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Harlan Coben: Keine Friede den Toten

Nachwuchskritiker Jochen König, dessen trauriges Schicksal – seit Monaten wegen fortgeschrittener Harlancobenphobie in psychiatrischer Behandlung – wir an dieser Stelle schon beklagten, hat uns nun ein weiteres Indiz für seine schwere Erkrankung zukommen lassen. Eine Rezension wie aus dem Ärmel der Zwangsjacke geschüttelt – die Ausbildung bei „watching the detectives“ lässt sich nicht verleugnen. Jochen, wir halten zu dir!)
Sein Thema ist ein redliches: die Brüchigkeit der Existenz, das Spiel mit dem Nichts-ist-wie-es-scheint. Was Harlan Coben allerdings daraus macht ist ein plüschiges Kasperletheater. Eigentlich könnte hier erneut die Rezension zu „No second chance“ stehen. Nein, gelogen, „The innocent“ ist besser als jener unsägliche Roman, aber nicht so unterhaltsam wie Grace Lawsons Abenteuer in der imponderablen Welt der zerfließenden Konturen.
Zur Handlung: Matt Hunter, juveniler Totschläger aus Versehen, trifft Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis seine große Liebe wieder, heiratet sie, könnte glücklich werden, wenn nicht die Geister der Vergangenheit ein wütendes Auge auf ihn und seine bezaubernde Olivia geworfen hätten. Und so wird er aus seiner geglückten Resozialisierung und der Sehnsucht nach schönerem Wohnen gerissen. Denn die Göttergattin ist nicht das, was sie zu sein scheint. Außerdem hat die – diesmal nicht ganz so tumbe - Polizei auch ihre Vorbehalte gegen Matts Rückkehr ins bürgerliche Langweilerleben.
Nach der viel zu langen Einleitung, die die Befindlichkeiten des Protagonisten akribisch auslotet, reiht sich dramatisches Episödchen an dramatisches Episödchen und am Ende hagelt es Auflösungen, Familienzusammenführungen und Glückseligkeiten, so weit das Auge reicht.
Das ist mitunter spannend, manchmal komisch – ehrlich gesagt nur einmal: in der deutschen Version auf Seite 126. Ein einsamer Witz, aber ein Guter. Aber meistens nur dicke Backen Literatur, die keine nachvollziehbaren Personen kennt, sondern lediglich ein scheinbar spektakuläres Panoptikum. Kurzes Beispiel gefällig:? Da reicht es nicht, dass eine der Hauptfiguren eine dirty Dancerin war, die ihrem chromstangenbestimmten Schicksal entkommen will, nein, sie muss mit früher Schwangerschaft gesegnet sein, ihren Tod vortäuschen und trotz nicht erfahrener Schul- und Universitätsbildung einen tollen Job bekommen. Dass eine derartige Selbstverleugnung nicht gut gehen kann, ist Cobens Lesern klar, natürlich wird die Identitätsflüchtige eines schönen Tages enttarnt – wobei eine Nonne mit Brustimplantaten eine gewichtige Rolle spielt -, und eingeholt von einer Vergangenheit, die ihr die Pest an den Hals wünscht. Glücklicherweise kennt jemand den unbekannten Country Hit „Stand by your woman“ und verhält sich dementsprechend.
Ich will nicht entschlüsseln, warum sich Cobens Figuren verhalten wie sie es tun, die Antwort ist eh immer gleich: weil die Storyline es so verlangt. Wenn die Geschichte aber nur als wenig amüsante Satire auf gängige Spannungsliteratur taugt, verhält es sich mit den handelnden Personen entsprechend. Wenn keine Satire geplant war, haben wir ein Problem: weder genügend Spannung für’s Drama, noch ausreichend Witze für eine Komödie. Rund 460 Seiten von irgendwas. Bedrucktes Papier. Danksagungen am Schluss. Ist okay. Bloß: wofür?
Dann, als Zugabe – hat denn jemand geklatscht??? - eine Myron Bolitar (Sportagent und Cobens Serienheld) Kurzgeschichte, deren Pointe darauf beruht, dass man während des Lesens nichts sieht. Na ja. Macht nicht gerade Appetit auf die viel gelobten und mit diversen Preisen ausgezeichneten Romane.
PS.: Und wieder mal gelingt Coben mit Cingle Shaker eine interessante Nebenfigur, der man gerne mehr Raum wünscht. Doch ganz im Gegenteil: je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr verblasst die Guteste. Erzählerische Ökonomie ist etwas anderes.
Jochen König, aka Prisoner No. 6
Harlan Coben: Keine Friede den Toten. Goldmann 2006 (Original: "The Innocent" 2005, deutsch von Gunnar Kwisinski). 478 Seiten. 8,95 €
8. November 2006
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