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Charles Willeford: Sperrstunde

[Krimis out of print. Lesen kann man sie dennoch. Vorher antiquarisch erwerben. Diesmal auf besonderen Wunsch einer besonderen Autorin und wtd-Stammleserin: Charles Willefords "Sperrstunde". Die Rezension wird übrigens Grundlage eines kleinen Kapitels in einem kleinen Buch über die besondere Autorin und wtd-Stammleserin sein. So wird bei Hinternet alles optimal und ökologisch sinnvoll wiederaufbereitet und verwertet.]
Ein Mann und eine Frau begegnen sich. Die Begegnung ist rein zufällig, der Ort ist es nicht. Eine Bar. Die beiden ziehen zusammen, sie sind alkoholabhängig, lebensmüde, sie inszenieren das gemeinsame Sterben, scheitern kläglich, sie suchen professionelle Hilfe in einer psychiatrischen Klinik, auch hier ohne Erfolg. Dann tötet der Mann die Frau, der anschließende Selbstmord scheitert abermals, er stellt sich der Polizei – und die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf. Mit einem für Kriminalromane überraschenden Ende.
Diese Geschichte erzählt uns Charles Willeford in „Sperrstunde“ („Pick Up“). Willeford erzählt, was er selbst von den Personen weiß. Er beobachtet sie, er ist neugierig, er will nicht wissen, WARUM sie so sind, ihn interessiert es allein, wie sie sind. Das Ordnen und Katalogisieren überlässt er den Lesern. Harry Jordon ist ein gescheiterter Maler, Helen Meredith leidet ganz offensichtlich unter der erdrückenden Dominanz der Mutter. Aber gibt es diese kausalen Zusammenhänge, die man als Leser unwillkürlich herstellt, tatsächlich?
Willeford jedenfalls hilft uns nicht weiter. Der Leser mag beider Protagonisten Misere von den mitgeteilten Tatsachen ableiten. Harry säuft und lässt sich treiben, weil er als Künstler versagt hat, Helen entkommt der Mutter, indem sie sich aus der Wirklichkeit trinkt. Ein Psychodrama, von Willeford mit äußerster Intensität aufgezeichnet. Szenen von ergreifender Wahrhaftigkeit, die man „gezeigte Psychologie“ nennen könnte und die diese Wahrhaftigkeit sofort verlieren, wenn man sie analysiert.
Ein Psychodrama? Eben nicht. Oder eben nur, wenn man dem Autor misstraut, seine Arbeit als Leser gedanklich zu vollenden trachtet. Besser lässt es sich kaum demonstrieren, warum „Zeigekrimis“ den „Erklärkrimis“ so unendlich überlegen sind. Sie schreiben Wirklichkeit, sie bauen eine Kriminalstory, und wenn sie gut sind, wirklich gut sind, lösen sie, wie bei Willeford, diese Kriminalstory am Ende wieder auf und lassen uns mit der blanken Wirklichkeit allein.
Denn das ist der Clou, der geniale Coup. In einer beiläufigen Anmerkung am Ende der Erzählung hebelt Willeford sämtliche Deutungskonstrukte aus. Die Nachdenk-Welt des Lesers kollabiert, scheinbare Nebensächlichkeiten des Texten werden plötzlich essentiell. Warum etwa stellt der Psychiater Harry diese merkwürdige Eingangsfrage? Warum reagieren manche Leute so aggressiv auf das Pärchen? Die so feinsinnig gerundete Psychoblase zerknallt an der schmutzigen Realität.
Willeford hebt und senkt dazu nur die Schultern. Er will erzählen. Er weiß, dass sich der Leser die Dinge zurechtrücken wird. Er bedeutet ihm, in diesem einzigen letzten Hinweis: tus nicht. Schau einfach hin. Hör zu. Beobachte. Du kannst in zwei Leben hineinschauen, und es wird dich vielleicht verwirren, aber wenn du deinen antrainierten Deutungszwang, deinen Wahn nach sinnfälliger, objektiv zu konstruierender Wirklichkeit ablegst, wird es dich erhellen. Mehr kann dir Literatur nicht geben. Große Literatur. „Sperrstunde“.
dpr
Charles Willeford: Sperrstunde. Ullstein 1992. 206 Seiten (Original: "Pick Up". 1967)
18. September 2006
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