selbst. Sie haben sich gelohnt, kein Zweifel, schon allein die biografischen Angaben, in vielen Fällen wohl erst nach mühseliger Rechercheodyssee erreichbar, sind von unschätzbarem Wert. Und dann die Illustrationen, die auf den ungeraden Seiten des Buches abgebildet sind. Sie eröffnen einen bislang unbekannten Kosmos und zeigen, wie sich im Laufe der Zeit die Geschmäcker ebenso wandelten wie die Werbestategien, ja, die Wahrnehmung von Kriminalliteratur überhaupt.
Und nun? Die Bibliographie ist da, das Fundament mithin gelegt. Man kann sie bis zum Jahresende für 175 € erwerben, danach für 198 €, was zugegebenermaßen viel Geld ist, aber angesichts dessen, was man dafür bekommt, eben auch wieder nicht. Schädel hat sein Werk unter anderem den Literaturwissenschaftlern gewidmet, bei denen das Triviale keine Berührungsängste auslöst, die vielleicht auch von einem gelinden Misstrauen in die Literaturgeschichtsschreibung umgetrieben werden und sich mit der These, nur die „hohe Literatur“ lohne eine Beschäftigung, nicht anfreunden können. Sie sind nun gefragt. Denn die Zeit drängt. Kann sein, dass genau jetzt, in diesem Moment, das letzte Exemplar eines wichtigen, zu Unrecht vergessenen Kriminalromans in irgendeinem Müllcontainer seine letzte Ruhestätte findet. Schwierig genug sind die Dinger eh zu beschaffen und, wie gesagt, was nicht explizit „Krimi“ heißt, schlummert noch ganz und gar im Verborgenen. Noch einmal: Das Fundament ist mit dieser Bibliographie gelegt. Nun muss darauf aufgebaut werden. Es lohnt sich allemal.
Interessenten können die Bibliographie direkt bei der →Achilla Presse(bitte „Neuigkeiten“ anklicken) bestellen.
dpr
16. August 2006
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