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Richard Laymon: Die Insel

Eine Gruppe Schiffbrüchiger strandet auf einer einsamen Insel, wird im weiteren Verlauf dezimiert, während die Überlebenden herauszufinden versuchen, was Ihnen widerfährt und wie sie den Kampf gegen einen unbekannten Gegner aufnehmen und gewinnen können. Klingt klassisch? Hört sich nach Abenteuer, Thrill und Südsee(alp)träumen an? Könnte sein – ist es aber nicht.

Es funktioniert in der Fernsehserie „Lost“ auf der Abenteuerebene mit mystischen Untertönen recht gut, es hat bei William Golding als zynische Zivilisationskritik getaugt, wurde bei Gilligans Insel zur Komödie und hat alle diese Anlagen seit Defoes „Robinson Crusoe“ in sich getragen.

Irgendwie findet es sich auch bei Laymon wieder. Und doch ist es anders: brutaler, billiger, blöder; sozusagen das „All-inclusive-Paket“ des Inselthrillers. Inszeniert von einem nicht untalentierten, aber sensationslüsternen Alleinunterhalter.

Der fiktive Erzähler: ein notgeiler, schmächtiger, nicht sonderlich attraktiver Achtzehnjähriger, der selbst dann noch ausschließlich an Sex denkt, wenn schon die ersten übel zugerichteten Leichen zu Grabe getragen werden.
Der Killer: ein lächerlicher Fettsack mit ziemlich abseitigen Fantasien.

Sein Komplize: ein lächerlicher, höriger Fettsack mit ziemlich abseitigen Fantasien.

Die Opfer: einem Playboy/ Playgirl Kalender entsprungen. Laymon lässt seinen Erzähler seitenweise über die körperlichen Vor- und Nachteile seiner Favoritinnen räsonieren. Wobei die Vorzüge bei ALLEN überwiegen.
Das könnte eine bittere Satire über den Aufstand der Unterprivilegierten gegen die Scheinwelt der Schönen und Reichen sein. Zu Beginn bürstet die schnodderige Sprache des jugendlichen Tagebuchschreibers die hochdramatischen und brutalen Erlebnisse durchaus gegen den Strich, dann plätschert es in Elogen auf jeden erdenklichen Quadratzentimeter weiblicher Nacktheit dahin, einem Ästhetizismus huldigend, der seine Verfilmungsrechte bei Leni Riefenstahls mentalen Erben sieht, und wiederholt sich und wiederholt sich, um zum Ende hin unvermittelt widerwärtig zu werden.

Es ist immer unangenehm als Leser zum Mittäter zu werden, aber es gibt Autoren und Bücher, die lassen diesen voyeuristischen Akt notwendig erscheinen, nehmen einen an die Hand und führen den Leser in den siebten Kreis der Hölle. Losgelassen kann man dann Erkenntnissen entgegen taumeln, oder dort bleiben wo man vorher schon war. Richard Laymon gehört NICHT zu diesen Autoren. Die ausführlich beschriebene und vom Erzähler mit Wonne beobachtete Vergewaltigung einer Vierzehnjährigen ist inhaltlich absolut sinnlos. Da die Täter kein großartiges Motiv haben („Sexsklavinnen halten“ halt) führt die Szene zu keinem Einblick in deren Psyche, und das der beobachtende Erzähler schwanzgesteuert ist, war auch schon 300 Seiten vorher klar. Dass die Opfer kaum traumatische Folgen (und wenn ist das eh nur nervig, und genervt hat die jeweilige Person auch vorher schon) erleiden, selbst schwere körperliche Misshandlungen nur minimalsten Schaden anrichten, ist allen Folteropfern höhnisch ins Gesicht gespuckt.

Dass der Erzähler am Ende zum sadistischen Folterknecht wird, und das Buch wie der Bravo-Fotoroman eines Jungredakteurs im Allmachtswahn ausgeblendet wird, mag zwar auf den ersten Blick konsequent erscheinen - doch wie lautet wohl eine Folgerung aus solcher Konsequenz: „Es ist geil gefangene Frauen zu ficken; vor allem wenn sie Playmate des Jahres sein könnten…“???

„Die Insel“ ist vor allem zwei: verlogen und austauschbar. Denn eigentlich hätte Laymon seine weiblichen Protagonisten, die Täter und den Chronisten in einen Raum sperren können, sie ein bisschen im Kreis laufen lassen, um anschließend in ausschweifende S/M Fantasien einzutauchen. Aber das hat er sich wohl nicht getraut. Und was das Ausloten der Grenzen des Menschseins angeht, war der Marquis de Sade schon vor rund 200 Jahren weit voraus.

Dass Jack Ketchum, der mit „Evil“ all das geschafft hat, was Laymon nicht ansatzweise gelingt, diesen Roman lobt – parbleu, es fällt mir schwer zu glauben.
Dean Koontz und Stephen King sind ja die üblichen Buchdeckel-Verdächtigen, um irgendwelchen Schrott zu vergolden. Aber Jack Ketchum? Sorry, wrong number….

Jochen König

Richard Laymon: Die Insel. Heyne 2006. 559 Seiten. 9,95 €

18. Oktober 2006

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