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Deutsche Krimis 2006 - erste Annäherung
Wenn die Blätter zu fallen beginnen, wollen die Blätter des neuen Krimijahrbuchs vollgeschrieben werden. Das ist unser Schicksal, und ein besonders heimtückisches hat mich auch dieses Jahr dazu erkoren, den deutschen Krimi des Jahres 2006 zu bilanzieren. Nun, das Jahr ist noch nicht vorbei; gut so. Denn, ehrlich, ein erstes Fazit fiele einigermaßen ernüchternd aus. Ganz so erfreulich wie im letzten Jahr ist es diesmal nicht. Aber auch keine Katastrophe.
Der ganz große Hammer, der Überkrimi: Fehlanzeige. Ich hoffe ja noch auf Norbert Horsts neues Werk „Blutskizzen“, das Anfang November in den Buchläden sein wird und schon auf meinem Schreibtisch zur gefälligen Begutachtung liegt. Die ersten Seiten: Norbert Horst bleibt sich stilistisch treu, prima, denn dieser Stil ist tragfähig.
Rasch ein paar spontane Namen: Das Jahr begann mit Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ überaus erfreulich. Gelungenes Debüt. Dann Bücher von Lena Blaudez („Farbfilter“), Ulrich Schmid („Aschemenschen“) und, vor kurzem erst, D.B. Blettenberg („Land der guten Hoffnung“), die zu überzeugen vermochten und das „Exotische“ der Handlungsorte gemeinsam haben. Zweimal Afrika, einmal Asien. Und auch Schenkels „Tannöd“ war ja schon irgendwie „exotisch“, tiefste Provinz und 50er Jahre. Eine Linie, an deren Ende Birkefeld & Hachmeister mit ihrer „Deutschen Meisterschaft“ stehen, zwar nicht tiefste Provinz, aber 1926 als historische Aktzeit und insgesamt gut gelungen.
Das nun sind zwei Tendenzen, die auch 2005 zu beobachten waren. Den deutschen Krimi zieht es in die Ferne oder in die Vergangenheit. Kein allgemeiner Trend, das wirklich nicht, aber auffällig schon.
Was mir Gelegenheit gibt, auf meine persönliche Überraschung des Jahres hinzuweisen, Jens Luckwaldts „Tod in Arkadien“. Spielt im späten 18. Jahrhundert auf einem abgelegenen Schloss, sprachlich der Zeit angepasst, ohne sie zu parodieren oder altertümliche Sprache mit gestelzter Sprache zu verwechseln. Doch, sehr sehr schön. Und in keinem „normalen Verlag“ erschienen, sondern als book on demand. Da sollten sich die Schlitze unserer Augen finster verengen. So geht das nicht, deutsche Krimiverleger!
Bliebe der moderne, bodenständige, im Hier und Heute spielende Deutschkrimi. Frank Göhres „Zappas letzter Hit“? Mag sein, ich habe ihn noch nicht gelesen, weil gar nicht bekommen. Ging mir auch so mit Oliver Bottini, mit Heinrich Steinfest, beide im Schnitt wohlwollend besprochen, ohne nun Anlass zur Vermutung zu geben, wir hätten es hier mit Ausnahmetexten zu tun. Ansonsten? Spontan fällt mir nichts ein, da muss ich noch ein bisschen stöbern. Scheint eher so, dass die Ausnahmetexte wieder einmal aus dem Ausland kamen, die Littells und Paduras, die Khadras, die P.J. Tracys. Wer jetzt „Ani!“ ruft, fliegt raus, obwohl das natürlich im Hinblick auf den „Deutschen Krimipreis“ spannend wird, vom „Glauser“ gar nicht zu reden. Aber da ist mir der gute alte Jacques Berndorf mit seinem „Eifel-Kreuz“ gerade recht gekommen, auch hier geht’s um Religion, aber anders, nüchterner, realistischer, aufklärerischer.
Weiter gucken. Bestimmt habe ich jetzt den einen, die andere vergessen, aber es ist noch ein bisschen Zeit, das deutsche Krimijahr Revue passieren zu lassen. Und vielleicht schleicht er sich ja auch noch ran: der große Knaller des Jahres.
dpr
13. Oktober 2006
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