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Friedrich Ani: Idylle der Hyänen. Teil eins

[Es muss sein. Zu ausführlich gerät mir die Rezension von Friedrich Anis neuem "Kriminalroman", und schon die Gänsfüßchen markieren einen der Pferdefüße. Deshalb nicht die Gesamtrezension am Donnerstag, sondern in drei Häppchen bis Donnerstag. Teil eins: hier.]

Seien wir für einen trügerischen Moment davon überzeugt, bei Friedrich Anis „Idylle der Hyänen“ handele es sich um einen epochalen Kriminalroman, um die geniale Umwertung aller Werte oder doch wenigstens um ein in seiner Radikalität irritierendes Produkt der Spannungsliteratur. Fänden sich dafür Beweise? Und welche Schlussfolgerungen ließen sie zu?

Ganz kurz zur Story: Ein Mann ermordet eine Frau, weil die ihr Kind vernachlässigt. Er fährt dann mit diesem Kind ans Meer, lässt sich Vater nennen, bringt das Kind schließlich zurück zum leiblichen Vater. Ein zweiter Mann gerät im Zuge der Ermittlungen in den Verdacht, die Frau ermordet zu haben. Er hat jedoch eine andere Frau getötet, weil sie es von ihm verlangte. Aufgeklärt wird dies alles von Apolonius Fischer, einem ehemaligen Mönch und jetzigen Kommissar, sowie seinen Mitstreitern, die man auch „Die zwölf Apostel“ nennt.

Fischer, der das Kloster verlassen hat, steht mit seiner Gottverlorenheit, die natürlich immer zugleich Gottsuche ist, nicht allein. Auch die auf eigenen Wunsch getötete Frau ist einem Kloster entsprungen, der Mann, der sie tötet, hasst Gott, was natürlich auch immer bedeutet, dass er ihn sucht. Selbst der andere Mann, der ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, handelt aus religiösen Motiven. Gott ist also allgegenwärtig. Da sagt Polizist Fischer schon mal eine Runde Bibelsprüche auf, bevor er sich mit den Angehörigen des Opfers unterhält, auch seine „Zwölf Apostel“ kommen in den Genuss tiefsinniger Lesungen.

Es ist also alles vorhanden für einen Kriminalroman der nachdenklichen, gar philosophischen Sorte. Wo ist Gott, warum ist er nicht mehr da, warum tut er, was er tut, darf man sich selbst töten, ist Suizid erblich? Eine Studie über Gottesverlust und –gottessuche, die Ani nun in seiner bekannt trübsinnigen, aber doch atmosphärisch durchaus dichten Art erzählen könnte. Nur: Er tut es nicht. Er weigert sich. Was wir über 350 Seiten lesen müssen, ist keine Geschichte, sondern eine Abfolge unsäglicher Banalitäten, von einer Horde exaltierter, ja, völlig hysterischer Textaufsager auf den knarrenden Brettern eines windschiefen Krimis amateurhaft deklamiert.

„’Auch die Feigheit ist Teil der menschlichen Natur’, sagte Fischer. ‚Und die Lüge und die Dummheit und der Selbstbetrug.’“

Jede Person des Romans steht kurz vor dem Kollaps, kurz vor der Explosion, eine Folge notorischen Schwerdenkens über die letzten Dinge, die, sobald sie zu Wörtern werden, auch zu Schrott werden. Nein, das hier ist keine Geschichte, in der Menschen agieren. Die Figuren werden auf ihr Tiefgründeln reduziert, sie funktionieren als Nummernboys und Nummerngirls, intellektuell leichtbekleidete Heulsusen, die ihr Elend stolz vor sich her tragen und eine neue Runde im ewigen Räsonnieren über die Kinkerlitzchen des Seins einläuten.

Das hat natürlich was. Das ist, liebe Mitrezensenten, keine Philosophie, und wer jetzt „Dürrenmatt!“ raunt, dem spendieren wir einen Schnellkursus „Die Literatur und ich. Ein Missverständnis“. Es ist Anti-Philosophie, Anti-Dürrenmatt, ja, Anti-Literatur, denn nicht nur die Geschichte wird verweigert, sondern alles, alles, was Literatur zur Literatur macht, versinkt im Obsoleten.

Auch die Form. Ein Kriminalroman nämlich ist „Idylle der Hyänen“ nicht. Wer einen Spannungsbogen findet, der darf ihn behalten, keine Spannung, keine Überraschung, es ist, als weigere sich das Genre, dieses Sammelsurium von Blödsinn in eine Ordnung zu bringen. Dort wo der Kriminalroman den Zutritt zu Abgründen ermöglicht, ist er bei Ani nichts weiter als ein unter lustloser Vergeudung von Schweiß gegrabenes Loch, in das man das scheinbar Abgründige wirft, um es endgültig zu begraben.

Warum also „Krimi“? Warum nicht tatsächlich Theater, Personal, das sich monologisch das Leid aus dem Leib krakeelt, ein „Erzähler“ am Bühnenrand, der das, was da gebrüllt wird, sogleich erklärt. Binsigstes Wühlen nach den letzten Dingen.

dpr

(Fortsetzung folgt)

12. September 2006

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