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Ein handgemachter Mord
(Ex-Kommissar Wickius, nach einer Intrige denk- und kommentarfauler Blogleser seines Amtes enthoben und in den vorzeitigen Ruhestand geschickt, kennt die Verbrechens- und Kriminalliteratur der letzten ca. 2500 Jahre in- und auswendig, er löst jeden Fall, indem er das literarische Muster dafür sucht. Und Sie? Wissen auch Sie, welche klassischen Fälle den hier in loser Folge geschilderten Mordtaten zu Grunde liegen? Dann nichts wie ran an die Kommentarfunktion! Für alle Unbelesenen gibt es die Auflösung immer ein paar Tage nach der Veröffentlichung der Geschichte.)
Er hätte ablehnen sollen. Aber für einen Moment war er sentimental geworden, sehnte sich nach seinem alten Arbeitsplatz im Polizeipräsidium, nach dem ächzenden Stuhl hinter dem wurmstichigen Schreibtisch, nach Oberschiller, der ihm immer gegenüber gesessen hatte, jetzt aber nach überstandener Schussverletzung eine REHA-Maßnahme in Bad Wildungen absolvierte und pausenlos Ansichtskarten schickte. Auf seinem Platz saß nun SIE: auch nicht mehr die Jüngste, aber burschikos, nicht unknackig, wie ihm der Chef zugeflüstert hatte, als endlich feststand, dass Wickius Oberschiller bis zu seiner endgültigen Genesung vertreten würde. SIE: KHK Lisa Kant; paffte einen Zigarillo Marke Josef Ackermann und schaute lustlos in den roten Himmel über der Stadt. „Sieht aus, als wenn---“, sinnierte sie, drückte dann aber ihren elastischen Körper durch und winkte ab: „Ach was, ich hab auch so schon Migräne.“ Wickius, der kein Wort begriffen hatte, nickte mechanisch. In diesem Moment klingelte das Telefon.
„Auch nicht gerade die beste Gegend“, stellte die Kant überflüssigerweise fest und nahm die Damen auf dem Trottoir ins Visier. „Straßenstrich“, sagte Wickius nüchtern und winkte den Damen zu, die jauchzend zurückwinkten. Die Kant schaute pikiert. „Kennen Sie die?“ „Nicht alle. Die Kleine ganz vorne ist eindeutig nach meiner Zeit. Aber die anderen kennt man natürlich. Alles Spitzenkräfte und wie es sich für unsere Stadt gehört seit mindestens 30 Jahren SPD-Parteimitgliederinnen.“ „So, so.“ Und steckte sich wieder einen dieser stinkenden Zigarillos ins Mundloch. „Dann gehen wir mal hoch zum Tatort.“
Der lag im 3. Stock des Hauses. Billige Gegend, klar, in den Hinterhöfen stanken die Mülltonnen. Die Leiche lag auf dem Bett, Dr. Willkomm beugte sich gerade über sie, als Wickius und Kant hereinkamen. „Na, Doc, weiß man schon wie und warum und wer und wann?“ Die Kant gab sich jovial, was ihr nicht so gut stand. Dumme Kuh, dachte Wickius und bereute seinen inneren Gefühlsausbruch sofort. Der Doktor nahm es gelassen. „Tja. Komischer Fall. Keine äußeren Verletzungen. Ich würde mal auf Handkantenschlag tippen.“
KHK Kant pfiff durch die Zahnreihen. „Handkante? Jo, da legst di nieder!“ – „Dialekteln Sie nicht“, zischte Wickius, der drei Dinge im Leben nicht ausstehen konnte: Zwiebelkuchen, Serienmörder und Menschen, die kein Hochdeutsch konnten. Dialeck mich doch, fauchte die Kant still in sich hinein.
„Wer hat die Leiche gefunden?“ wandte sich Wickius an einen Uniformierten, der grünlichen Antlitzes neben der Tür stand. „Hausmeister“, antwortete der nur kurz und erbrach sich dafür umso länger auf seine Schuhspitzen.
Der Hausmeister saß am Küchentisch seiner Wohnung und schmeichelte der Katze, einem rötlichen fetten Monster, das erhobenen Schwanzes über das Wachstuch stolzierte. „Na, Kätzel, bist meine Beste, ja, ja, ja...“
„Sie haben den Toten gefunden? Wohnt der hier?“
Der Hausmeister sah zuerst Kant an, dann – musste wohl der Vorgesetzte sein – Wickius. „Klar. Der Herr Dingens halt. Wohnt hier mit seiner Frau, die ist aber wohl noch auf Arbeit. Netter Mann, das. Bisschen Halodri, wenn Sie wissen, was ich meine.“
Die Kant hustete, schon wieder eine Josef Ackermann zwischen den Lippen. „Und wieso haben Sie den...“
„Na, Frolleinchen, ich bin der Hausmeister. Und natürlich neugierig. Nachdem diese flotte Biene zu dem Dingens in die Wohnung gegangen ist --- also ich kann Ihnen sagen --- SO ein Feger! Aber, denk ich mir: Zwei Stunden? Übertrieben, nüch? Wollt ich halt mal gucken, ob alles in Ordnung....“
„Sie haben also“, kombinierte Wickius, „eine hübsche Frau gesehen, die zu diesem --- äh, Dingens in die Wohnung gegangen ist und haben vermutet, dies sei zum Zwecke des Vollziehens des Geschlechtsverkehrs...“
Die Kant prustete. „Äh... nun ja, weil die ein Schäferstündchen...Kannten Sie die Frau? Wie sah sie aus?“
Der Hausmeister streichelte die Katze und tat so, als würde er überlegen. „Na, wie so eine eben aussieht. Kommt unsereiner ja nich ran, muss unsereiner da vorn zu den Bordsteinschwalben, nüch. Also – tolle Figur, tolles Gesicht, tolle Haare. Ganz in so ner Art Blau gekleidet. Und hatte nen Fotoapparat dabei.“
Wieder draußen auf der Straße. Der Himmel war noch immer blutrot, ein Mann mit Pferdeschwanz führte seinen Fiffi aus. „Octavio, let us go!“ Die Kant schaute dem Pärchen versonnen nach. “Also wenn Sie mich fragen, Kollege – typische Beziehungstat. Der Mann treibt es mit der Jungen, seine Frau kommt unerwartet heim und zack, haut ihm die Handkante gegen die Halsschlagader.“
Wickius sagte nichts. Er seufzte unhörbar. Wieder eine Kollegin, die ihre Klassiker nicht gelesen hatte.
dpr
27. November 2006
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