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Fernando Molica: Krieg in Mirandão

Wer oder was bestimmt eigentlich darüber, wie Kriminalliteratur auszusehen, zu funktionieren hat? Genre-Theoretiker? Kritiker? Über ästhetische und poetologische Fragen räsonnierende AutorInnen? Das lesende Publikum? Ja, sicher, die machen das. Die schwadronieren, experimentieren oder transportieren einfach die ewigen Gesetze von Spannung und Dramaturgie durch die Zeitläufte. Aber eine Instanz, die gewichtigste, haben wir vergessen: die Verhältnisse.

„Krimi aus Rio“ nennt Fernando Molica seinen Roman „Krieg in Mirandão“. Krimi? Der Leser wundert sich. Nein, das kann nicht Krimi sein, und dass Krimi draufsteht, ist eine Unverschämtheit.

Schön, klar, gut. Wir begeben uns in die Slums von Rio de Janeiro, die Favelas, wo die Drogenbarone regieren und Mord zu den täglichen Verrichtungen gehört. Eine Gruppe radikaler Linker versucht nun, mit dem Chef der Favela von Mirandão zu kooperieren, im gegenseitigen Interesse: Schutzgeld von den Geschäftsleuten des „besseren“ Viertels kassieren, dafür im Gegenzug keine Verbrechen mehr, die Mittel werden für die Verbesserung der Lebens- und Bildungsverhältnisse eingesetzt, alles stabilisiert sich, der Drogenkönig kann in Ruhe dealen und expandieren und die Linke fröhlich politisieren und die Stadtguerilla für die unausweichlich nahende Revolution aufbauen. Und, oh Wunder, es scheint tatsächlich zu funktionieren.

Auf Kosten des konditionierten Krimilesers, hm? Er / sie quält sich durch seitenlange theoretische Diskurse, die an manchen revolutionären Gymnasiasten erinnern, der einstmals – lang ist’s her – die sozialistische Weltgerechtigkeit theoretisch ausarbeitete, bevor es ihm dämmerte, Geschlechtsverkehr und Bausparen seien vielleicht doch einfacher in die Tat umzusetzen.

Natürlich wird munter gemordet in Mirandão. Natürlich gibt es korrupte Polizisten, zynische Journalisten und grübelnde Idealisten. Aber ein Krimi nach unseren Vorstellungen will sich partout nicht entwickeln.

Und das liegt an den Verhältnissen. Die in all ihrer Trost- und Perspektivlosigkeit zu beschreiben, das konstituiert wie selbstverständlich kriminelle Strukturen abseits jener künstlich erzeugten „Normabweichungen“, deren Spannung uns gewöhnlicherweise entspannt. Nicht die Taten von „Verbrechern“ machen also den Krimi und schreiben seine Dramaturgie nach den bekannten Regeln. Eine Ordnung wird in Frage gestellt, die Ordnung des Elends, des Rassismus, der Geld- und Machtgier, und am Ende wird im blutigen Showdown diese Ordnung wieder hergestellt. Das ist ja gute alte Krimitradition, sicher, aber eben die andere, die dunklere Variante.

Erinnert uns das an Hammetts „Rote Ernte“? Sollte es, und zwar stark. Molicas Roman ist die moderne brasilianische Adaption der klassischen Story des Noir, die ja nicht nur inhaltlich neue Maßstäbe setzte, sondern auch formal-dramaturgische. Die Verhältnisse selbst sind das Verbrechen, die biedere Whodunit-Frage und ihre noch biedereren Implikationen wuchern zur Analyse von Macht und ihren Helfershelfern, münden in die Frage nach „Normalität“ und der Natur ihrer Büttel Recht & Ordnung.

Der „Krieg in Mirandão“ wird gewonnen. Von den Falschen, aber wahrscheinlich kann es nur Falsche auf beiden Seiten geben. Alles geht wieder seinen Gang, normal halt. Der Krimi bleibt Krimi über sein Ende hinaus, denn die Verhältnisse haben sich nicht geändert.

dpr

Fernando Molica: Krieg in Mirandão. Edition Nautilus 2006. 188 Seiten. 13,90 €

23. Oktober 2006

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